publiziert: 23.10.2007 13:10 Uhr
aktualisiert: 25.10.2010 13:28 Uhr
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Trotz des Verlusts bleibt ein großes Plus

Stephan wurde nur zwölf Jahre alt. Wenn Norbert F. heute auf das kurze Leben seines Sohnes zurückblickt, spüt er nicht den Schmerz des Verlusts, sondern eine große Dankbarkeit für dei gemeinsam verbrachte Zeit.

  • Trauerserie Stefan Fischer
    Ruppert (MainPost)
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Wie lange dauert die Trauer? Ein Jahr - solange, bis das oft zitierte "Trauerjahr" vorüber ist? Mehrere Jahre? Oder dauert die Trauer ein ganzes Leben lang? Es gibt keine Zeit-Tabelle, die das erfasst. Es gibt auch kein einheitliches Maß. Jeder Mensch trauert anders. Manchmal dauert es sehr lange, bis ein Verlust verarbeitet ist. In anderen Fällen haben Hinterbliebene schon nach kurzer Zeit das Schlimmste überstanden. Die folgende Geschichte beginnt am 8. Februar 1975. Es war der Tag, an dem der Sohn von Norbert F. bei einem Sportunfall ums Leben kam. Stephan wurde nur zwölf Jahre alt. Er wäre heute 44. Norbert F. ist 66 Jahre alt, seine Frau ebenfalls. Sie haben den Tod ihres Sohnes um mehr als drei Jahrzehnte überlebt. Was ist geblieben nach all dieser Zeit an Erinnerungen und an Trauer?

Am Morgen jenes Tages im Februar vor 32 Jahren brachten Norbert und seine Frau ihren Sohn zum Bus. Er freute sich auf die Skiferien mit seiner Schulklasse. Gegen Mittag kamen die Kinder in dem Wintersportort an. Am Nachmittag gingen sie nach dem Essen gleich zum Skifahren. Am Abend waren sie immer noch voller Tatendrang. Nach dem Essen zog es sie zum Schwimmen ins Hallenbad des Ortes. Stephan war ein sehr guter Schwimmer und hatte bereits mehrere Wettkämpfe gewonnen. Er konnte auch gut tauchen, besser als jeder andere aus seiner Klasse. Am Abend jenes Tages, der so fröhlich begonnen hatte, war Stephan tot. Er ertrank nach einem längeren Tauchgang im Hallenbad. "Es war unbegreiflich, absolut unbegreiflich", sagt Norbert F.

Am Abend jenes Tages saßen Norbert und seine Frau zu Hause vor dem Fernsehgerät. Sie schauten gerade das "Aktuelle Sportstudio", als es an der Haustür klingelte. Es war der Direktor von Stephans Schule. Norbert fragte noch im Treppenhaus, ob seinem Sohn etwas passiert sei. Dem Schuldirektor fiel die Antwort sichtlich schwer. Aber er sagte gleich: "Der Bub ist tot." Norbert bat ihn ins Wohnzimmer und setzte sich. "Plötzlich zitterte ich am ganzen Leib, es schüttelte mich richtig", erinnert er sich. Der Schuldirektor berichtete, was passiert war. Norbert und seine Frau hörten zu. Verstehen konnten sie nicht, was sie hörten.

Gleich am nächsten Morgen fuhren sie zum Unglücksort, um sich selbst ein Bild davon zu machen, warum und wie Stephan ums Leben gekommen war. Es war, wie intensive Nachforschungen ergaben, eine unglaubliche Verkettung unglücklicher Umstände gewesen. Sie alle hier aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Jedenfalls hatte Stephan das 25 Meter lange Becken, ohne Luft zu holen, zweimal durchtaucht und so seine Schulkameraden zum Staunen gebracht. Später unternahm er noch einen zweiten Versuch, aber seine Mitschüler schauten wohl nicht mehr richtig hin, berichtet Norbert. Das Hallenbad war an diesem Abend sehr voll. Stephan erlitt beim Tauchen offenbar plötzlich einen Blackout und ertrank, ohne wieder aufgetaucht zu sein. Als er schließlich am Boden des Beckens entdeckt wurde, war es schon zu spät. Versuche, ihn wiederzubeleben, schlugen fehl.

Beim Trauergottesdienst in der Kirche wurden Spirituals gesungen. Norbert hatte es so gewünscht, weil sein Sohn diese Art von Musik geliebt hatte. Der Musiklehrer des Gymnasiums studierte mit Schülern einige Lieder ein und verteilte Blätter zum Mitsingen. "Ich habe am lautesten gesungen von allen", sagt Norbert. "Es war wie ein Selbstschutz, damit ich nicht die Fassung verliere."

Das Zimmer ihres Sohnes ließen sie anfangs so, wie es war. Nicht, weil sie es genau so bewahren wollten. Es bestand einfach keine Notwendigkeit, es anders zu nutzen. Zur Erinnerung an Stephan brauchten sie das Zimmer nicht. Was er war und wie er war, das haben sie auch heute, 32 Jahre später, noch nicht vergessen. "Stephan war ehrgeizig, höflich, blitzgescheit und er hatte trotz seines jugendlichen Alters viel Sinn für Ironie", erzählt sein Vater.

