Leseranwalt

anton.sahlender@mainpost.de
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publiziert: 23.10.2011 17:47 Uhr
aktualisiert: 24.10.2011 08:01 Uhr
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Ich gebe zu, dass auch wir von der Zeitung nie zu langweiligen Nullen werden können

Mit Fehlern, Irrtümern und Verwechslungen schreibt man Geschichte. Diese Absicht hatten Mitarbeiter unserer Zeitung aber nicht, als sie vor einer Woche in Würzburg Lokalseiten vom Freitag in der Samstagsausgabe ein zweites Mal an die Leser verteilten. Das wollen wir die Leserschaft schnell vergessen lassen. Unvergessen bleibt dagegen die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers Helmut Kohl 1986, als die ARD die vom Vorjahr sendete. Nein, für so etwas wollen Redaktionen in keinem Geschichtsbuch stehen. Unsere kleine fränkische Schwäche, das harte „D“ mit dem weichen zu verwechseln, taugt schließlich auch nicht dafür. Aber wir stehen dennoch zu ihr und überhaupt zu Schreibfehlern. Denn jeder, der abgestritten wird, begegnet uns zweimal, sagen zumindest die Spanier.

Hoffentlich einmalig, dagegen aber immerhin geschichtsträchtig, ist der Fehler, der im neuen Berliner Hauptbahnhof gesteckt hat, als ihm nach seiner Fertigstellung zwei Stahlträger aus der Fassade fielen. Wer Fehler macht, darf sich an der Erfahrung der mehr als 90 Jahre zählenden Schauspielerin Zsa Zsa Gabor erbauen: „Menschen, an denen nichts auszusetzen ist, haben nur einen, allerdings entscheidenden Fehler – sie sind uninteressant." Vielleicht mochte Frau Gabor besonders jene Regisseure, die übersehen haben, dass in Ritterfilmen noch Flugzeuge am Himmel kreisten?

„Ohne unsere Fehler sind wir Nullen“, bestätigt auch Schriftsteller Arthur Miller (1915-2005). Recht hat er, weil auch der englische Astronom Edmond Halley (1656-1742) keine Null war. Nicht, weil er Planeten entdeckte, sondern weil er verkündete, dass die Erde innen hohl ist. Oder Lord William Thompson Kelvin (1824-1907), der uns den Gasthermometer hinterließ, aber gesagt haben soll, dass sich Röntgens Strahlen als Betrug herausstellen.

Seiner Weisheit wegen unsterblich wurde der Philosoph Aristoteles, der aber auch behauptete, dass der hintere Teil des menschlichen Schädels leer sei. Hier irrte der Weise und wir ordnen das kurzerhand seiner Philosophie unter. Die bleibt im Gedächtnis der Nachwelt.

Im Gedächtnis bleiben soll bei uns im Zeitungshaus über das vergangene Wochenende hinaus die peinliche Verwechslung alter mit neuen Zeitungsseiten. Unsere Philosophie: Die verteilten fehlerhaften Exemplare sind immens wertvoll, weil sie absolut einmalig bleiben.

Fehlerlose langweilige Nullen werden Medienleute aber nie. Das wusste schon der polnische Philosoph Stanislaw Lem (1921-2006): „Unerhört schnelle Systeme begehen unerhört schnell Fehler.“

    
    

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Die neuesten Kommentare

muttzier (151 Kommentare) am 24.10.2011 23:11

Und noch ein Zitat...

unbekannter Herkunft:

"„Einen Fehler machen ist bitter; bitterer noch ist aber die Erkenntnis, wie unwichtig wir sind, wenn es niemandem aufgefallen ist.“

Es ist uns aufgefallen, also seid Ihr wichtig! grinsen
(2)
antonsah (267 Kommentare) am 27.10.2011 10:12

@muttzier

Schönes Zitat. Leider oft allzu wahr. Die Mehrzahl der Fehler findet die Redaktion nämlich selbst - leider oft zu spät, nach Veröffentlichung. Dann kommt es zur Berichtigung (was die wenigsten Zeitungen übrigens gleichermaßen freiwillig tun). Danach kriegen wir gelegentlich Ärger. Ausgangspunkt ist dann aber die Berichtigung. Besonders schlimm, wenn es zu viele sind.
Anton Sahlender, Leseranwalt
(0)
blaubi (2806 Kommentare) am 27.10.2011 11:17

@ antonsah

...gerade eine hohe fehlerquote macht für manche nutzer die presse erst attraktiv. immerhin finden doch viele ihre selbstbestätigung darin, dass auch andere nicht fehlerfrei agieren. man sucht doch immer die fehler des anderen, um von seiner eigenen "fehlerbehaftung" abzulenken. für manche halt gleichbedeutend mit einem orgasmus.
das ego des menschen gebietet, immer andere zu suchen, die dümmer sind.
(0)
blaubi (2806 Kommentare) am 24.10.2011 12:17

wo gehobelt wird, da fallen auch späne

...dass auch die presse fehler macht, das ist auch nichts abwegiges. normalerweise würde diesbezüglich ein kurzes statement in der folgenden ausgabe erfolgen und die sache ist gegessen.
wer kritisiert, der sollte vorerst beweisen, dass er fehlerfrei agiert, dann ist die kritik auch berechtigt.
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