publiziert: 28.10.2010 19:00 Uhr
aktualisiert: 28.10.2010 19:27 Uhr
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Das Beste zum Schluss

Wenn Druck und Anspannung steigen, läuft Marktbreits Keglerin Julia Schulz regelmäßig zur Hochform auf
  • Lächelnde Botschafterin ihres Sports: Marktbreits Keglerin Julia Schulz.
    Foto: Roland Knieling
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Julia Schulz greift sich eine der gelben Kugeln, und für einen Moment scheint es tatsächlich so, als habe sie Mittel und Wege gefunden, die Gesetze der Schwerkraft zu überwinden. Die Kugel mit dem Gewicht von annähernd drei Kilogramm und 160 Millimeter Durchmesser zerrt an ihrer rechten Hand, keiner auffallend großen Hand. Doch was für den naiven Betrachter wie Magie oder Hexerei ausschaut, ist wohl doch bloß der geübte Griff einer routinierten Keglerin. Julia Schulz nimmt vier Schritte Anlauf und am Ende der Auslaufzone setzt sie die Kugel, die im Gegensatz zum Modell für die Freizeitkegler keine Löcher hat, behände auf. Die Kugel rollt kontrolliert und schnurgerade die Bahn entlang und trifft vorne in die Gasse rechts der Mitte. Sieben Kegel fallen. Julia Schulz ist zufrieden und lächelt.

Sie wird noch häufiger an diesem Trainingsabend das Ritual abspulen: Kugel greifen, vier Schritte Anlauf, in die Hocke, Kugel setzen – und dann, wie beim Roulette: Nichts geht mehr. Dann bleibt auch ihr manchmal nur die stille Hoffnung, dass alles gut gehen möge. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Julia Schulz gelernt, das Glück auf der Kegelbahn zu zwingen – mit wachsendem Erfolg. Als sie zehn war, schleifte eine Freundin sie mit zum Kegeln. „Ich habe es ausprobiert, und es hat Spaß gemacht.“ Jetzt ist sie 29 und eine der Leistungsträgerinnen des Regionalligaklubs Germania Marktbreit. Sie mag diese Kombination: den Spaß in einem Team mit sechs großteils gleichaltrigen Frauen und auf der anderen Seite die Ernsthaftigkeit eines Wettkampfs, der Körper und Geist gleichermaßen fordert. Wie beim Schießen sind Nervenstärke und Konzentration gefragt. Allerdings ist die physische Komponente beim Kegeln deutlich stärker ausgeprägt.

Zwanzig Minuten hat Julia Schulz im Wettkampf Zeit für fünfzig Schub. Statistisch betrachtet, bleiben ihr für einen Schub 24 Sekunden – wenn sie die Frist voll ausreizt, aber das tut sie selten. Meist ist sie ihrer Zeit zwei bis drei Minuten voraus. Sportmedizinische Studien bringen den Energieverbrauch einer Keglerin innerhalb dieses Zeitfensters auf einen Nenner mit dem einer 5000-Meter-Sprinterin. So kann Julia Schulz nur lächeln, wenn ihr mal wieder angedichtet wird, eine ruhige Kugel zu schieben und dabei womöglich noch ins Milieu düsterer Hinterzimmer abzutauchen. „Unser Sport“, sagt sie, „wird zu Unrecht verkannt. Wer es mal probiert hat, wird das spüren – spätestens am nächsten Tag.“ Lächelnd geht sie über alle Vorurteile und Klischees hinweg, wie sie überhaupt viel lächelt in diesem Gespräch.

