Leseranwalt

anton.sahlender@mainpost.de
Leseranwalt
    
publiziert: 13.06.2011 18:52 Uhr
aktualisiert: 15.06.2011 11:51 Uhr
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Über das Versagen der Medien und über Kachelmanns Bild in der Öffentlichkeit

Die Medien sind schuld. Ein solcher Generalvorwurf ist immer häufiger zu hören, aktuell nach dem Aufsehen erregenden Prozess gegen den bekannten TV-Wettermoderator Jörg Kachelmann. Und wenn es pauschal gegen „die Medien“ geht, dann auch gegen diese Zeitung. Weshalb? Weil Persönlichkeiten mittels sogenanntem „Kampagnen-Journalismus“ an den Pranger gestellt werden. Weil zu viel Privates voyeuristisch ausgebreitet wurde.

Und Kachelmann bleibt uns erhalten. Revision ist in seinem Fall angesagt. Deshalb, und damit Sie als Leser Veröffentlichungen dazu noch besser beurteilen können, fasse ich kursiv zusammen, was Journalisten dürfen und was nicht. Nachzulesen auch im Kodex des Deutschen Presserates, dem sich die gedruckten Medien unterworfen haben.

Sorgfältige Unterrichtung der Öffentlichkeit soll der Berichterstattung dienen und sie darf nicht vorverurteilen, wenn es um Ermittlungs- und Gerichtsverfahren zu allen Rechtsverletzungen geht.

Ziel der Berichterstattung darf in einem Rechtsstaat auch keine soziale Zusatzbestrafung Verurteilter mit Hilfe eines „Medien-Prangers“ sein. Ein journalistisches Spannungsfeld ist eröffnet, weil über falsch verstandene sorgfältige Unterrichtung der „Medien-Pranger“ droht. Der kann aber alleine wegen der Nachrichtenmenge entstehen, obwohl die Sprache deutlich unterscheiden muss zwischen Verdacht und erwiesener Schuld. Der Effekt verstärkt sich bei Promis wie Kachelmann, die beim Namen genannt und abgebildet werden dürfen, weil sie Personen der Zeitgeschichte sind und weil die ihnen zur Last gelegte Tat im Widerspruch steht zu dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihnen hat. Diese Türe zur Identifikation öffnen Pressekodex und Rechtsprechung.

In Boulevardmedien und in TV-Talkshows wird sie fortwährend und ausgiebig durchschritten. Sie bringen Aufmerksamkeit, Quote und dazu eine Welle durch die Medienlandschaft ins Rollen, gewaltig verstärkt im Internet, teilweise durch unsägliche Kommentierungen vorwiegend in den sogenannten sozialen Netzwerken. Niemand kommt vom Thema los – auch diese Zeitung nicht.

Weglassen geht nicht. Dabei dürfen Menschen nicht durch unangemessene Darstellungen in Wort und Bild in ihrer Ehre verletzt werden. Darüber, ob schon die Häufigkeit der Nachrichten verletzend und unangemessen ist, kann man sich streiten. Angemessen sind sicher Erklärungen, Differenzierungen und Einordnungen.

Hat es daran gefehlt? Kritisieren Sie konkret, nennen Sie das Medium beim Namen, das Sie meinen. Wenn „die Medien“ versagt haben, fühlt sich keines angesprochen.

    
    

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»Alle 17 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

Du_di_ned_oo (2934 Kommentare) am 24.06.2011 10:38

Medien-Versagen konkret

Im Fall Kachelmann wäre weniger Berichterstattung sicher mehr gewesen.
Dies hätte auch den Gericht geholfen ein weniger vom Druck der Öffentlichkeit getriebenes Urteil zu fassen. Mich hat dieses Thema überhaupt nicht interessiert.
Mir hätte eine Zeitungsmeldung zum Urteil völlig gereicht.

Nun zu meinem eigentlichen zwei Themen:

Die Berichterstattung über die angeblich schwerverletzten Polizisten bei Ausschreitungen bei S21-Demos fand ich "unterirdisch". Etwas mehr Recherche wäre hier offensichtlich angebracht.
Links zu zwei Berichten (dpa)
Angst um das Leben eines Polizisten
http://www.mainpost.de/ueberregional/politik/zeitgeschehen/Angst-um-das-Leben-eines-Polizisten;art16698,6203488

Stuttgart-21-Gegner verletzen neun Polizisten
http://www.mainpost.de/ueberregional/politik/brennpunkte/Stuttgart-21-Gegner-verletzen-neun-Polizisten;art112,6201975

Andere Themen fehlen mir in dieser Zeitung völlig.
So habe ich z.B. gestern in der taz einen Bericht über Großspenden von juristischen Personen an Parteien gelesen die - um diese zu verschleiern - in Teilspenden aufgespalten werden. Warum lese ich in der MP nichts davon?
Dies hätte sogar noch lokalen Bezug da es sich z.B. um Spenden von Möbelhäusern in Würzburg an die CSU handelt.
Hier der Link zu dem Bericht:

XXXL-Spenden in kleinen Stücken
Neue Fälle zeigen, dass die sofortige Veröffentlichungspflicht für Großspenden mutmaßlich umgangen wird - wie bei der Möbelfirma XXXL und bei Bosch. Sanktionen gibt es nicht.
http://www.taz.de/1/politik/parteispenden-watch/artikel/1/xxxl-spenden-in-kleinen-stuecken/
(0)
mdeeg (778 Kommentare) am 16.06.2011 15:47

Grundätzliches (2)

Noch etwas zur "bayrischen" Vorgehensweise:
Es kann schlichtweg nicht sein, dass einerseits ein Dikatorensohn trotz Verdachts massivster Straftaten (Mordauftrag etc.) nicht zur Anklage gebracht wird sondern im Gegenteil bis ins Justizministerium in München hinein (SZ heute, Initiative bayerischer Strafverteidiger etc.) aus "übergeordnetem Interessen" verhätschelt wird während man gleichzeitig gglaubt, gegen "Nomalbürger" schwerste Grundrechtseingriffe und - verletzungen, Konstruktion von "Lyrik-Straftaten" und selbst - wie ich beweisrechtlich behaupte - vorsätzliche Lügen mittels Amtsgewalt "vertuschen" zu können.

