aktualisiert: 26.01.2012 20:21 Uhr
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Fußball
Wo bleibt der Boom im Frauenfußball?
Was in Unterfranken bislang vom propagierten Aufschwung durch die Heimweltmeisterschaft geblieben ist
Nicht nur Joseph Blatter als Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA hat bei der Entwicklung seines Sports die Frauen im Blick. So hat er es zumindest gesagt. Die Zukunft des Fußballs sei weiblich, ließ er sich einst vernehmen. Die Frauenfußball-Weltmeisterschaft, die im Vorjahr in Deutschland stattfand, werde einen großen Schub bringen, darin war sich der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, sicher. Die Basis hat bislang nicht viel davon gemerkt, wie sich bei unserer Nachfrage zeigte.
Auf den erhofften Boom angesprochen, klingt Helga Schmitt, die beim Fußballbezirk für Frauen- und Mädchenfußball zuständig ist, im ersten Moment eher nüchtern. „Statistisch nein. In Unterfranken hat es keinen verstärkten Zulauf gegeben“, sagt die Fachfrau. Schmitt glaubt aber an eine Langzeitwirkung der WM. „Es muss nicht sofort den Boom geben, aber es ist etwas gelegt.“ Verändert habe sich durchaus etwas – auch in Unterfranken. „Eine ganz andere Aufmerksamkeit“ habe sie bis in die untere Ebene gespürt, nicht nur von Seiten der Medien, sondern auch der bayerischen Vereine.
Generell meint Schmitt, dass sich die Einstellung zu fußballspielenden Mädchen gewandelt habe. Es sei viel selbstverständlicher geworden, dass Mädchen etwa in der Schule Fußball spielen dürften. Sie kennt noch ganz andere Zeiten, als der Frauenfußball in hiesigen Breiten als exotisch galt. 1985 etwa gab es im gesamten Bezirk nur fünf Juniorinnenteams. Im WM-Jahr 2011 waren es immerhin schon hundert. Schmitt berichtet, der Andrang bei den Klubs in Unterfranken sei in Folge der Welttitelkämpfe ganz unterschiedlich gewesen. Vereine wie der ETSV Würzburg hatten enormen Zulauf.
Das bestätigt Dieter Kölbl, der als Trainer beim ETSV tätig ist. „Bei den Kleineren, im Bereich U 11 bis U 15, ist das schon spürbar. Die Mädchen sind im Vormarsch“, sagt Kölbl voller Zuversicht. Da ist sich Jugendleiterin Rosi Reisenwedel vom TSV Frickenhausen nicht so sicher. Trotz einer eigens zur WM initiierten Werbeaktion wartete ihr Klub vergebens auf junge Kandidatinnen. „Wir hatten uns erhofft, dass durch die WM einige Neugierige zu uns kommen, vor allem in den jüngeren Altersstufen. Es ist aber kein einziges Mädchen deswegen zu uns gestoßen“, muss Reisenwedel ernüchtert feststellen. Ähnlich wie ihr erging es vielen anderen Vereinen im Bezirk.
Die nicht repräsentative Umfrage kürzlich bei einem Frauen-Hallenturnier in Dettelbach hat ergeben, dass bekanntere Vereine noch eher einen Aufschwung durch die Weltmeisterschaften verspürten als die kleineren an der Basis. In Dettelbach begrüßten die Gastgeber die Mannschaft eines deutschen Vorzeigeklubs: des 1. FFC Frankfurt. „Bei uns“, sagt Chris Heck, „ist die Nachfrage von jungen Spielerinnen generell groß, wir haben viele Anfragen für ein Probetraining – erst recht durch die WM.“ Heck trainiert Frankfurts U16-Juniorinnen, die den Aufstieg in die Bundesliga anstreben. Bei Frankfurt „ziehe“ der Name, die Auswahlkriterien des siebenmaligen deutschen Meisters und dreimaligen UEFA-Pokal-Gewinners sind entsprechend hoch. „Wir wollen Qualität“, gibt Heck als Devise aus, „und nicht Quantität.“
Skeptisch gibt sich Peter Wiesmeier, Trainer der Frauen des 1. FC Nürnberg. „Der erhoffte Boom ist meiner Ansicht nach ausgeblieben. Ich hatte auch nicht die großen Erwartungen in die WM. Ich glaube, der Mädchen- und Frauenfußball wird hier weiterhin ein Schattendasein führen.“ Was sich enorm verbessert habe, seien die Intensität und die Qualität des Trainings – gerade in den vergangenen Jahren.
Beim FC Schweinfurt 05 spürt man seit geraumer Zeit einen Aufschwung bei den Mädchen, bei den Frauen dagegen nicht. „Für uns sind Sportarten wie Korbball eine große Konkurrenz. dazu kommen viele erst in letzter Zeit gegründete Frauenmannschaften im Umkreis“, sagt Frauentrainer Helmut Schötzke.
Neue Frauenmannschaften gründeten sich zuletzt auch verstärkt im Kitzinger Raum, wie Stefan Ebel feststellt. Mancher habe aber keine große Zukunft, vermutet der Dettelbacher Klubvorsitzende, der seit Jahren auch im Frauenfußball als Trainer tätig ist. Ebel ist kritisch, was die Auswirkungen der Frauen-WM an der Basis angeht. „Ein Strohfeuer“ nennt Ebel die Heim-WM im vergangenen Jahr. Die Werbetrommel für das Großereignis sei „hauptsächlich zu Marketingzwecken gerührt worden. „Es wird deswegen nicht mehr Zulauf als sonst geben“, sagt er.
Eine exakte Aussage werde sich erst in fünf Jahren treffen lassen. Dann, so hofft der Deutsche Fußball-Bund, gehe auch an der Basis seine Saat auf, die im Jahr 2011 durch Fußball-Programme in fast 15 000 Schulen gelegt wurde. Geht es alleine nach der Zahl der Frauen- und Juniorinnen-Mannschaften, die beim Bayerischen Fußballverband gemeldet sind, so ist von 2011 bis 2012 laut DFB-Statistik sogar ein Rückgang von fast drei Prozent zu bilanzieren – und zwar von 2011 auf 1952 Teams.

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