Leseranwalt

anton.sahlender@mainpost.de
Leseranwalt
    
publiziert: 15.01.2012 19:41 Uhr
aktualisiert: 05.02.2012 18:29 Uhr
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Unabhängigkeit von Bundespräsident und Journalisten: Regeln für Annahme von Vorteilen jeglicher Art

Die Diskussionen um Unabhängigkeit und um mögliche Vorteilsnahmen des Bundespräsidenten veranlassen mich, auf Regeln zu blicken, die für Journalisten gelten. An sie dürfen ähnliche Fragen gestellt werden. Leser setzen auch auf deren Unabhängigkeit. Dafür hat der Deutsche Presserat Regeln festgeschrieben.

Ich gebe Wesentliches daraus wieder:

„Die Annahme von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, sind mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar. Wer sich für die Verbreitung oder Unterdrückung von Nachrichten bestechen lässt, handelt unehrenhaft und berufswidrig.“

Und weiter heißt es, dass sogar schon der Anschein, die Entscheidungsfreiheit könne beeinträchtigt werden, zu vermeiden ist. Journalisten dürfen daher keine Einladungen oder Geschenke annehmen, „deren Wert das im gesellschaftlichen Verkehr übliche und im Rahmen der beruflichen Tätigkeit notwendige Maß übersteigt“.

Die Leitlinien der Redaktionen dieser Zeitung gehen näher darauf ein: „Geschenke, deren Wert 50 Euro übersteigt, sind abzulehnen, grundsätzlich auch Bargeld.“ Unbedenklich sind Werbeartikel oder sonstige geringwertige Gegenstände. So muss auch der typisch fränkische Dankes-Bocksbeutel nicht zurückgewiesen werden.

Der Kodex des Presserates verlangt noch, dass Journalisten darauf bestehen, dass sie Informationen unabhängig von der Annahme eines Geschenks oder einer Einladung erhalten. Laut den Richtlinien dieser Zeitung sind Leistungen Dritter dann unproblematisch, wenn sie allen Medien zugute kommen und branchenüblich akzeptiert werden. Genannt sind zum Beispiel Essen und Mitbringsel aus Pressekonferenzen, vom Organisator bezahlte Journalistenausflüge zum Besuch eines Schauplatzes, Einladungen zu Premieren und Promi-Veranstaltungen etc. Auch der Besuch von kostenlosen Seminaren und Weiterbildungsveranstaltungen, die von Interessengruppen organisiert werden, ist noch zulässig.

Unabdingbar ist in allen Fällen, dass die Berichterstattung unbeeinflusst bleibt. Gesichert wird das durch Offenlegung solcher Umstände in der Redaktion. Wenn es für eine Nachricht und deren Bewertung Bedeutung hat, haben auch Leser Anspruch darauf.

Journalisten werden Vorteile zugestanden. Sie dienen der bestmöglichen Erfüllung ihrer Aufgaben, also Leser kompetent zu informieren und das Geschehen auch kommentieren zu können.

    
    

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hatzi (8 Kommentare) am 22.01.2012 17:24

Kodex des Presserates

Die Unabhängigkeit von Journalisten muß doch sehr kritisch angesehen werden. Ich möchte keinen Journalisten zum Freund oder guten Bekannten haben, da kann man schnell in eine
böse Falle von Falschmeldungen, schlecht recherchierten Berichten oder miesen Kommentaren geraten.
In Bezug auf die Affäre Wulff und dessen unmögliche Drohung an die Bildzeitung sei jedoch
auch erwähnenswert, was vor einigen Tagen in einer TV-Talkshow mit hochaktuellen Gästen
von der "linken" Chefredakturin bder "taz" gesagt wurde,.Sie erwänte sinngemäß, daß "wir Journalisten auch Falschmeldungen produzieren und miese Schlagzeilen verfassen, und dann auf berechtigte Anrufe von Politikern u.a. uns entschuldigen". .

Ich habe seitens des Leseranwaltes bzw. der Main-Post so etwas noch nicht vernommen..
Wie wäre es wenn die MP sich bei Berichten und Kommentaren, die auch nicht immer wahrheitsgemäß sind, aber schlagzeilenträchtig, ähnlich wie die "taz" entschuldigen würde ??
(2)
unbekannt (242 Kommentare) am 21.01.2012 12:28

Mehr Transparenz

Ich hätte gerne mehr Transparenz von Seiten der MainPost:

1. Wie haben sich die Abonnentenzahlen entwickelt?
2. Wie haben sich die Absatzzahlen der MainPost im freien Verkauf entwickelt?
3. Wer sind die großen Werbekunden?
4. Welche Produkte werden im Portfolio vertrieben, wer sind die Anteilseigner der Auftraggeber von Druckerzeugnissen?
5. Wenn es Missbrauchsfälle in Familien von MainPost-Lesern gäbe, würde man da reflexartig erwähnen, dass sie MainPost-Leser seien?
6. Wenn BobbyCar-Geschenke (ca. Neupreis 30 €) an Präsidenten medial inszeniert werden, warum darf dann die Zeitungsfrau bzw. der Zeitungsmann Geschenke bis 50€ erhalten? Warum überhaupt Geschenke?
7. Welche Geschenke bekamen 2011 die Redakteure und von wem?