„Ein bisschen aufgeregt“ sei sie, bei ihrem allerersten Pressetermin überhaupt. Aber das macht die 29-Jährige mit dem glatten blonden Haar noch ein Stück weit sympathischer, zumal sie sonst über den Dingen zu stehen pflegt. Im Wettkampf ist ihr die Rolle der Schlussstarterin zugedacht – eine Position, die gute Nerven und starkes Selbstvertrauen verlangt. Mitunter sei es nicht leicht, wenn der Druck steigt und die Gegnerin nebenan eine gute Partie nach der anderen spielt, sichtbar an der Ergebnisprojektion an der Stirnseite jeder Bahn. „Man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn man in Rückstand gerät.“ Kegeln, so sagt Julia Schulz zwar richtig, sei „Mannschaftssport“, aber wenn sie die Bahn betritt, ist sie doch mit sich allein und auf sich selbst gestellt. Da helfen ihr bestenfalls die in dieser Sportart übli-chen Anfeuerungsrufe ihrer Kameradinnen über manche Schwäche hinweg.

„Anschreien“ nennt sie dieses für Außenstehende eher seltsame Ritual, das bei den Betroffenen noch einmal die letzten Kräfte freisetzen soll. Ob es diese Art Folklore ist oder doch handwerkliches Geschick, das Julia Schulz oft zu Höchstleistungen treibt? Vorige Saison war sie in der Regionalliga die konstanteste Spielerin mit einem Durchschnittsergebnis von 449 Holz. Entscheidend dafür sind die auswärts erzielten Resultate, weil nur sie einen objektiven Wert über die individuelle Stärke liefern in einer Sportart, in der schon immer sehr viel vom Material abhängt: von der Beschaffenheit der Bahn, die mal glatt, mal stumpf sein kann, genauso wie von der Form der Kegel, die schlank oder bauchig sind. Wer sich mit diesen Unwägbarkeiten am besten arrangiert, wer am ehesten den richtigen Dreh raus hat, der wird am Ende des Tages maximalen Erfolg haben.

Julia Schulz hat viele Bahnen gesehen – und manche verflucht. „Es gibt Tage, da gehst du raus, und alles läuft. Und manchmal denkst du, du stehst zum ersten Mal auf der Bahn.“ In dieser Saison blickt sie ihrem Leistungshorizont noch ein Stück weit hinterher. 462 Holz waren der bisher beste Wert in fünf Partien. Vor anderthalb Jahren hat sie auf ihrer Heimbahn an der Marktbreiter Buheleite 498 Holz gespielt, ein Bundesligaergebnis. Das Potenzial, in einer höheren Klasse als der sechsten Liga zu spielen, hätte sie zweifellos. Doch die vertraute Umgebung, die gewachsene Gemeinschaft bedeuten ihr mehr als der Aufbruch zu neuen Ufern – zumal sie in Marktbreit auch noch den zart sprießenden Nachwuchs betreut. „Ich fühle mich wohl hier und finde es wichtig, dass die Mannschaft funktioniert und die Sache Spaß macht“, sagt die gelernte Handelsfachwirtin. Sie hat noch nie den Verein gewechselt, spielt seit der Kindheit in Marktbreit und trat einst mit der Germania-Jugend in der Bayernliga an. Die Fahrten am Sonntagmorgen gingen bis nach Regensburg oder Weiden. Zweimal wurde sie im Team unterfränkische Meisterin, einmal, 2004, errang sie den Titel im Juniorinnen-Einzel. 2008 triumphierte sie noch einmal als Siegerin auf Kreisebene.

Bowling hat die Obernbreiterin nie gereizt, obwohl die Sportart heute bei vielen jungen Leuten als zeitgemäßer und schicker gilt als Kegeln. Monströse Hallen und ein auf die jugendliche Zielgruppe zugeschnittenes Konzept haben die Beliebtheit des Bowlings in den letzten Jahren auch hierzulande kräftig gesteigert. „Kegeln“, sagt Julia Schulz ohne Neid, „ist eben nicht so publikumswirksam. Das sieht man ja auch daran, dass in Deutschland das Fernsehen nichts überträgt.“ An ihrer Einstellung zum Kegeln wird das wenig ändern, sie ist nun schon so lange dabei. Was für manchen Beobachter wie Magie anmutet, ist für sie reinste Routine.

Von unserem Redaktionsmitglied Eike Lenz
    
    

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