aktualisiert: 29.10.2010 19:23 Uhr
Text
Text
Lorenz' letzte Kurve
Der Tod des Sohnes: Vor sieben Jahren starb der 19-jährige Lorenz in den italienischen Alpen bei einem Motorradunfall. Seine Mutter hat gelernt, mit den Wunden zu leben. Heilen werden sie nie.
Lorenz wollte die Kurve noch mal fahren. Es war sein erster Motorradurlaub mit Freunden. Unter ihren Reifen lagen die Pässe Norditaliens. Die kurvenreiche Strecke zwischen Cavalese und Trient war einfach cool – und tückisch. Kurz bevor Lorenz nach einer Rast seinen Helm wieder aufsetzte, drückte einer seiner Freunde noch mal auf den Auslöser seiner Kamera. Lorenz schaut hinein, mit einem Blick, wie ihn nur abenteuerlustige junge Menschen haben, die gerade das pralle Glück des Augenblicks genießen. Es ist das letzte Foto aus Lorenz‘ Leben. Minuten später stößt der 19-Jährige frontal mit einem Auto zusammen. Lorenz stirbt noch am gleichen Tag in einem Krankenhaus in Trient.
Seine Mutter sitzt in ihrer hellen Wohnküche, vor sich ein großes Fotoalbum. Sie hat die Bilder von Lorenz‘ letztem Urlaub darin eingeklebt. Und die von der Beerdigung. Auf der Theke steht jenes Foto, das der Freund von ihrem Sohn gemacht hat. Der Rahmen steht so, dass Lorenz zum Esstisch blickt. Ein Blick für die Ewigkeit. So ist er immer da, auch wenn er nie mehr dort sitzen wird. „Eigentlich sind sieben Jahre gar nichts“, sagt die 52-Jährige mit einem Lächeln, das von Schmerz umspielt wird. Sieben Jahre ist Lorenz jetzt tot. „Wenn das eigene Kind stirbt, stirbt die Zukunft.“
Der Handy-Anruf an jenem Dienstag im Juni kam von Lorenz‘ Freund. „Er sagte, dass Lorenz einen Unfall hatte“, erinnert sich die Mutter. „Wir sind dann sofort losgefahren.“ Schon unterwegs hatten sie und ihr Mann telefonischen Kontakt zu einem Arzt. „Gott sei Dank konnte er deutsch.“ Dass Lorenz während der Fahrt seiner Eltern nach Trient stirbt, sagt ihnen der Arzt nicht. „Aber geahnt haben wir es. Wir haben uns kaum mehr anrufen getraut.“ Der Arzt wartet ab, bis die Eltern nachts um ein Uhr endlich ankommen. Er hätte längst Dienstschluss gehabt. „Dass er es uns persönlich sagen wollte, das rechne ich ihm noch heute hoch an“, sagt Lorenz‘ Mutter.
