aktualisiert: 20.11.2007 15:16 Uhr
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Tödliches Spiel mit dem Leben
Vor genau fünf Jahren, am 22. April 2001, setzte Karsten W. seinem Leben ein Ende. Er war gerade 18 Jahren alt. Seine Mutter Karin W. berichtet über ihre Trauer und ihr Weiterleben nach dem Tod ihres Sohnes.
Der junge Mann, in der Meldung nur ein weiterer Drogentoter, hatte Freunde und eine Familie, die ihn liebte. Er war begabt und vielseitig interessiert, hatte ein Gesicht und einen Namen. Fünf Jahre sind nun vergangen, seit Karsten tot ist. Fünf Jahre, in denen Karstens Mutter Karin W. sich immer wieder die Frage stellte, warum das Leben ihres Sohnes so früh und auf diese Weise endete. „Lieber Karsten, wir versuchen Deinen Weg zu akzeptieren“, stand in der Todesanzeige. Leichter gesagt als getan. „Ich suche seit fünf Jahren eine Erklärung. Ich habe vieles noch immer nicht verstanden. Ganz werde ich es wohl nie verstehen“, sagt sie. „Eine Erklärung? Ich habe keine Erklärung.“
Karsten war ein lebenslustiger Junge. Er liebte Sport, spielte Tennis und Fußball im Verein. Er interessierte sich für Musik, spielte Gitarre. Er las viel, schrieb sich Zitate aus Büchern auf, verfasste auch selbst Gedichte. Er besuchte das Gymnasium. Eine Lehrerin sagte einmal, er sei anderen geistig weit voraus. „Er hatte keinerlei schulische Probleme – erst, als es mit den Drogen anfing“, sagt Karin. Karsten war freundlich, er grüßte auf der Straße, war beliebt. Er hatte eine Freundin. „Er hatte absolut keinen Grund, sich mit Drogen zu betäuben. Er hätte alles ganz einfach haben können im Leben.“
Das Fotoalbum, das sie ihrem Sohn zum 18. Geburtstag schenkte, hütet Karin heute wie einen Schatz. Liebevoll hat sie darin Bilder zusammengestellt, Momente aus Karstens 18-jährigem Lebens im Kreis seiner Familie. Karsten als Baby, als kleiner Junge, an seinem ersten Schultag; der Jugendliche, der auf einer Faschingsveranstaltung als Michael Jackson auftrat und tanzte; Karsten bei Familienfeiern, oder während gemeinsamer Ferien mit den Eltern. „Zum 18. alles Liebe“ schrieb Karin ihrem Sohn auf die erste Seite des Albums, das ihn an sein Zuhause erinnern sollte, denn Karsten lebte zu diesem Zeitpunkt schon in einer eigenen Wohnung.
Irgendwann hatte er angefangen, Drogen zu nehmen. Er besorgte sich Rauschmittel unterschiedlicher Art. Er bekam Probleme mit der Polizei, stand einmal sogar vor Gericht. „Aus Gedichten und Texten, die er selbst verfasst hat, geht hervor, dass Karsten von einer anderen Welt geträumt hat. Er hat mit seinem Leben gespielt und durch die Drogen versucht, in diese andere Welt zu kommen. Irgendwie hat er immer diese Grenze gesucht“, sagt Karin. „Er veränderte sich, entfernte sich immer mehr von uns. Er konnte auf einmal sehr verletzend sein. Unseren Rat nahm er nicht mehr an, unsere Welt bedeutete ihm nichts mehr. Das Zusammenleben mit ihm wurde unmöglich. Die eigene Wohnung erschien uns als letzte Chance.“ Karsten stand nun unter Aufsicht des Jugendamts. Seine Eltern trafen sich regelmäßig mit ihm und seinem Betreuer. Sie sagten ihrem Sohn, dass sie weiter für ihn da sind. Aber Karsten ließ sich nur selten zu Hause sehen. Er lebte in seiner eigenen Welt, zog sich immer mehr zurück. „Natürlich machten wir uns Sorgen. Aber nie hätten wir gedacht, er könnte sich das Leben nehmen.“
An einem Abend im April klingelte es unten an der Haustür. Karin meldete sich an der Sprechanlage. Am anderen Ende hörte sie nur lautes Weinen. Es war Karstens Freundin. Sie hatte ihn tot in seiner Wohnung gefunden und war mit ihrer Mutter gekommen, um die Nachricht zu überbringen. Karin schloss die Tür, nachdem die beiden eingetreten waren. Sie hörte, ihr Sohn sei tot, aber verstand die Bedeutung der Worte nicht. Die Trauer kam erst später – und lässt sie bis heute nicht los.
Bei Karstens Beerdigung war die Kirche bis zum letzten Platz gefüllt. Dem Pfarrer, der Karsten gut gekannt hatte, standen die Tränen in den Augen, erzählt Karin. Die Anteilnahme war groß. Nach dem Tag der Beisetzung wurde es dann sehr still. „Diese Stille war bedrückend. Die meisten Menschen waren sprachlos, gingen uns aus dem Weg. Meist waren da nur mein Mann, mein jüngerer Sohn und ich, sonst niemand. Kaum jemand wusste, was er uns sagen sollte. Auf der Straße wurde ich zwar gegrüßt, aber mehr auch nicht“, erinnert sich Karin.
