publiziert: 20.11.2007 15:35 Uhr
aktualisiert: 25.10.2010 13:27 Uhr
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Gemeinsame Suche nach Antworten auf das Leid

Viele Frauen und Männer verlieren ihren Partner schon früh. Margit S. war 46 Jahre alt, als ihr Mann starb. Das Internet-Forum verwitwet.de half ihr dabei, mit ihrer Trauer zu leben und wieder neue Hoffnung zu schöpfen.

  • Witwe
    Norbert Schwarzott (Redaktion 1)
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Sie war 17, als sie ihren Mann kennen lernte. Ihre Liebe war groß. Wenige Jahre später heirateten sie, bekamen zwei Kinder, bauten sich ein gemeinsames Leben auf, Stück für Stück. Als das Leben noch heil war, waren da eine glückliche Familie, ein Mann, der sie „auf Händen trug“, wie Margit S. sagt, das eigene Boot auf dem Main, mit dem sie oft Ausflüge unternahmen und vieles andere mehr. Es sollte immer so weitergehen. 24 Jahre lang waren sie verheiratet. Dann starb Margits Mann. Seitdem ist alles anders.

Margit war 46 Jahre alt, ihr Mann Harald 47, als ein Krebsleiden seinem Leben ein Ende setzte. Schon die Krankheit veränderte das Leben der Familie. Allein vier Monate lang lag Harald in einer Klinik in München. Margit verbrachte den größten Teil dieser Zeit bei ihm, hatte kaum noch Zeit für die Kinder. Ihr Sohn, Anfang 20, kam zwar schon allein zurecht, aber ihre Tochter war gerade erst 15 Jahre alt. Es gab Zeiten, da ging es Harald sehr schlecht. „Aber ich hatte Hoffnung bis zuletzt“, sagt Margit. „Mir wurde erst ganz am Schluss klar, dass er wirklich sterben wird.“ Sechs Wochen vor seinem Tod fiel ihr Mann ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachte.

Mehr als vier Jahre sind seitdem vergangen. Als Harald gestorben war, dachte Margit zuerst nur: „Er hat es geschafft, er muss nicht mehr leiden.“ Sie hatte kaum Zeit, über den Verlust nachzudenken. Zu sehr war sie mit so vielen Aufgaben beschäftigt, die sie forderten: der Planung der Beerdigung, der Erledigung von Behördengängen und anderen Formalitäten. „Ich saß nicht da und habe geheult oder gegrübelt“, sagt Margit. „Ich hatte ständig zu tun.“ Zumindest am Tag. Nachts aber musste sie oft weinen und stellte sich immer wieder die Frage, die sie nicht beantworten konnte: Warum? Tagsüber raffte sie sich wieder auf. „Ich wollte einfach stark sein“, sagt sie.

Margit machte sich mehr Sorgen um ihre Kinder, vor allem um ihre damals 17-jährige Tochter, als um sich selbst. Wenn sie an ihre Tochter dachte, sah sie plötzlich sich selbst vor sich. „Als mein Vater starb, war ich auch erst 17. Damals konnte ich nicht richtig um ihn trauern, weil ich mir so viele Sorgen um meine Mutter machte. Sie war sehr traurig und völlig verändert. Ich wollte sie aber wieder so lebendig haben, wie sie vorher gewesen war“, sagt Margit. „Ich wollte nicht, dass es meiner Tochter so ging wie mir damals.“

Margit wollte sich nicht unterkriegen lassen, nicht im Selbstmitleid versinken. Selbstmitleid ist ihr fremd. Aber die Trauer steckt niemand einfach so weg. Auch Margit musste sich mit dem großen Verlust in ihrem Leben auseinandersetzen. Wie sehr, wurde ihr bald nach dem Tod ihres Mannes klar. Eine Freundin machte sie auf das Internet-Forum verwitwet.de aufmerksam, in dem Frauen und Männer aus ganz Deutschland, deren Partner gestorben sind, miteinander in Kontakt treten, sich voneinander erzählen und Probleme besprechen können.

Wenig später ist Margit selbst in dieses Internet-Forum eingetreten und hat Kontakte zu anderen Betroffenen aufgebaut. „Es klingt vielleicht übertrieben“, sagt sie, „aber das hat mir das Leben gerettet.“ Warum? „Mir wurde plötzlich klar: Andere müssen ebenfalls oft schon früh den Tod ihres Partners ertragen. Und unter ihnen gibt es viele, die es viel schwerer haben als ich.“

Margit berichtet von Frauen, die nach dem Tod ihres Mannes auch noch in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Oder von einer Mutter einjähriger Zwillinge. Während eines Familienausflugs stürzte ein Baum auf das Auto und tötete ihren Mann. „Das gemeinsame Leben dieser Familie wurde so schnell und früh zerstört“, sagt sie. „Diese Kinder haben ihren Vater nie richtig kennengelernt. Meine Kinder kannten ihren Vater gut. Wir waren lange eine glückliche Familie, hatten eine tolle Zeit miteinander. Und wir haben eine gemeinsame Erinnerung.“

Am Anfang suchte Margit gezielt nach Menschen, deren Partner ebenfalls an Leukämie gestorben sind. Sie gab bei verwitwet.de als Stichwort „Leukämie“ ein und fand schnell Kontakt zu rund 25 verwitweten Frauen und Männern. Bei der Kommunikation über das Internet standen für Margit vor allem folgende Fragen im Mittelpunkt: Wie haben andere den Tod ihres Partners verkraftet? Wie führten sie ihr Leben weiter? Wie geht es ihnen jetzt?

