publiziert: 29.10.2010 17:50 Uhr
aktualisiert: 29.10.2010 19:21 Uhr
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Über die Angst vor dem Tod

Nachdenken über das Ende: In seinem Buch „Nichts, was man fürchten müsste“ stellt sich Julian Barnes der Problematik des Todes und begibt sich auf eine Reise durch die Ideengeschichte der Menschheit

Die meisten Menschen reisen durch das Leben, als ob der Tod ein weit entferntes Land sei, das sie nicht betreten müssten. Dabei gibt es nur ein Ereignis, das mit hundertprozentiger Sicherheit auf alle wartet – der Tod. Aber was ist der Tod? Die Auslöschung des eigenen Selbst, das unwiderrufliche Ende? Der Beginn von etwas Neuem? Die Heimkehr zu Gott? Selbst Menschen, die für sich eine Antwort auf diese Frage gefunden haben, werden mitunter von Zweifeln heimgesucht. Denn der Tod entzieht sich menschlicher Erfahrungsmöglichkeit und Vorstellungskraft. Dieses Ausgeliefertsein an das Unbekannte beunruhigt, löst Angst aus. Aber Angst wovor? Vor dem Tod selbst? Oder nur vor dem Sterben? Und was heißt hier „nur“?

Auf die Frage, was er vom Tod halte, hat der Filmregisseur Woody Allen einmal gesagt: „Ich bin dagegen!“ Und: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Der britische Schriftsteller Julian Barnes bezeichnet sich dagegen als einen Menschen, „dem das Sterben nichts ausmachen würde, sofern ich hinterher nicht tot wäre.“ Die Vernichtung der eigenen Existenz mache ihm am meisten Angst, schreibt Barnes. Kurz darauf korrigiert er sich jedoch, bekennt, dass er sich auch vor dem Sterben fürchtet, und zählt die unterschiedlichsten Todesarten auf, die ihm Angst einjagen – vom langsamen körperlichen und geistigen Verfall bis hin zum gewaltsamen Tod. Also das ganze Programm. Wie ist also der Titel von Barnes Buch über den Tod – „Nichts, was man fürchten müsste“ – zu verstehen? Ist es Ironie? Oder das sprichwörtliche Pfeifen im Wald? Vermutlich beides.

Die Angst vor dem Tod begleitet Barnes schon seit seiner Kindheit, raubte ihm oft den Schlaf. Als er das erste Mal einen Toten aufgebahrt sah, weigerte er sich, bis vor den Sarg zu treten: „Ich spähte nur durch die Scheiben der Flügeltüren und redete mir ein, das geschehe aus Taktgefühl; dabei war es nichts als Angst.“ Barnes, als Autor eher komischer Romane wie „Flauberts Papagei“ bekannt geworden, hat in einem 333 Seiten langen Essay den Tod, über den er – heute 64-jährig – sein ganzes Leben lang nachgedacht hat, zum alleinigen Thema gemacht. Er mischt biografische Skizzen, in denen er vom Sterben Familienangehöriger berichtet, mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Betrachtungen, die das Rätsel des Todes zu ergründen versuchen, zitiert Schriftsteller, die er als seine geistigen Verwandten betrachtet: Stendhal, Gustave Flaubert, Jules Renard und andere mehr.

Sein Versuch, Trost oder zumindest neue Erkenntnisse zu gewinnen, führt Barnes bis in die Antike zurück. Schon damals war die Frage, was nach dem Tod kommt, umstritten. Plato glaubte, der Mensch habe eine unsterbliche Seele und nach dem Tod werde alles besser. Epikur war davon überzeugt, nach dem Tod komme gar nichts mehr. Für die platonische Idee, für religiöse Vorstellungen überhaupt, fehlt Barnes der Glaube. Und die Einschätzung Epikurs bestätigt ihn nur in seiner Angst: dass der Tod das unwiderrufliche Ende bedeutet. Religion kann die Angst vor dem Tod nehmen. Vermutlich, meint Barnes, glauben Menschen nur deshalb an die Unsterblichkeit, weil sie Angst vor dem Tod haben und dringend des Trostes einer jenseitigen Welt bedürfen. Für diese Art von Trost jedoch ist Barnes nicht empfänglich, wie er schreibt: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“

