aktualisiert: 25.01.2008 16:47 Uhr
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Gefangen in den Mauern des Alleinseins
Mit dem Tod ihres Ehemannes fiel für Renate Z. die Zeit auseinander in ein Davor und ein Danach. Ein Jahr ist seitdem vergangen. Viel sprechen von einem Trauerjahr. "Aber ein Jahr ist gar nichts", sagt Renate Z.
Es folgte eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie, später eine zweite Operation. Auch diese verlief ohne Erfolg. "Ich habe alles versucht, um noch Hilfe ausfindig zu machen für meinen Mann", sagt Renate Z. Aber es gab niemanden, der ihnen noch Hoffnung auf Heilung machte. Jeder Tag war ein Geschenk. Aber kein Tag war mehr so fröhlich, so unbeschwert wie früher. Der Schatten der Krankheit lag über allem. "Diese Zeit war schrecklich", erinnert sich Renate Z. "
Es war, als säße ich auf einem Pulverfass, ohne etwas tun oder den Zeitpunkt der Explosion beeinflussen zu können. Diese Angst hat mich viel Kraft und Energie gekostet. Trotzdem wollte ich stark sein für meinen Mann." Die Trauer erfasste sie bereits zu Lebzeiten ihres Partners. "Ich habe schon getrauert, als er noch bei mir war. Es ist doch normal, dass man geliebte Menschen bei sich behalten will. Dieses Loslassen tut entsetzlich weh."
Renate Z. war rund um die Uhr für ihren Mann da, pflegte ihn zu Hause. Als er starb, saß sie an seinem Bett, zusammen mit ihrem Sohn und ihrer Tochter. "Zuerst hatten wir einen lebendigen Menschen vor uns, mit dem wir sprechen konnten. Dann konnten wir plötzlich nur noch über ihn sprechen", beschreibt Renate den Moment, als die Zeit auseinander fiel in ein Davor und ein Danach.
Der Schnitt war schmerzlich. Sein ganzes Ausmaß konnte sie zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht erfassen. In den ersten Wochen nach dem Tod ihres Mannes spürte sie sogar eine gewisse Erleichterung, weil sein Leiden zu Ende war. Weil die ganze Anspannung langsam von ihr abfiel - die Last der Verantwortung, die Angst vor neuen Komplikationen im Verlauf der Krankheit. "Ich musste mir keine Sorgen mehr um ihn machen, nicht mehr zusehen, wie er verfiel", sagt sie.
Als ihr Mann krank war, hatte sich Renate nie gefragt, was sein wird, wenn er nicht mehr da ist. "Ich hatte gar keine Zeit dafür", sagt sie. Auch Wochen später stellte sich ihr diese Frage noch nicht. "Ich musste seinen Tod erst einmal begreifen", sagt sie. Aber einige Monate darauf, als dann der Grabstein stand, als es Herbst und Winter wurde und immer dunkler, traf sie der Schmerz über das Alleinsein mit voller Wucht.
"Ich fühlte mich wie ein Blatt im Wind, das zwar noch am Baum hing, aber hin- und hergerissen wurde und irgendwann fallen musste", beschreibt Renate die Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit, die von ihr Besitz ergriff. "Ich hatte das Gefühl, ich werde weggeweht. Ich spürte, wie ich falle und wusste nicht, wo ich landen würde - nur, dass ich mich am Ende ganz unten wieder finden würde, schutzlos und allein."
Während der Krankheit ihres Mannes wurde Renate von vielen für die Stärke bewundert, die sie in dieser Zeit unter Beweis stellte. Nach seinem Tod versuchte sie, diesem Bild weiter gerecht zu werden. "Ich dachte, wenn ich meine Trauer zeige, macht das alle so furchtbar hilflos, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie sagen sollen", erklärt Renate. "Wie es wirklich in mir aussah, wusste kaum jemand. Nur mit einem ganz kleinen Kreis von Menschen konnte ich offen darüber sprechen."
"Niemand kann diese Lücke ausfüllen"
Renate Z. nach dem Tod ihres Manns
Wer trauert, braucht eine ausgestreckte Hand, eine offene Tür. Renate erfuhr viel Unterstützung. Aber manche Menschen, von denen sie dachte, sie stünden ihr nahe, haben sie nie ernsthaft gefragt, wie es ihr geht. "Viele Begegnungen waren so oberflächlich", sagt sie. "Ich hätte mir gewünscht, dass einige meiner Freunde mal alles liegen lassen, sich Zeit nehmen, mich einladen zum Spazierengehen, zum Reden, oder einfach nur zum Zusammensein."
Alle dachten wohl, Renate sei stark genug. Sie selbst drängte sich nicht auf, um nicht lästig zu sein. Sie verzichtete meist auf Besuche, aus Angst, ungelegen zu kommen und nur bemitleidet zu werden "als Witwe, die nicht weiß, wo sie hin soll". Manchmal hatte Renate das Gefühl, in einem Gefängnis zu sitzen. "Ich konnte diese Mauern des Alleinseins, der Einsamkeit nicht durchbrechen. Ein Strafgefangener weiß um sein Vergehen. Aber wo ist meine Schuld?