„Ich habe viele Wochen lang nichts anderes gemacht, als mit gleichfalls Betroffenen zu kommunizieren“, berichtet Margit. „Am Anfang war ich vom frühen Morgen bis Mitternacht im Internet, um herauszufinden, wie andere mit ihrem Verlust umgehen.“ Das Gesprächsforum wurde zu einem Ventil, um etwas von dem Druck herauszulassen, unter dem sie seit der Krankheit und dem Tod ihres Mannes stand. „Ich habe mit anderen Betroffenen über Ärzte und Kliniken, überhaupt über alles geschimpft und mit dem Schicksal gehadert.“ Das ändert zwar nichts, aber danach fühlte sich Margit besser, befreit von einer Last.

Trauernde brauchen menschliche Nähe. Im Internet ist die Kommunikation zwar persönlich, aber ohne direktes Gegenüber. Manche sehen darin einen Nachteil. Margit nicht. „Da es ein Forum für Trauernde ist, geht es gleich zur Sache, zum Kern des Problems“, sagt sie. „Es gibt keine Hemmschwelle. Man merkt schnell, mit wem man gut kommunizieren kann, wer auf der gleichen Wellenlänge liegt. Die Kontakte sind sehr intensiv. Und wer will, kann sich jederzeit zurückziehen.“

Auch ganz lebenspraktische Fragen werden bei verwitwet.de zum Thema, zum Beispiel: Was kann ich für meine Kinder tun, die mit dem Verlust eines Elternteils leben müssen? Daher gibt es dort auch ein Forum, wo sich Kinder und Jugendliche, deren Vater oder Mutter gestorben ist, mit ebenfalls betroffenen Gleichaltrigen austauschen können. „Meine Tochter hat auf diese Weise Freundinnen gefunden“, erzählt Margit. Sie habe damals gesagt: „Keiner hat mich verstanden. Aber die haben mich verstanden.“

Freunde, sagt Margit, habe auch sie über verwitwet.de gefunden. Mit manchen hat sie irgendwann Telefonnummern ausgetauscht, es gab gegenseitige Besuche. „Wir waren einander nicht fremd, als wir uns das erste Mal sahen. Im Gegenteil. Wir kannten uns schon gut, da wir uns zuvor so viele persönliche Dinge geschrieben hatten“, erzählt sie. Durch das Internet-Forum schloss sie zum Beispiel Freundschaft mit einer ebenfalls verwitweten Frau aus München, die sie bereits besucht hat: „Wir haben schon einige schöne Tage miteinander verbracht.“

Ihrer Familie, besonders ihrer Mutter, ihren Schwiegereltern und den Geschwistern ihres Mannes, ist Margit für die Nähe in der Zeit ihrer Trauer sehr dankbar. Manche Freunde dagegen machten sich rar. „Als mein Mann noch da war, gab es mehrere Ehepaare, mit denen wir befreundet waren. Als Harald tot war, kamen viele nicht mehr so gerne, hatten plötzlich kaum noch Zeit“, erinnert sich Margit. Wenn sich das Leben ändert, ändern sich auch viele Menschen. Manche Freunde verschwanden langsam aus ihrem Leben. Aber dafür kamen neue hinzu.

Über verwitwet.de lernte Margit auch einen Mann kennen, dessen Frau – wie ihr eigener Mann – an Leukämie gestorben ist. Sie schrieben sich anfangs mehrere E-Mails am Tag, besuchten sich später einige Male. Mittlerweile ist Margit mit diesem Mann eine neue Beziehung eingegangen.

„Wir lieben uns, aber es ist eine Fernbeziehung. Er lebt in einem mehr als 400 Kilometer weit entfernten Ort. Wir sehen uns alle zwei Wochen. Unser Zusammensein ist schön, auch weil wir beide nie ausblenden, was war“, sagt Margit. „Wir sprechen oft über unsere toten Partner. Er versteht, dass ich die Fotos von meinem gestorbenen Mann nicht abhänge – und ich verstehe ihn, der es mit den Bildern seiner früheren Frau genauso hält.“

Seit dem Tod ihres Mannes, erzählt Margit, habe sie oft Träume. Träume, dass sie irgendetwas nicht schaffe, dass sie mit dem Leben nicht fertig werde. Sie will aber mit all dem, was passiert ist, fertig werden. „Ich möchte so weiterleben, dass mein Mann stolz auf mich ist“, sagt sie. Die neue Beziehung ist wichtig für ihr Leben. Aber sie weiß auch: So eine Beziehung wie die, die sie mit ihrem Mann geführt hatte, kann und wird es nie sein. „Harald und ich, wir waren damals beide jung, als wir uns kennen lernten. Wir sind mit der Zeit aneinander gewachsen. So etwas werde ich in dieser Form nie wieder haben. Das ist vorbei.“ Wenn sie und ihr neuer Freund heute einen Ausflug machen, gehen sie oft in eine Kirche – einfach, um zwei Kerzen anzuzünden für ihre früheren Partner, die nun tot sind. „Manchmal habe ich das schöne Gefühl, die beiden sind da oben und beobachten uns“, erzählt Margit.

Ihre Mutter, fällt ihr nun ein, war beim Tod ihres Mannes genauso alt wie sie, als Harald starb. „Meine Mutter hat nicht mehr geheiratet. Es war ein Problem für sie, nicht zu wissen, ob sie dann später neben ihrem ersten oder ihrem zweiten Mann im Himmel sitzen würde“, berichtet Margit. „Für mich ist das kein Problem„, sagt sie. „Dann sitzen wir eben zu viert dort oben und spielen Skat.“

Von Herbert Scheuring
    
    

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