Jetzt, für mich interessantere, themenspezifische Fragen zur Transparenz:

8.
Warum griff die MainPost bei einer Diskussion 2009 um ein europäisches Infrastrukturprojekt in der Region nicht Äußerungen im Forum um eine extremistische Vereinigung in Thüringen östlich der A71 auf, um zu recherchieren? (Mit Verweis auf die damals nicht gelöschte Site: "www.heimatschutz-thueringen.de")

9. (steht nicht im Zusammenhang mit 8.)
Warum erwähnte die MainPost am 17.9.2009 in der Berichterstattung zu diesem Infrastrukturprojekt nicht, dass neben den beiden Mitgliedern der Bürgerinitiative, C.Roth und C. Özdemir von den GRÜNEN, in einem kleinen, erlauchten Kreis zeitgleich auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende des seinerseits größten Rüstungsexporteurs der Bundesrepublik weilte? Zu Zeiten des kalten Kriegs war dieser ein ausgemachter Fachmann für das SDI-Programm ("Krieg der Sterne").
Ist das für GRÜNE nicht ein Tabubruch allerster Güte, zumal die Gründung aus der Friedensbewegung herrührte?
Bei aller Juchtenkäferkompetenz, aber Marder, Tiger, Leopard, Milan, Iltis, Fuchs,… sind andere Tiere.
Da sollten GRÜNE und die, die von einer besonderen Spezies schulisch indoktriniert wurden, geradezu einen Anspruch auf Transparenz haben dürfen.
Hatten die MainPost-Journalisten da gerade mal keinen Bock auf Recherche und Transparenz oder ist das einfach zu unwichtig? Ein freier Journalist eines MEDIUMS darf sich eben nicht parteipolitisch motiviert zum MeinungsFÜHRER machen lassen.

10. Gibt es in einer Medienoligarchie sogar auch regionale, schädliche Medienmonopole mit ihren Auswüchsen wegen fehlender Vielfalt?

Anm.: Ich trete alle Rechte an Rechtschreibfehlern, Anführungszeichen,… an den Nächstbesten ab
(3)
fresh (85 Kommentare) am 20.01.2012 19:43

"Geschenkkorb nicht unproblematisch"

Guten Abend, Herr Sahlender.
Auch wenn Ihnen kritische Überlegungen meinerseits anscheinend gegen den Strich gehen (siehe letzte Diskussion hier), möchte ich gegen Ihren Artikel hier einen Einwand einbringen, der anscheinend nicht nur mir wichtig ist. Sie erwecken den Eindruck, dass es unbedenklich für Journalisten sei, Geschenke bis zu 50 Euro anzunehmen.
Auch unter Ihren Kollegen wird dies teilweise kritisch gesehen, wie man es aus Fachgesprächen und Diskussionen in Ihrer Berufsgruppe lesen kann. Martin Fiedler hielt 2010 im Rahmen der Münchner Mediengespräche zum Thema Medien und Politik ein Referat unter der Überschrift „Kritiklose Übernahme oder rücksichtslose Kritik? Ich zitiere aus dem Referat: „Geschenkkorb nicht unproblematisch“
„Auf die Frage, ob nicht die Einflussnahme schon früher anfange, und zwar mit kostenlosen Reisen, Geschenken, Einladungen und ähnlichem, antwortete Frühbrodt: „Die Gefahr besteht sicher, aber es wird schwieriger.“ Vielen Unternehmen fehle heute ganz einfach das Geld für großzügige Reisen und Geschenke, wie noch zu Zeiten des Börsenbooms und der „New Economy“ in den 1990er Jahren. Strengere Codices der Verlage würden zudem Vorteilsnahmen durch Journalisten erschweren. Bei der Welt beispielsweise sind dem Journalisten keinerlei Rabatte oder kostenlose Reisen erlaubt. Zweiteres zumindest nicht ohne Sondergenehmigung durch den Chefredakteur. Durch die Redaktionsausdünnung hätten aber viele Journalisten sowieso keine Zeit mehr an Reisen teilzunehmen. Trotzdem sei der Geschenkkorb von Unternehmen zu Weihnachten als Dankeschön für die gute Zusammenarbeit durchaus problematisch. Außerdem, bemängelte Frühbrodt, dass es die Verlage selbst oft nicht so genau mit den Regeln nähmen. Unternehmen seien immerhin wichtige Anzeigenkunden.“

(entnommen: BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.): Medien und Politik, Martin Fiedler, Kritiklose Übernahme oder rücksichtslose Kritik? (2010) S. 86
(3)
mdeeg (778 Kommentare) am 17.01.2012 12:46

"Geld", immer nur "Geld und Geschenke"...

die Währung der Zukunft heißt Information. Für Diekmann (war der auch bei ihrer "Qualitätsfortbildung...?) war doch der Anruf von Wulff ein Geschenk, das mit Geld gar nicht zu bezahlen ist!
(3)
antonsah (267 Kommentare) am 17.01.2012 10:50

@blaubi

... den 50-Euro-Grenzwert für Zuwendungen gleich als Bestechungsgeld zu bezeichnen, ist natürlich eine unbewiesene Unterstellung. Andererseits ist es richtig, dass man allzu großherzigen Aufmerksamkeiten aufmerksam begegnen sollte.
Anton Sahlender, Leseranwalt
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