Auch wenn sie weiß, dass vor Ort alles getan wurde, um Lorenz zu retten, erfährt sie Details, die ihr das Herz schier zerreißen. „Lorenz hat wohl mehrmals nach mir gerufen.“ Das sei für sie das Allerschlimmste, sagt sie, und die Tränen überwältigen sie. „Ich war nicht da, als er mich gebraucht hätte.“ Am Bett des toten Sohnes konnten die Eltern dann noch bis früh um sechs Uhr sitzen und Abschied nehmen. „Diese Zeit noch mit ihm zu verbringen war enorm wichtig.“
„Wenn das eigene Kind stirbt, stirbt die Zukunft.“Die Mutter von Lorenz
Mindestens einmal im Jahr fährt Lorenz‘ Mutter mit ihrem Mann an die Unfallstelle in Norditalien. „Es ist das letzte Stückchen Erde, das Lorenz gesehen hat.“ Längst steht dort ein Holzkreuz, das ein Bekannter der Familie geschnitzt hat und das sie in einer kleinen Andacht mit Freunden aufgestellt haben. „Es ist für uns ein Ort zum Trauern, das ist sehr wichtig.“ Dieser Ort bedeutet ihr fast noch mehr als das eigentliche Grab. „Im Grab ist ja nur der verstorbene Leib.“ Wirklichen Kontakt zu ihrem Sohn bekomme sie an ganz anderen Plätzen, und gerade an der Unfallstelle fühlt sie sich ihm sehr nah. Heuer, erzählt Lorenz‘ Mutter, hatten sie dort sogar eine besondere Begegnung. „Direkt gegenüber hat ein freundlicher Italiener einen Obststand. Er erzählte uns, dass er damals ganz in der Nähe gearbeitet hat und den Unfall gehört hat. Auch hat er beobachtet, dass immer wieder Freunde zu dem Kreuz kommen. Er hat uns gesagt, er würde immer mal nach dem Rechten sehen und die Blumen, die wir gepflanzt haben, gießen.“
Solche Erlebnisse sind es, die die 52-Jährige enorm trösten. Eigentlich, meint sie, könne sie mit Tod und Sterben gut umgehen, sehe sie den Tod als das Ziel des Lebens, als Weg ins Licht, wo kein Leid, keine Not, keinen Streit mehr ist. Aber es gab auch Momente großer Verzweiflung. Momente, in denen ihr der Lebensmut fehlte. Momente des Fragens nach dem Warum, nach dem Sinn.
Eine befriedigende Antwort auf diese Frage wird sie nicht bekommen, das weiß sie. Darum stützt sie sich innerlich auf die Zeit, die sie mit ihrem Sohn erleben durfte. Lorenz mochte Fun-Sport, spielte E-Gitarre. Und er liebte das Motorradfahren. Den Blick darauf gerichtet, kann sie sagen: „Lorenz hatte ein gutes Leben, auch wenn es kurz war.“ Die Dauer eines Lebens sage ja nichts über die Qualität. „Manche Wege sind kurz, manche lang.“
Lorenz‘ Mutter lebte mit ihrer Familie viele Jahre in Afrika, Lorenz ging dort auf eine deutsche Schule. „Diese Zeit hat ihn sehr geprägt.“ Sie hat alte Schulhefte gefunden, wo Lorenz im Religionsunterricht seine Vorstellung von Himmel und Hölle aufschreiben sollte. Zum Himmel hat er geschrieben, das, was man auf Erden gerne getan habe, könne man dort für immer tun, ohne dass es langweilig werde, erzählt seine Mutter. Und zur Hölle? „Die schafft man sich selbst auf Erden.“ Tod, sagt die 52-Jährige, sei in ihrer Familie nie ein Tabuthema gewesen. „Wir haben immer viel darüber gesprochen, es gab Todesfälle in der Verwandtschaft und im Freundeskreis und auch in Afrika waren wir durch die hohe Kriminalität täglich damit konfrontiert.“
