aktualisiert: 03.12.2006 22:29 Uhr
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Erst hinter dem Zaun beginnt das Leben
Wieso Karlheinz Böhm das Waisenhaus der Äthiopierin Abebech Gobena unterstützt
Addis Abeba - Hilfe zur Selbsthilfe. Mit diesem Leitgedanken ist Karlheinz Böhm vor 23 Jahren nach Äthiopien gekommen. Abebech Gobena lebt diese Idee: Mit ihrem Waisenhaus hat die Äthiopierin, die Afrikas Mutter Teresa genannt wird, Tausenden Kindern eine Zukunft gegeben.
Manchmal bringt die Polizei wieder ein Kind vorbei. Wenn seine Eltern gestorben sind, eine Streife es, allein und verwildert, auf der Straße aufgegriffen hat. Manchmal liegt ein Bündel vor dem Tor. Wenn eine verzweifelte Mutter nicht mehr weiter weiß, wenn eine bettelarme Familie nicht noch ein hungriges Mäulchen stopfen kann. Und manchmal wird ein Zwerg einfach über den Zaun geschmissen. Raus aus einem elenden Leben ohne Hoffnung, einer Zukunft entgegen.
Sie haben Glück, die Kinder, die im Abebech Gobena Waisenhaus landen. Im Nordwesten von Addis Abeba, in einem der ärmsten Viertel der Stadt, bekommen sie ein Dach über den Kopf. Ein Bett. Und vor allem: Eine neue Familie und eine Perspektive. Ihre ersten Waisenkinder hat die Äthiopierin Abebech Gobena vor 24 Jahren bei sich aufgenommen. Auf einer Pilgerreise in den dürre- und hungergeplagten Norden des Landes hatte sie ein Baby gefunden - an der Brust seiner toten Mutter. Sie nahm den Säugling und eine zweite Waise mit in die Hauptstadt und holte in den Monaten darauf noch 20 weitere Kinder aus dem Hungergebiet zu sich heim. Ihr Mann und ihre Familie, die selbst mit wenig auskommen musste, waren wenig begeistert, sie erklärten die couragierte Frau schlicht für verrückt. Abebech Gobena verkaufte Schmuck und Habe, zog mit ihren Kindern in ein Hühnerhaus und baute Betten aus Lehm _ der Beginn eines außergewöhnlichen Selbsthilfe-Projekts.
Abebech Gobena will ihren Kindern nicht nur ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit geben. Will nicht nur die ärgste Not lindern. Sie will den Waisen, den kleinen Obdachlosen den Weg in eine eigenständige und unabhängige Zukunft ebnen. Will sie vorbereiten fürs Leben. Kein Leichtes in einem Land, in dem die Hälfte der Menschen nie eine Schule besuchen kann. In einem Land, in dem Entwicklungshilfe allzu oft in bloße Abhängigkeit von Maissäcken und Körnerrationen führt. Die Zahl der Kinder, die man der Waisenmutter aus Addis Abeba anvertraute, wurde schnell groß und größer, dabei kämpfte Abebech Gobena in den ersten sechs, sieben Jahren selbst ums pure Überleben. Auf engstem Raum lebte sie mit den Kindern zusammen, buk Injera, das äthiopische Fladenbrot, um ein paar Groschen zu verdienen. Irgendwann wurden Hilfsorganisationen und die Behörden auf die engagierte Frau aufmerksam. 1986 gründete Abebech Gobena schließlich ein Kinderdorf und zog mit ihren Schützlingen auf das Gelände im Nordwesten der Stadt.
Es ist eine quirlige Insel inmitten der Slums, eine Oase für die Unschuldigsten der Armen. Dicht an dicht stehen in den Schlafsälen die Doppelstock-Betten, gerade einmal zwei Quadratmeter Matratze und ein, zwei Plüschtiere hat jedes Kind für sich allein. Aber das bedeutet viel. Teddys und Spielzeug sind Spenden aus Deutschland - Piloten der deutschen Lufthansa bringen hin und wieder Nachschub vorbei. Zum Waisenhaus gehören inzwischen ein Ausbildungszentrum, eine Schule, ein Kindergarten. Die 200 Kinder aus dem Heim und 240 aus der Umgebung bekommen einen Schulabschluss, sie lernen zu kochen, nähen, weben, T-Shirts zu bedrucken oder Bambus Möbel zu bauen.
Die Resultate dieser "Trainingsstunden" nutzt das Waisenhaus zur eigenen Versorgung _ und um die laufenden Kosten zu decken. Denn im heimeigenen Laden bieten die Mitarbeiter von Abebech Gobena feine Gewürze und Hülsenfrüchte feil, verkaufen phantasievolle Kleidungsstücke, Bettwäsche. Und wer heute im Hilton oder Sheraton, den beiden Luxushotels inmitten der äthiopischen Armut, sein Steak in Berbere, die würzig-scharfe traditionelle Sauce, tunkt und Fladenbrot zupft, isst Produkte aus dem Gobena-Heim. Wenn die Kinder volljährig sind, bekommen sie ein kleines Sparbuch mit ihrem selbst erwirtschaften Startkapital.
Die Kosten für Versorgung und Ausbildung kann das Heim freilich selbst nicht decken. Rund 100 000 Euro pro Jahr braucht Gobena für ihre wohltätige Arbeit zusätzlich. 100 000 Euro, die sie von verschiedenen Hilfsorganisationen bekommt. Karlheinz Böhms Organisation "Menschen für Menschen" hilft seit 1991, hat den Aufbau einer Baby-Abteilung und zweier Werkstätten finanziert. Im Werk der Äthiopierin, sagt Karlheinz Böhm, wird das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe, der Grundegedanke seines eigenen Engagements, beispielhaft umsetzt.
Es ist nicht das Waisenhaus allein. Abebech Gobena zahlt das Schulgeld für 1000 Kinder aus dem Armenviertel, unterstützt mit seiner Suppenküche über 2000 unterernährte Kinder, Schwangere und alleinstehende Mütter. Sie vermittelt Adoptionen, hat Aufklärungsprogramme, Anti-Aids-Kampagnen und Ausbildungsprojekte auf dem Land gestartet. "Edaye" wird Abebech Gobena von ihren Kindern genannt. Ein Name voller Liebe. Die britische "Times" nennt die Äthiopierin Afrikas Mutter Theresa und hat ihr den "Worldaware Business Award 2004", einen Preis für Innovation und Unternehmergeist in Entwicklungsländern, verliehen. "Ich würde nicht sagen, dass ich viel getan habe", hat die couragierte alte Frau zu der Auszeichnung gesagt. Wer einmal als Bündel vor dem Zaun lag, sieht das anders.

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