Wofür wurde ich mit dem Tod meines Mannes bestraft?" Auch ihre Kinder konnten ihr das Gefühl, allein zu sein, nicht nehmen. "Mein Mann ist tot. Niemand kann diese Lücke ausfüllen. Das können meine Kinder nicht, keine Verwandten und keine Freunde. Das muss ich allein aushalten und durchhalten. Da führt kein Weg daran vorbei." Abschiednehmen ist ein langwieriger Prozess. "Ich muss nicht nur meinen Mann loslassen, sondern auch viele lieb gewordene Gewohnheiten", sagt Renate. Sie erinnert sich daran, wie sie im Sommer immer gegen Abend unter den Obstbäumen im Garten, wo sie schon den Tisch gedeckt hatte, darauf wartete, dass ihr Mann von der Arbeit nach Hause kam. Vorbei.
Jetzt lebt sie allein in dem Haus, in dem sie einst gemeinsam glücklich waren, wo ihr die Spuren ihres Mannes überall, Tag für Tag, den Verlust neu vor Augen führen. "Es ist mir fast nicht möglich, mich allein vor den Fernseher zu setzen, wo wir immer zusammen saßen. Das zerreißt mir fast das Herz. Ich habe einen neuen Tisch und neue Stühle für die Küche gekauft, die vertraute Eckbank ausrangiert.
Ich konnte es nicht mehr ertragen, an meinem alten Platz zu sitzen und sein Gesicht nicht mehr vor mir zu haben", sagt sie. Renate Z. arbeitet in der Verwaltung einer Schule, ist auch in ihrer Freizeit aktiv. Sie spielt in der Theatergruppe des örtlichen Heimatvereins mit und bringt einer Kindertanzgruppe fränkische Rundtänze bei. "Beim Theaterspielen kann ich mal raus aus meiner Haut und in eine andere Rolle schlüpfen." Auch der Tanzunterricht für Kinder macht ihr Freude.
"Kinder sind unbeschwert, gehen offen auf einen zu." Was ist Trauer? "Manchmal weiß ich gar nicht genau, was das ist", sagt Renate. "Der Schmerz über den Verlust? Das Selbstmitleid? Die Zukunftsangst? Die Einsamkeit? Ich weiß, dass es notwendig ist, die Trauer anzunehmen. Aber die Angst, dass sie mich auffrisst, ist groß. 38 gemeinsame Ehejahre sind unwiederbringlich vorbei. Das tut weh. Und die Aussicht, bis zu meinem Lebensende ohne den geliebten Partner verbringen zu müssen, noch viel mehr. Für wen das alles?"
Mit ihrem Mann kann sie nicht mehr sprechen. Aber manchmal setzt sich Renate hin und schreibt ihm Briefe, in denen sie ihm erzählt, was sie bedrückt. "Selbst in einer funktionierenden Beziehung sagt man dem Partner nicht alles, aus unterschiedlichen Gründen: um ihn nicht zu verletzen, ihn nicht in Sorgen zu stürzen", berichtet Renate. "Jetzt ist das anders. Ich kann meinem Mann alles erzählen. Er ist weiter da, auf ganz neue Weise.
Es ist eine andere Art der Kommunikation, ein grenzenloses Vertrauen." Ein Jahr ist nun vergangen, seit Renates Mann gestorben ist. "Viele sprechen von einem Trauerjahr. Aber ein Jahr ist gar nichts", sagt sie. "Ich hoffe, dass die Zeit manche Wunden heilt. Aber ich glaube, dass die Narben bleiben werden. Damit muss ich lernen zu leben."
Das Leben sieht sie heute nicht mehr nur als Last, sondern auch wieder als Geschenk. "Ich bin gesund, kann mich bewegen, Auto fahren, arbeiten: das alles ist unendlich viel wert. Das Leben ist zu wertvoll, um es nicht zu leben", sagt Renate. "Ich versuche der Zeit, die ich habe, Inhalte zu geben." Als schwierigste Aufgabe empfindet sie es, das Alleinsein zu lernen. "Es ist, als ob man neu anfängt zu laufen. Ich hoffe, es wird mir irgendwann gelingen." All die gemeinsamen Jahre: Waren es viele? Oder waren es, im Vergleich zu anderen Paaren, zu wenige?
Es geht nicht um Zahlen, um höhere Mathematik. "Es ist wie ein Buch, das zugeklappt ist", sagt Renate. "Ich schaue auf ein großes Stück Vergangenheit zurück, auf ein sehr schönes Stück. Das kann mir niemand mehr nehmen. Immer, wenn die Trauer übergroß wird, versuche ich mir das klarzumachen. Vielleicht verschwindet irgendwann auch der Schmerz, und nur die Erinnerung an all das Schöne bleibt."
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