Leseranwalt

aktualisiert: 20.07.2011 11:39 Uhr
Text
Text
Die Schwierigkeiten journalistischer Reaktionen auf Insolvenzen von Unternehmen
Dieser Tage hat mich eine Leserin gefragt, warum wir umfangreich über die Insolvenz eines bekannten Autohauses in der Region berichtet haben, aber über andere, kleinere Insolvenzen nichts in der Zeitung zu lesen sei. Die Frage ist einfach zu beantworten. Dennoch bedarf es zur Berichterstattung über wirtschaftlich angeschlagene Unternehmen doch einiger Erklärungen mehr.
Zunächst die einfache Antwort: Es gibt Insolvenzen, bei denen ist der so genannte Nachrichtenfaktor stark, weil fast jeder die betroffene Firma kennt oder weil die Umstände der Insolvenz bemerkenswert sind. Daraus entsteht öffentliches Interesse, zumal der Zustand eines Unternehmens in Schwierigkeiten ohnehin meist zuvor schon für Gespräche in der Öffentlichkeit sorgt. Das galt für jenes Autohaus. In solchen Fällen ist eine Berichterstattung unausweichlich. Das gilt für wenig bekannte Firmen und kleine Insolvenzen eben nicht. Berichtet werden kann ohnehin nur, wenn die Redaktion Kenntnis von einer Insolvenz erhält.
Abwägen, ob und wann berichtet wird, muss die Redaktion. Mit der Erklärung, die ich dafür liefere, begebe ich mich auf ein schwieriges Feld. Denn mit Informationen über Insolvenzen muss journalistisch äußerst verantwortungsbewusst umgegangen werden. Es gibt keine Regel, aber viele Faktoren zu bedenken. Unternehmen müssen nämlich über ihre Zahlungsunfähigkeit nicht vom Markt verschwinden. Sie können nach einer sogenannten Regelinsolvenz weitergeführt werden, wenn der Insolvenzverwalter vor allem mit Gläubigern und Banken erfolgreich verhandelt. Redaktionell gilt es dann abzuwägen, ob Nachrichten über Produkte und Leistungen des Unternehmens innerhalb der Berichterstattung sein müssen. Daraus könnten im Wettbewerb Nachteile für das angeschlagene Unternehmen entstehen, eventuell zu Lasten der Mitarbeiter, die dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren. Und das, obwohl vielleicht Managementfehler, strukturelle oder konjunkturelle Gründe für die Situation verantwortlich sind.
Stets aber ist eine gut überlegte Antwort auf die Frage notwendig, zu welchem Zeitpunkt über drohende Insolvenzen berichtet werden kann. Erreicht die Botschaft über ein wirtschaftlich angeschlagenes Unternehmen die Öffentlichkeit zu früh, kann das zum Todesstoß beitragen. Andererseits könnte die schnelle Nachricht Kunden und Gläubiger vor Verlusten bewahren, dann nämlich, wenn Zahlungsunfähigkeit vorliegt oder gar eine Insolvenz verschleppt wird.
Unverantwortlich ist auch auf diesem Gebiet reine Sensationslust.
Diesen Artikel
| Bewertung: |
|
| 0 Bewertungen (Sie müssen angemeldet sein um zu bewerten) | |
Die neuesten Kommentare
|
antonsah (267 Kommentare) am 20.07.2011 15:33
@blaubiWir mögen unsere Leserschaft und wir brauchen sie. Aber wir sind als unabhängiges Medium allen Menschen verpflichtet, dazu gehören also auchMitarbeiter von amgeschlagenen Firmen und Unternehmer, ebenso wie deren Kunden. Anton Sahlender, Leseranwalt |
(0)
|
|
blaubi (2806 Kommentare) am 18.07.2011 08:14
insolvenz-news?scheinbar ein drahtseilakt, eine insolvenzmeldung richtig zu platzieren. und trotzdem bn ich der meinung, dass gerade die bevölkerung davon informiert werden sollte, damit der kleine mann nicht ins finanzielle fettnäpfchen tritt. denn die wahrscheinlichkeit ist hoch, dass so manche anzahlung dann auf nimmer wieder sehen verpufft, sobald man dies bei einer klammen firma tätigt.denke, dass die gefahr einer zeitungsmeldung darüber zwar den absoluten todesstoss einer insolventen firma bedeuten kann, aber in meinen augen das kleinere übel, weil gerade die presse dem leser verpflichtet ist, und diesbezüglich wertvolle infos nicht zurückhalten sollte. |
(0)
|
![]() |
jus (186 Kommentare) am 18.07.2011 09:31
Ihnensind ihre angezahlten 100€ also wichtiger, als die Existenz eines Unternehmens mit 10 Arbeitern + Familie die aufgrund von voreiligen Meldungen keine Aufträge mehr kriegen.Wieder mal nicht zu Ende gedacht. Setzen Sechs! |
(0)
|
![]() |
grayjohn (1547 Kommentare) am 22.08.2011 11:40
Ja-neWenn das Unternehmen sowieso insolvent ist, lebt es auch von meinen 100 Flocken nicht weiter (die kriegt irgendeine Bank, die aber sicher nicht bereit ist, mir dafür niedrigere Zinsen einzuräumen). Abgesehen davon, wenn ich oft genug 100 Flocken von meinem begrenzten Einkommen irgendwo gegenleistungsfrei versenke, kann es mir passieren, dass ich auch Insolvenz anmelden muss. |
(0)
|
![]() |
blaubi (2806 Kommentare) am 18.07.2011 09:36
subjektiv gesehen...100 euro kann man wertmässig verschieden einstufen, für den einen sind es peanuts und für den anderen ne ganze menge. kommt immer darauf an, welche basis man hat.für mich sind 100 euros enorm viel wert. und wenn ich sie nicht wiederbekomme, dann zählen sie doppelt. PS:ich rate ihnen nur,menschen,die wenig haben nicht von oben herab zu verurteilen, weil denen das hemd näher ist als die hose |
(0)
|

Wetter

