Leseranwalt

anton.sahlender@mainpost.de
Leseranwalt
    
publiziert: 29.04.2012 16:50 Uhr
aktualisiert: 13.05.2012 19:10 Uhr
» zur Übersicht
    
    
Artikel
 
    
 
    
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text
Presserat: Durchschnittsleser unterscheiden als juristische Laien nicht zwischen Mord und Totschlag

Der Grundsatz der Unschuldsvermutung bleibt unberührt. Aber: Medien sind in Veröffentlichungen nicht unbedingt an juristische Begriffe gebunden. Das sagt der Deutsche Presserat. Und in diesem Sinne urteilten auch schon Gerichte.

Dazu ein Fall jüngeren Datums vor dem Presserat: Der „Berliner Kurier“ berichtete in seiner Online-Ausgabe (www.berliner-kurier.de) über den Auftakt des Prozesses gegen die mutmaßlichen Mörder von Dominik Brunner, der an einer Münchener S-Bahnstation von zwei Jugendlichen zu Tode geprügelt worden war. In Überschrift und Text des Berichtes war dabei schon zu diesem Zeitpunkt von „Mördern“ die Rede. Das wurde in einer Beschwerde an den Presserat, der auch zur Selbstkontrolle der Online-Portale von Printmedien beiträgt, als Vorverurteilung angeprangert.

Dieser Beurteilung schloss sich der Presserat nicht an. Er verwies auf seine Richtlinie 13.1., die zwar festhält, dass nicht vorverurteilt werden darf, aber auch wörtlich sagt:

„Die Presse darf eine Person als Täter bezeichnen, wenn sie ein Geständnis abgelegt hat und zudem Beweise gegen sie vorliegen oder wenn sie die Tat unter den Augen der Öffentlichkeit begangen hat. In der Sprache der Berichterstattung ist die Presse nicht an juristische Begrifflichkeiten gebunden, die für den Leser unerheblich sind.“

Der Presserat hat in seiner Begründung das Wort „Mörder“ deshalb als Synonym für „Todesverursacher“ bezeichnet. Für Leser sei die Tatsache von Interesse, dass die beiden Angeklagten den Tod von Dominik Brunner verursacht haben. So durfte dies zu diesem Zeitpunkt – unabhängig von der Frage nach weiteren Todesursachen – auch berichtet werden. Siehe auch www.presserat.de (0503/10/2-BA).

Damit unterstützte der Presserat das Argument des Berliner Kuriers, dass es für den Durchschnittsleser, der juristischer Laie sei, nur darum gehe, dass ein Mensch getötet wurde, gleich auf welche Art und Weise. Mit den juristischen Unterscheidungen von Mord und Totschlag sei er nicht vertraut.

Inzwischen hat das Gericht bekanntlich die beiden Täter wegen Mordes verurteilt, und zwar im Rahmen des Jugendstrafrechtes.

Um Missverständnisse zu vermeiden und zur Präzisierung, scheint mir noch ein Grundsatz aus der Presserat-Richtlinie 13 wichtig, weil er die Verantwortung für Medien betont:

„Ziel der Berichterstattung darf in einem Rechtsstaat nicht eine soziale Zusatzbestrafung Verurteilter mit Hilfe eines 'Medien-Prangers' sein. Zwischen Verdacht und erwiesener Schuld ist in der Sprache der Berichterstattung deutlich zu unterscheiden.“

    
    

Diesen Artikel

Kontakt Redaktion     An Bekannten versenden     Druckversion
    
    

Die neuesten Kommentare

mdeeg (1550 Kommentare) am 30.04.2012 19:53

Blödsinn!

"Durchschnittsleser unterscheiden als juristische Laien nicht zwischen Mord und Totschlag" - ABER:
"Zwischen Verdacht und erwiesener Schuld ist in der Sprache der Berichterstattung deutlich zu unterscheiden."
Die Leser sind vermeintlich zu blöd, um zwischen Mord und Totschlag zu unterscheiden, man traut ihnen aber zu, die Feinheiten zu dechiffrieren, wenn es um Tatsache oder Verdacht geht!

Tatsache ist, dass es nicht wenige Journalisten gibt, die andienend alles aufsaugen, was ein Staatsanwalt oder sonstiger "Würdenträger" in den Block diktiert.
Tatsache ist auch, dass die Medien maßgeblich Mitverantwortung dafür tragen, dass halb Deutschland sich von entlassenen Sicherungsverwahrten u.ä. "bedroht" fühlt.
(5)
blaubi (2998 Kommentare) am 30.04.2012 07:21

Medien-Knigge

...man sollte einen Knigge für Medien entwerfen,damit es weniger Missverständnisse gibt. Gerade diese Knigge-Moralapostel, die sollten mal lieber ruhig sein, denn denen geht es doch eher darum, solange zu suchen, bis sie etwas erfunden haben, Während für mich als Normalbürger der Sex mit einer Frau einen Orgasmus beschert, scheint für diese Moralapostel schon das Finden von zweideutigen Worten einer Ejakulation gleich zu kommen.
Diesbezüglich muss ich aber auch den Medien wenig Flexibilität ankreiden, denn man könnte oft auf lateinische Begriffe oder aufs Englisch ausweichen.
targeted killing? - gezielte Tötung
Auch mir ist bewusst, dass Mord und Totschlag offiziell als zwei verschiedene Delikte in der Rechtssprechung gelten, wobei am Ende doch ein Richter das Ermessen haben darf, eines davon bei der Urteilsfindung anzuwenden. Allerdings sind auch Richter nur Menschen, die auch hierin von einer Fehlerquote nicht verschont werden.
Fakt ist, dass man es wirklich nicht so eng sehen sollte, denn wenn man jedes Wort zu 100% korrekt anwenden muss, da werden gerade den Autoren mehr als die Köpfe rauchen,weil die vom Nachschlagen nicht mehr wegkommen.
Im Jargon ist, ich denke, dass ich im Namen vieler spreche, schon jemand ein Mörder,der bewusst den Tod eines Menschen in Kauf nimmt.
Natürlich sollte man dieses aus ethischen und Respektgründen bitte nicht auf die Politiker beziehen, wenn diese Soldaten ins Ausland schicken, denn einerseits müssen die auch damit rechnen, das viele der Soldaten auch dabei als Zielscheiben deklariert werden bzw. auch (un)bewusst Zivilisten töten. Bei Politikern muss man denen die Immunität durch das Bigotteriegesetz zusprechen.
(1)
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen.
Benutzername Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
Anzeige

Gas

 

DSL

 

Strom

Gas
Tarifrechner
Kostenloser Gas-Tarifrechner mit allen aktuellen Anbietern und Tarifen.
Ihre PLZ
Verbrauch

Bundesliga-Tipp 

Fußball-Experten, aufgepasst
Hier Tipps abgeben und Preise gewinnen. »mehr

Gewinnspiel 

Kinokarten gewinnen
Cineworld und mainpost.de verlosen 10x2 Kinokarten »mehr

Aktionsabo 

Lesespaß zum Vorzugspreis
Alle Abos auf einen Blick: Geschenk-, Aktions-, Probe-, Wochenend- und Studenten-Abos. »mehr

Daily X 

Die Jugendseite der Main-Post
Täglich aktuell, täglich lesenswert. »mehr