aktualisiert: 27.12.2009 19:14 Uhr
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BAD KISSINGEN
Leben in einer schimmeligen Baustelle
Eine 24-Jährige kämpft sich mit ihrer kleinen Tochter durch
Nein, hier kann niemand wohnen. Die Fassade des zweistöckigen Hauses ist eingerüstet. An der Tür hängt ein rotes Schild: „Betreten der Baustelle verboten.“ Aber es ist die Hausnummer, an der ich klingeln soll. Den untersten Knopf, hatte es am Telefon geheißen. Es dauert einen Moment, dann summt der Türöffner.
Der Flur ist eiskalt. Ich bin mitten in der Baustelle, keine Türen, nur Durchbrüche, Bauschutt, Material. Hinten rechts taucht jemand auf. Im düsteren Licht des Novembertages ist eine junge Frau zu erkennen. Am Boden vor der Wohnungstür liegen Schuhe. Die 24-jährige Susan (alle Namen von der Redaktion geändert) wohnt als letzte in dem baufälligen Haus. Mit ihr ihre 15 Monate alte Tochter. Lilli nimmt die Ruine um sie herum noch nicht wahr. Hauptsache, Mama ist da.
Angst vor Pilzsporen
Das Haus hat den Besitzer gewechselt, der jungen Frau sollte eine andere Wohnung vermittelt werden. Aber noch hockt sie in dem Loch. Die ganze Decke des Badezimmers ist mit Schimmel überwuchert: „Wenn ich hier drin bin, juckt's mich, und es wird schlimmer.“ Sie erzählt von ihrer Neurodermitis. Lilli darf nicht mehr ins Bad, Susan hat Angst, die Kleine könnte Schaden nehmen, wenn sie die Pilzsporen einatmet.
Wenn Lilli unter die Dusche muss, dann geht das nur bei Oma. Aber auch nicht oft. Auch Susans Mutter lebt von der Hand in den Mund. Lilli und ihre Mama müssen im Monat mit 700 Euro auskommen. Wenn in drei Monaten das Erziehungsgeld wegfällt, sind es nur noch etwa 550 Euro. 30 Euro kosten allein die Briketts, mit denen die Frau den Ofen im Wohnzimmer schürt. Den hat sie zum Glück von ihrer Großmutter bekommen, denn Heizöl kann sie sich gar nicht leisten.
Susan hat für ihre Kleine einen Schneeanzug, Mütze, Schal und Winterschuhe gekauft. „Dann war das Geld weg“, und nichts mehr für Briketts übrig. Aber Lilli braucht was Warmes zum Anziehen.
Der große Wunsch der jungen Frau: eine andere Wohnung. Sobald Lilli im Kindergarten ist, will sie endlich eine Ausbildung machen und Geld verdienen. Sie weiß, dass sie vieles selbst verpfuscht hat. Dann ist ihr einfach nur noch zum Heulen, auch wenn sie nach außen immer die Starke gibt, so tut, als macht ihr die ganze Misere nichts aus.
Mit 15, als Susan gerade den Schulabschluss hatte, war sie schwanger geworden. Sie war nach Bamberg ins Mutter-Kind-Haus gegangen, hat es aber vor Heimweh nicht ausgehalten. Heute sagt sie: „Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich eine Lehre.“ Ihre erste Tochter lebt in einer Pflegefamilie. Es geht ihr gut, weiß Susan, möchte aber zur Zeit nicht von ihr und den Pflegeeltern besucht werden. So sehr schämt sie sich für ihre Bleibe.
„Ich möchte irgendwann nicht mehr abhängig sein vom Amt“, sagt sie. Nicht mehr abhängig, dazu braucht sie eine Ausbildung und wohl auch einen Führerschein, denn ohne den kommt sie aus dem kleinen Ort kaum zu einer Arbeitsstelle. Was wünscht sie sich? Sie schaut ihre Kleine an, lächelt und sagt: „Dass sie es auf jeden Fall mal besser hat als ich.“
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