Mit dem Philosophen Montaigne (1533-1592) beginnt das moderne Nachdenken über den Tod. Er bot über die Tröstungen des Glaubens hinaus auch weltliche Einsichten an, die dem Tod seinen Schrecken nehmen sollen. Aber auch diese überzeugen Barnes nicht. Montaigne fragt: Wozu klagen, dass man sein Leben lassen muss, wenn alle anderen es auch lassen müssen? „Stimmt, und einige von denen sind darüber bestimmt genauso sauer wie ich“, hält Barnes dem entgegen. Und auf die Frage: Was willst du eigentlich genau, wenn du dich gegen den Tod auflehnst – willst du ein ewiges Leben hier auf Erden, und das zu den momentan geltenden Bedingungen?, entgegnet er: „Das Argument leuchtet mir ein, aber wie wäre es mit ein bisschen ewigem Leben? Einem halben? Okay, ich nehme auch ein viertel.“

Wie Montaigne in seinen „Essais“ nähert sich Barnes dem Tod immer wieder aus neuen Perspektiven, stellt vermeintliche Wahrheiten in Frage, überprüft eigene Standpunkte, zieht andere Möglichkeiten in Betracht. Ein Priester sagte einmal zu Barnes: „Sie glauben doch nicht, ich würde das alles auf mich nehmen, wenn ich am Ende nicht in den Himmel käme?“ Barnes ist von diesem berechnenden Denken ebenso beeindruckt wie entsetzt und fragt: Was wäre, wenn Gott ganz anders ist, als wir ihn uns vorstellen? Wenn er die Einhaltung vieler Glaubensregeln gar nicht fordert? Wenn er nicht so kleinkariert ist wie das Bild, das viele sich von ihm machen? „Womöglich“, meint Barnes, „liebt Gott ja den ehrlichen Zweifler mehr als den berechnenden Schleimer.“

Das Gottesbild, das sich Menschen zu unterschiedlichen Zeiten gemacht haben, stellt Barnes immer wieder in Frage. Die Todesfurcht sei heute an die Stelle der Gottesfurcht getreten, weil wir „den rachsüchtigen Gott zurechtgestutzt und als unendlich Gnädigen neu vermarktet“ haben, schreibt er: „Mit dem Tod können wir das nicht machen. Der Tod lässt nicht mit sich reden oder durch schöne Worte in etwas anderes verwandeln; er weigert sich einfach, an den Verhandlungstisch zu kommen.“ Und weil das so ist, weil die Angst vor dem Tod, dem großen Unbekannten, beunruhigt, wird er weitgehend aus dem Leben verbannt. „Wir machen den Tod heute so unsichtbar wie möglich und zum Bestandteil eines Vorgangs – vom Arzt über das Krankenhaus bis zum Bestattungsunternehmen und Krematorium – indem uns Fachleute und Bürokraten sagen, was wir zu tun haben, bis wir uns dann endlich selbst überlassen sind – Überlebende, die mit einem Glas in der Hand herumstehen, Dilettanten, die das Trauern lernen.“

Die Trauer spielt in dem Buch übrigens kaum eine Rolle. Barnes' Gedanken kreisen vornehmlich um den eigenen Tod, um das Ende der eigenen Existenz. Dabei ist der Schrecken des Todes viel breiter gefächert: Es gibt Menschen, die ihren Tod weniger fürchten als den ihnen nahestehender Personen. Aber das ist ein anderes Thema. Als Barnes die Arbeit an seinem Buch beendet hatte, starb seine Frau an einem Gehirntumor.

Nichts, was man fürchten müsste? Es gibt eigentlich im Zusammenhang mit dem Tod nichts, was Barnes nicht fürchtet, wie sein Buch – das Dokument eines lebenslangen Versuches, das Unbegreifliche zu verstehen – belegt. Theologische, philosophische oder naturwissenschaftliche Erklärungen, die mit dem Tod versöhnen wollen, überzeugen Barnes nicht. Er könne zwar nachvollziehen, schreibt er, dass ohne Tod kein Leben möglich wäre; dass erst durch den Tod zusammenbrechender Sterne Planeten entstehen konnten. Wir Menschen sind Teil dieses Planeten, Teil des Universums. Warum widerfährt uns der Tod? Weil uns das Universum widerfährt, meint der Theologe John Bowkers. Dies sei nachvollziehbar, räumt Barnes ein, und trotzdem „hat sich mein Verständnis für all das nicht weiterentwickelt – etwa in Richtung Akzeptanz, geschweige denn Trost.“ In den 50 Jahren seines Nachdenkens über den Tod habe er nicht mehr Wissen erlangt, schreibt Barnes, sondern nur ein größeres Bewusstsein seiner Unwissenheit.