Das Justizministerium ist offenbar viel zu lange unter CSU-Führung. Dies ist 2013 zu ändern! Und dafür sollte die Opposition, die sich aktuell kurioserweise in der FDP zu erschöpfen scheint, endlich an einem Strang ziehen!
(0)
mdeeg (778 Kommentare) am 16.06.2011 15:46

Mal grundsätzlich!

Herr Sahlender, ich beschäftige mich, und ich gehe davon aus, Sie wissen das (jedenfalls wollten Sie der Strafanzeige u.a. gegen Dr. Baumann beim Oberlandesgericht Bamberg nachgehen, wie Sie einmal schrieben), seit längerem mit der Vorgehensweise der Justiz.

Tatsache ist, und hierfür ist das Verfahren Kachelmann symptomatisch, dass OHNE ZUTUN VON MEDIENBERICHTERSTATTUNG die Strafverfolgungsbehörden "anders" vorgehen würden und müssten!

Da sich insbesondere jedoch Staatsanwälte darauf verlassen können, dass sie - und zwar in Würzburg durchweg - eine GEFÄLLIGE BERICHTERSTATTUNG in ihrem SInne
erwarten können, hat dies durchaus Einfluss auf das Gebaren der Justiz und insbesondere der Initiativermittlungen (die auch mal ohne "Geschädigte" auskommt!).

Da ich selbst Opfer dieser Vorgehensweise in einem Maße wurde, die nach objektiven Kriterien nicht nur meiner Meinung nach nicht mehr das geringste mit Rechtsstaatlichkeit sondern vielmehr mit parteipolitischem Amtsmißbrauch zu tun hat (ich rede hier ausdrücklich von der Staatsanwaltschaft/Generalstaatsanwaltschaft unter Federführung des Generalstaatsanwaltes (nicht von Herrn Dr. Geuder) und dem Oberlandesgericht in Bamberg, 1. Strafkammer, Vorsitz Dr. Baumann), wird diese Vorgehensweise öffentlich zu überprüfen sein.

Die Mainpost sollte ihre eigene Rolle hierbei seit 2005 und auch in anderen Bereichen endlich einmal reflektieren. (Auf der Facebook-Seite von Hr. Czygan taucht als "Freund" auf der ersten Seite Frau Merk auf....das ist eher erheiternd, spiegelt aber wohl das Problem....).
Der Fall Kachelmann beleuchtet nun die grundsätzliche Problematik auf einer erweiterten Ebene - und zwar derart entlarvend, dass dies insgesamt Folgen haben wird!
(0)
mdeeg (778 Kommentare) am 15.06.2011 17:33

So, jetzt habt "ihr" den Salat....

"Richtig bereut habe sie die Anzeige, «als nach JKs Festnahme die Medienhölle losging und diese Hexenjagd im Internet." Zitat aus dem Interview von Claudia D., morgen in der Bunten....

Vielleicht liegt ja das Problem tatsächlich doch auch "irgendwie" bei der Justiz, namentlich der Staatsanwaltschaft und den "Medien", von denen man dann aber komischerweise doch nicht lassen kann - jedenfalls scheint KEINER mehr mit der Praxis "zufrieden"....
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mdeeg (778 Kommentare) am 15.06.2011 17:12

Bild in der Öffentlichkeit...?

Was sagt denn Kachelmann dazu? Der kann ja schließlich Erfahrungen aus erster Hand schildern, die aber offenbar nicht gern gehört werden!

Professor Dr. Bernd Schünemann, Strafrechtler an der Universität München zitiert in einem Artikel, nachzulesen unter Psychologie-Aktuell.com, aus dessen erstem Interview:

"Kachelmann pointiert im Interview mit der "Zeit": "Wenn in deutschen Knästen alle Häftlinge tot umfallen würden, die Taten zugegeben haben, die sie nicht begangen hatten, wären die Knäste halb leer. Viele Beschuldigte werden erpresst und mit allen Mitteln dazu gebracht, Geständnisse abzulegen. Das ist das Wesen des sogenannten Deals vor Gericht.

Man gibt als Beschuldigter mehr zu, als man ausgefressen hat. Man räumt noch ein paar ungeklärte Fälle ein oder legt zu den tatsächlichen drei Kilo geschmuggelten Rauschgifts noch ein paar drauf - und hofft auf Gnade. Die Staatsanwälte freuen sich, ihre Fälle sind aufgeklärt, sie kriegen Fleißkärtchen, und die Erfolgsstatistik stimmt. Der allerorts übliche Deal ist eine staatlich sanktionierte Erpressung. Und die Verteidiger raten ihren Mandanten: 'Machen Sie mit, sonst ist der Staatsanwalt böse und fordert eine höhere Freiheitsstrafe.' Das alles habe ich im Knast gelernt. Kein Staatsanwalt will Arbeit mit einem Fall haben, kein Verteidiger kämpft mehr, und der Leidtragende ist der Angeklagte ..."


Ganz unrecht hat er nicht....!!
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