Nach der Rückkehr der Familie aus Afrika lebte Lorenz noch zweieinhalb Jahre in Deutschland. In dieser Zeit hat er sehr viele Freunde gefunden. Davon zeugt auch der Korb mit Stoffschleifen, auf denen seine Wegbegleiter bei der Beerdigung einen letzten Gruß an ihn schreiben und ans Kreuz hängen konnten. Auch das ist der Mutter ein Trost. Jenen Korb hütet sie achtsam. Jetzt greift sie hinein, holt nacheinander ein paar Schleifen heraus und liest: „Wollte dir noch sagen, dass ich deine lustigen Sketche nie vergessen werde / Möge Gott dir einen Engel schicken / Der Augenblick nimmt, was Jahre geben / Bleib weiterhin ein Sonnenschein / Misch den Laden da oben richtig auf“. Viele sind mit der Familie auch nach Lorenz‘ Tod in Kontakt geblieben. Das gibt seiner Mutter das Gefühl, dass Lorenz nicht vergessen ist. „Andererseits“, schränkt sie ein, „wirklich helfen kann einem niemand.“ Die Zeit heile die Wunden nicht. „Aber man lernt, mit ihnen zu leben.“
„Manchmal habe ich Angst, Lorenz Stimme zu vergessen.“Die Mutter von Lorenz
In diesem Prozess hat die 52-Jährige auch gelernt, realistisch mit ihrer Trauer umzugehen, wie sie es nennt. „Es bringt nichts, den Verstorbenen zu glorifizieren.“ Sie versuche, Lorenz so in Erinnerung zu behalten, wie er war, und dankbar für die 19 Jahre zu sein, in der sie ihn hatten. Und fügt an: „Gerne würde ich noch einmal mit ihm lachen, mit ihm diskutieren oder auch seine Schuhe, die im Weg stehen, wegräumen.“
Lorenz‘ Mutter hat sich beruflich integriert und arbeitet in einer psychosomatischen Klinik. „Vieles ist seit Lorenz‘ Tod für mich nebensächlich geworden. Ich bin ernster geworden, ich meide leere Gespräche. Aber die Arbeit hat meinem Leben Struktur und Halt zurückgegeben.“ Dass es in ihrem Umfeld Menschen gibt, die zuhören und Tränen ertragen können, mit denen sie über Lorenz sprechen und mit ihnen lachen kann, „das hilft mir sehr“. Weinen und Lachen gehört für die 52-Jährige heute ganz nah zusammen. „Man muss es zulassen. Wenn ich lachen kann, dann lache ich. Wenn ich weinen muss, weine ich.“
Und die Trauer bricht immer wieder durch, am Jahrestag des Unfalls, an Lorenz‘ Geburtstag, an Feiertagen. Und in vielen Alltagssituationen, sei es, dass seine Mutter ein Lied im Radio hört, das sie an ihren Sohn erinnert. „If tomorrow never comes“ von Ronan Keating ist so ein Lied. Wenn es kein Morgen mehr gibt – was hätte man dann noch alles miteinander bereden sollen, darum geht es im Text. Und dass die Liebe, die man jenem Menschen gegeben hat, hoffentlich genug Liebe war, nicht zu wenig. Darüber denkt Lorenz‘ Mutter nach, immer wieder.
Im Lauf der Jahre hat sie auch verinnerlicht: „Ich muss aus dem, was mir bleibt, ein gutes Leben machen.“ Die Wunden in Perlen verwandeln lernen, akzeptieren, „dass Wunden etwas Wertvolles werden können“. Dazwischen mischen sich immer wieder überwältigende Gefühle. „Manchmal habe ich Angst, Lorenz‘ Stimme zu vergessen“, sagt sie, während wieder Tränen über ihre Wangen laufen. Normalerweise sei es doch so im Leben, dass Eltern ihren Kindern den Weg vorausgehen, dass sie ihnen zeigten, wo es langgeht. „Bei uns ist Lorenz vorausgegangen.“ Mehr und mehr mische sich die Trauer über Lorenz‘ Tod mit einer tiefen Sehnsucht, ihn wiederzusehen. Der Glaube und die Hoffnung auf ein Wiedersehen in einem anderen Leben, „das ist für uns Eltern lebenswichtig“.
Diesen Artikel
Die neuesten Kommentare
Anzeigenaufgabe
Privatkunden
Tel.: 0931 - 6001 6002
Fax: 0931 - 6001 420
eMail: service.center@mainpost.de
Gewerbliche Kunden
Tel.: 0931 - 6001 303
Fax: 0931 - 6001 229
eMail: anzeigendispo@mainpost.de
Sonntags
nur dringende Traueranzeigen
Tel.: 0931 - 6001 283
Fax: 0931 - 6001 427
Unsere Mediadaten mit Anzeigenschlusszeiten finden Sie HIER.
Main-Post GmbH & Co. KG
Berner Str. 2
97084 Würzburg

Wetter