Gläubige werden an diesem Buch keinen Gefallen finden, weil es Fragen stellt, die sie für sich selbst schon beantwortet haben. Ungläubige werden vermutlich ebenso wenig Freude daran haben, da für sie der Tod kein Rätsel darstellt und sich für sie die Frage des Weiterlebens nach dem Tod gar nicht stellt. Sie stellt sich aber doch – und gerade Julian Barnes stellt sie immer wieder. Sein Buch über den Tod ist das Bekenntnis eines Zweiflers, der nicht gläubig ist, aber das für ihn Unglaubliche doch nicht für gänzlich unmöglich hält. Barnes' Romanessay bietet einen Querschnitt durch nahezu alle Gedanken, die von den frühesten Zeiten an über den Tod gedacht wurden. Eine ehrliche, sehr persönliche, mit Zitaten und Anekdoten gespickte Bestandsaufnahme, die ein schweres Thema mit erzählerischer Leichtigkeit behandelt. Eines der lebendigsten Bücher, die über den Tod geschrieben wurden.

Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste, aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 333 Seiten, 19,80 Euro.

Bücher über Tod und Trauer

Roland Barthes: Tagebuch der Trauer, Hanser Verlag, 272 Seiten, 21,50 Euro: Nach dem Tod seiner Mutter hat der französische Philosoph Roland Barthes auf rund 250 Zetteln seine Gedanken festgehalten, die um die Tote und seine Trauer kreisen. Die Notizen, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren, wurden nun 30 Jahre nach Barthes' eigenem Tod herausgegeben. Ein sehr persönliches Dokument, das die Grenze zwischen der Trauer und der Sprache abtastet. Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt, Deutscher Taschenbuch Verlag, 198 Seiten, 8,95 Euro: Sam ist elf Jahre alt, hat Leukämie und wird bald sterben. Zusammen mit seinem ebenfalls krebskranken Freund Felix erstellt er eine Liste der Dinge, die er gerne noch erleben will. Gemeinsam arbeiten sie diese Liste ab. Sally Nichols hat eine wunderbare Erzählung darüber geschrieben, wie Abschiednehmen im Angesicht des Todes gelingen kann. Roland Kachler: Meine Trauer geht – und du bleibst. Wie der Trauerweg beendet werden kann, Kreuz Verlag, 158 Seiten, 14,95 Euro: Immer noch wird vielen Trauernden geraten, sie müssten geliebte Tote „loslassen“. Der Psychotherapeut Roland Kachler dagegen betont in diesem Buch den Gedanken, dass die Liebe bestehen bleiben darf und so dazu beiträgt, eine neue innere Beziehung zu geliebten Verstorbenen zu schaffen und die Trauer zu überwinden.

Von unserem Redaktionsmitglied HERBERT SCHEURING
    
    

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Die neuesten Kommentare

Bocksklee (1 Kommentare) am 12.11.2010 15:39

Über die Angst vor dem Tod

Auch bei mir gab es lange Zeit die Unsicherheit, ob es ein Leben nach dem Tod überhaupt gibt, bis mir ein Freund erklärte, daß es dafür eine Gesetzmäßigkeit gibt. Er brachte mich drauf, daß alles im Leben ein Gegenstück hat: Licht und Dunkel, oben und unten, Geburt und Tod. Und so hat auch automatisch eine vergängliche Welt, wie wir sie kennen, eine unvergängliche Welt als Gegenstück. So bestehen wir nach diesem Gesetz der Gegenstücke schon jetzt aus zwei Teilen, dem äußeren vergänglichen Teil und dem inneren unvergänglichen Teil. Der eine gehört zur vergänglichen Welt, der andere zur unvergänglichen Welt. Erst als ich dieses Gesetz begriffen hatte, wußte ich, daß der Tod ein Wechsel aus der vergänglichen Welt in die unvergängliche Welt ist. Dieses Wissen hat mir sehr gut getan. Ich hoffe, es hilft auch anderen.
Dazu ist ein Buch erschienen:
Ulrich Seibert "Dein Weg und die Wahrheit und die Existenz nach dem Tod".
Man kann es unter dieser Telefonnummer bekommen: T.0171-8380050
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