„Ich war nervlich am Ende. Es hat körperlich richtig weh getan. Ich konnte lange nicht zur Arbeit gehen. Ich habe gewartet, dass die Zeit endlich vergeht, weil es immer heißt, die Zeit heile alle Wunden. Aber das stimmt nicht, sie tut es nicht – bis heute nicht.“
Fünf Jahre sind seit Karstens Tod vergangen. Eine lange Zeit. Aber in der Trauer ist die heute 43-Jährige noch immer gefangen wie in einem Spinnennetz. Die finstersten Stunden, sagt sie, habe sie überwunden. Aber es fällt ihr immer noch schwer, Worte zu finden für den Schmerz, der in ihr bohrt und den sie, wie sie fürchtet, nie mehr ganz los wird. Der Tod ihres Sohnes hat ein riesiges Loch in ihr Leben, das der ganzen Familie gerissen. Sie und ihr Mann seien sich im Schmerz über den Verlust noch näher gekommen, aber trotzdem sei das Familiengefüge gestört, sagt sie. „Wenn Karsten nur gewusst hätte, welches Leid sein Tod uns zufügt. Aber darüber hat er wohl einfach nicht nachgedacht.“
Manchmal ist Karin wütend auf ihren Sohn, dann wieder fühlt sie sich schuldig. Besonders am Anfang wurde sie oft von Schuldgefühlen gepackt. „Ich war verzweifelt, weil ich bei unserem letzten Treffen einfach nicht gemerkt habe, wie schlecht er sich gefühlt haben muss. Wenn ich mir vorstellte, was er in seinen letzten Tagen, Stunden, Minuten durchgemacht hat, wie einsam, verlassen und verzweifelt er war, hätte ich schreien können.“ Das Gefühl, versagt zu haben, ließ sie lange nicht los. „Immer wieder versuchte ich, zu verstehen, warum ich es nicht schaffte, ihn bei uns zu halten. Nach vielen Gesprächen mit meinem Mann, Verwandten und Freunden habe ich mich damit abgefunden, dass ich wirklich nicht mehr hätte tun können. Nach all den Jahren, in denen ich gegen diesen Schmerz gekämpft habe, hat sich mein 'Schuldenberg' verkleinert. Ich habe eingesehen, dass wir machtlos gegen diese Entwicklung waren, dass keine noch so professionelle Hilfe, auch unsere Liebe nicht, Karsten helfen konnte.“
Wenn ein Mensch seinem Leben selbst ein Ende setzt, bleibt Ratlosigkeit zurück. Es gibt auch heute noch viele, die nie über Karstens Tod sprechen. „Manche unserer Bekannten trauen sich nicht einmal, seinen Namen auszusprechen“, sagt Karin. Daran hat sie sich gewöhnt. Was sie aber verletzt, sind Bemerkungen von Außenstehenden, die kaum etwas über ihren Sohn wissen, aber für alles eine Erklärung haben.
Suche nach einer Erklärung
Eine Erklärung, die hat Karin bis heute nicht. „Ich kann nicht begreifen, warum ausgerechnet mein Sohn auf einen solchen Weg geraten ist und wir ihn mit unserer Liebe und Fürsorge nicht davon abbringen konnten“, sagt sie. „Aber ich kann Karsten heute besser verstehen und verzeihe ihm von ganzem Herzen. Weil ich glaube, dass er einfach nicht anders handeln konnte, dass sein Freitod nicht gegen uns gerichtet war.“ Trotzdem tut es weh. Karsten ist aus ihrem Leben verschwunden. Was er aus seinem Leben gemacht hätte, wird sie nicht mehr erfahren. „Wie alle Eltern haben auch wir uns nur das Beste für unsere Kinder gewünscht und dafür viel Gefühl und Kraft eingesetzt. Man verliert den Glauben an sich und an die Welt.“
Manchmal wollte Karin einfach weg sein, um den Schmerz nicht mehr aushalten zu müssen. „Ich habe all die Jahre meine Trauer als einzigen Kampf empfunden“, sagt sie. „Oft dachte ich, ich habe keine Kraft mehr. Aber ich habe trotzdem auch immer wieder schöne Momente erlebt und wertvolle Erfahrungen gesammelt, die mir Zuversicht gaben und etwas von dem Leid und Schmerz von mir weg nahmen.“
Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat sich Karin in den vergangenen Jahren oft gestellt. Eine Antwort hat sie nicht gefunden. „In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass der Tote seinen Angehörigen zwei grundverschiedene Erbschaften hinterlässt“, sagt sie: „Erstens die Bürde, dass sein Suizid sie für den Rest ihres Lebens begleiten wird. Das zweite Vermächtnis ist ein Geschenk: Jede tiefe Beziehung zu einem Menschen öffnet einem die Augen für Dinge, die das Leben bereichern. Vielleicht ist das Geschenk an mich, dass ich sensibler für meine Mitmenschen geworden bin und gelernt habe, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen muss.“ Manchmal ist Karin froh, dass sich Karsten nicht mehr in dieser Welt quälen muss, die er nicht als die seine akzeptieren konnte. „Ich bin überzeugt, dass es ihm dort, wo er jetzt ist, besser geht und hoffe, dass er das, was er hier gesucht hat, dort findet“, sagt sie. „Und ich hoffe, dass ich das Vermächtnis von Karsten eines Tages annehmen kann. Solange werde ich mich weiter durch mein Leben kämpfen und mich über jeden Tag freuen, an dem ich merke, dass es trotz allem schön sein kann.“
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Vorwürfe und Schuldgefühle | 20.11.2007
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