"Wir sind froh, dass er Teil unseres Lebens war"
Norbert F. über seinen Sohn Stephan

Er erinnert sich, wie er zwei Wochen nach dem Tod des Zwölfjährigen in dessen Zimmer eine Notiz von ihm fand. Der Zettel war unterzeichnet mit: "Hochachtungsfoll, Stephan". Darunter stand als korrigierende Fußnote: "Hochachtungsfoll natürlich mit fau". "Es war das erste Mal seit Stephans Tod, dass wir wieder so richtig herzhaft gelacht haben", sagt Norbert.

Einige Zeit nach dem Tod seines Sohnes war Norbert noch einmal in dem Gymnasium, das Stephan besucht hatte. Er hatte dort einiges zu erledigen und traf Stephans früheren Religionslehrer, der ihn fragte: "Wie wird man mit so einem Ereignis fertig?" Norbert antwortete ihm damals: "Überhaupt nicht."

Der tägliche Gang zum Friedhof wurde in den ersten Monaten für ihn und seine Frau zu einem festen Ritual. Es war wie ein Spaziergang, während dem sie sich ihrem Sohn besonders verbunden fühlten.

Zu den Menschen, die für sie in ihrer Trauer besonders wichtig wurden, zählte die Kinderärztin ihres Sohnes. Norbert erinnert sich noch genau daran, dass sie eine halbe Stunde, nachdem er sie über Stephans Tod informiert hatte, bei ihnen vor der Tür stand. "Sie hatte einen großen Blumenstrauß dabei, den sie meiner Frau stumm in die Hand drückte." Dann musste sie selbst weinen, ließ ihren Tränen freien Lauf. Es war eine unmittelbare, menschliche Reaktion. "Wir wurden damals gute Freunde, waren dann oft bei ihr zu Gast", berichtet Norbert. "Sie brachte die unterschiedlichsten Leute zusammen - zur Hausmusik, zum Gespräch oder einfach nur zum Beisammensein. Wir wurden Teil dieses Kreises, fühlten uns dort gut aufgehoben und erfuhren viel Unterstützung."

Norbert selbst bemühte sich damals, seine Gefühle so weit wie möglich unter Verschluss zu halten. "Ich ging weiter meiner Arbeit nach, versuchte einfach, zu funktionieren", sagt er. Auch an Stephans Grab weinte er nie. "Ich stand meist mit unbewegtem Gesicht da. Als Mann hatte man nicht zu heulen, das war damals so. Vielleicht hätte ich mich besser gefühlt, wenn ich es mir erlaubt hätte." Norbert versuchte, sich äußerlich nicht anmerken zu lassen, was in ihm vorging. Aber den Verlust selbst verdrängte er nicht. Sein Sohn blieb in ihm lebendig, und er sprach auch oft mit anderen über Stephan und die gemeinsame Zeit und das, was wohl aus ihm geworden wäre.

"Die Zeit allein heilt keine Wunden", sagt Norbert. "Aber man muss sich die Zeit geben, die nötig ist, mit einem Verlust innerlich klarzukommen. Wichtig ist, dass man nichts verdrängt und Hilfe erfährt - dann wird es besser." Als Stephan gestorben war, konnte sich Norbert nicht vorstellen, jemals wieder seines Lebens froh zu werden. "Am Anfang war es eine erdrückend schwere Last. Ich glaubte, ich muss sie tragen, bis ich selbst sterbe. Ich war überzeugt davon, das steckt man nie weg. Aber etwa zwei Jahre nach Stephans Tod hatte sich in uns vieles geklärt. Es war anders als vorher, ging uns wieder richtig gut. Ab diesem Zeitpunkt fühlten wir uns auch nicht mehr wie Trauernde im eigentlichen Sinn."

Der Tod eines geliebten Menschen wird oft als ungerecht oder als zu früh empfunden. Stephan wurde nur zwölf Jahre alt. Sein Tod erscheint als viel zu früh. Eine Lebensbilanz, die alles im Blick zu haben versucht, kann dabei helfen, eine andere Sicht der Dinge zu gewinnen. Es war die Bemerkung einer Freundin, die Norbert zum Nachdenken brachte. Einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes sagte sie, dass trotz des Verlusts und der Trauer am Ende ein dickes Plus übrig bleibe, wenn sie auf die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann zurückblicke. Dieser Gedanke half Norbert und seiner Frau, sich mit dem frühen Tod ihres Sohnes zu versöhnen. Denn obwohl er ihnen genommen wurde, hatte er ihnen doch zwölf Jahre ihres Lebens Freude bereitet - einfach deshalb, weil es ihn gab. Er hatte ihr Leben bereichert, in einzigartiger Weise. "Wenn wir auf diese Zeit zurückblicken, dann bleibt auch für uns unter dem Strich ein großes Plus", sagt Norbert heute.

Stephan ist nicht mehr da, schon lange nicht mehr. Aber er ist trotzdem irgendwie präsent. Norbert und seine Frau denken nicht ständig, aber immer wieder an ihren Sohn. "Und das Schöne ist: Wir haben nur positive Gedanken. An seinem Geburtstag und Namenstag machen wir immer eine besondere Flasche Wein auf zu seinen Ehren. Es ist keine wehmütige, sondern eine schöne Erinnerung. Wir sind froh, dass er Teil unseres Lebens war."

Stephans Eltern wohnen in einem kleinen Ort am Main. Vor dem Haus, in dem sie leben, fließt der Fluss vorbei. Auch das Leben fließt weiter. Beide empfinden es als lebenswert. Es bietet ihnen immer wieder neue Möglichkeiten. Auch 32 Jahre nach dem Tod ihres geliebten Sohnes, der heute 44 Jahre alt wäre.

    
    

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