aktualisiert: 03.02.2012 15:20 Uhr
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Fußball
Wo bleibt der Boom im Frauenfußball?
Vom propagierten Aufschwung durch die Heim-Weltmeisterschaft ist auch in Main-Spessart wenig zu spüren
Nicht nur Joseph Blatter als Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA hat bei der Entwicklung seines Sports die Frauen im Blick. So hat er es zumindest gesagt. Die Zukunft des Fußballs sei weiblich, verkündete er. Die Frauenfußball-Weltmeisterschaft, die im Vorjahr in Deutschland stattfand, werde einen großen Schub bringen, dessen war sich auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, sicher. Die Basis hat bislang nicht viel davon gemerkt, wie sich bei unserer Nachfrage zeigte.
Auf den erhofften Boom angesprochen, klingt Helga Schmitt, die beim Fußballbezirk für Frauen- und Mädchenfußball zuständig ist, im ersten Moment eher nüchtern. „Statistisch nein. In Unterfranken hat es keinen verstärkten Zulauf gegeben“, sagt die Fachfrau. Schmitt glaubt aber an eine Langzeitwirkung der WM. „Es muss nicht sofort den Boom geben, aber es ist etwas gelegt.“ Verändert habe sich durchaus etwas – auch in Unterfranken. „Eine ganz andere Aufmerksamkeit“ habe sie bis in die untere Ebene gespürt, nicht nur von Seiten der Medien, sondern auch der bayerischen Vereine.
„Die Tendenz ist eher rückläufig“Laura Göbel Nachwuchstrainerin, FC Karsbach
Generell meint Schmitt, dass sich die Einstellung zu fußballspielenden Mädchen gewandelt habe. Es sei viel selbstverständlicher geworden, dass Mädchen etwa in der Schule Fußball spielen dürften. Sie kennt noch ganz andere Zeiten, als der Frauenfußball in hiesigen Breiten als exotisch galt. 1985 etwa gab es im gesamten Bezirk nur fünf Juniorinnenteams. Im WM-Jahr 2011 waren es immerhin schon hundert. Schmitt berichtet, der Andrang bei den Klubs sei in Folge der Welttitelkämpfe ganz unterschiedlich gewesen. Vereine wie der ETSV Würzburg hatten enormen Zulauf.
In Main-Spessart ist von einem Boom indes nichts zu spüren. Laura Göbel, die beim FC Karsbach die U-17-Juniorinnen trainiert, sagt: „Die Tendenz ist eher rückläufig. Es gab aufgrund der WM keine zusätzlichen Anfragen.“ Ihrer Meinung nach können Mädchen nach wie vor nur für das Fußballspielen begeistert werden, wenn sie direkt angesprochen werden.
Göbel glaubt auch nicht, dass sich mehr bewegt hätte, wenn die deutsche Mannschaft den Titel geholt hätte. Einzig die Akzeptanz des Frauenfußballs in der Öffentlichkeit sei gestiegen. „Es ist nicht mehr so exotisch wie früher“, meint Laura Göbel, in deren U-17-Mannschaft inzwischen auch viele Mädchen spielen müssen, die eigentlich noch in der U-15 kicken könnten. Doch in dieser Altersklasse ist die Zahl der Spielerinnen im Gegensatz zu den Jahren davor nicht mehr ausreichend. „Wir hatten früher in Karsbach mehr Nachwuchsmannschaften“, erinnert sich Göbel.
Neue Frauenmannschaften gründeten sich zuletzt im Kitzinger Raum, wie Stefan Ebel feststellt. Mancher habe aber keine große Zukunft, vermutet der Dettelbacher Klubvorsitzende, der seit Jahren auch im Frauenfußball als Trainer tätig ist. Ebel ist kritisch, was die Auswirkungen der Frauen-WM an der Basis angeht. „Ein Strohfeuer“ nennt Ebel die Heim-WM im vergangenen Jahr. Die Werbetrommel für das Großereignis sei „hauptsächlich zu Marketingzwecken gerührt worden. „Es wird deswegen nicht mehr Zulauf als sonst geben“, sagt er.
Gar keine Mannschaften konnte der TSV Lohr in dieser Saison melden. Die Damen- und die Mädchenmannschaft treffen sich lediglich noch zum Trainieren. Holger Brandt, Mädchenkoordinator beim TSV Lohr, sagt: „Die Kampagnen des DFB sind alle in die Hose gegangen.“ Der TSV Lohr habe im Zuge der WM zahlreiche Aktionen gestartet, habe einen Tag es Mädchenfußballs, einen Schnuppertag abgehalten und sei an den Schulen vorstellig geworden. Doch alle Aktionen seien im Sand verlaufen.
„Die Kampagnen des DFB sind alle in die Hose gegangen“Holger Brandt, Nachwuchskoordinator, TSV Lohr
Brandt muss sogar feststellen, dass das Interesse nachgelassen hat. Vorige Saison hatte der TSV Lohr noch mit seiner U-17-Mannschaft in der Landesliga gespielt, doch nachdem zwei Drittel des Teams aus Altersgründen nicht mehr zur Verfügung standen und Brandts Tochter Selina gemeinsam mit Laura Siegler nach Jena gewechselt ist, musste auch diese Mannschaft aufgelöst werden. Wie in Kasbach fehlt auch in Lohr der Unterbau der 15-Jährigen und Jüngeren. Brandt erinnert sich, dass die Männer-WM 2006 ganz andere Auswirkungen hatte. „Danach hatten wir im Verein viel mehr Zuspruch.“
Eine exakte Aussage werde sich erst in fünf Jahren treffen lassen. Dann, so hofft der Deutsche Fußball-Bund, gehe auch an der Basis seine Saat auf, die im Jahr 2011 durch Fußball-Programme in fast 15 000 Schulen gelegt wurde. Geht es alleine nach der Zahl der Frauen- und Juniorinnen-Mannschaften, die beim Bayerischen Fußballverband gemeldet sind, so ist von 2011 bis 2012 laut DFB-Statistik sogar ein Rückgang zu bilanzieren – und zwar von 2011 auf 1952 Teams.
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