publiziert: 02.08.2012 20:47 Uhr
aktualisiert: 02.08.2012 21:00 Uhr
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Auf dem heiligen Rasen am Wimbledon Hill

Warum ein Besuch der berühmten Tennisanlage ein wirklich ganz besonderes Erlebnis ist, nicht nur sportlich
  • Anlage mit legendärem Ruf: die Tenniscourts in Wimbledon.
    Foto: DPA
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Dass dieser Stadtteil, eine stramme U-Bahnstunde entfernt von der City, etwas ganz Besonderes sein muss, bemerkt der Zugreisende – und anders ist die Anfahrt nicht zu empfehlen – bereits an der Bahnhofstoilette: Vermutlich findet sich in ganz London keine sauberere.

Auch der Bahnhofsplatz ist reinlicher als in der Olympia-Stadt oder andernorts üblich, und der zwei Kilometer lange leichte Anstieg zum Wimbledon Hill hinauf, ein von Einfamilienhäuschen und Maklerbüros gesäumtes Hügelchen, gerät zu einer vornehmen Angelegenheit. Schicke kleine Läden, deren Kundenschicht im gehobenen Mittelstand aufwärts zu suchen ist, säumen den Weg, an dem die dunkel verrußten Klinkerbauten der anderen, typischen Londoner Vorstädte plötzlich in schmuck herausgeputzte rote Backsteinvillen überwechseln, fast ein bisschen skandinavisch putzig. Sogar die typischen Briten-Bierpinten und Pubs sind hier, elf Kilometer südwestlich von Westminster, fraglos edler und hygienisch einwandfreier als im überwiegenden Rest des Landes, schau an, schau an.

Wir befinden uns also in Wimbledon, und nur die graue Rundherum-Mauer, hinter der der droben am Hill residierende „All England Lawn Tennis and Croquet Club“, wie er ganz korrekt heißt, sein Vereinsgelände unterhält, stört das zauberhafte, charmante Stillleben. Nun gut, so ein wunderschön hellgrüner, millimetergenau gemähter, heiliger Rasen will selbstverständlich vor Banausen und Graszupfern geschützt werden. Gate 5, eines von über 20 normalerweise fest verriegelten Einlasstoren auf die Klubanlage, führt direkt zu deren heiligstem Monument, dem Centre Court. Es gehört zu den schrulligen Eigenarten der Engländer, dass sie bis vor drei Jahren dem gelegentlichen Sommerregen mit einem ewigen Gleichmut zu trotzen gedachten, dann jedoch zumindest ihren wertvollen Centre Court zur geschützten, trockenen Zone erklärten. 15 000 Zuschauer und eine regelmäßig besetzte königliche Loge mit 74 Stühlen passen seither unter das erst im Jahre 2009 vollendete lichtdurchlässige Dach – wobei die Sitzplätze einen exquisiten Rundumblick vermitteln. Man wähnt sich überall nah genug dran und sieht ohne ein Fernglas bis zum Herzog von Kent hinüber.

Dieses Wimbledon, wo das anerkannt klangvollste, namhafteste Grand-Slam-Turnier auf Erden alljährlich Ende Juni, Anfang Juli stattzufinden pflegt, darf man ja nicht wie einen ganz normalen Tennisbetrieb vorstellen. Seit 1877 fanden hier die „All England Championships“ statt – auf dem Wimbledon Hill befinden sich dafür 19 allerliebst gepflegte Tennisplätze, die den Ansprüchen für hochoffizielle Tennisspiele genügen. Drumherum oder daneben existieren zudem noch diverse Trainingsflächen sowie Croquet-Areale für den Nationalsport der britischen Oldies, die dabei Holzkugeln durch u-förmig gebogene Drahtbügel bugsieren. Rechts vom Centre Court geht es dann ein weiteres Stückchen hoch zum unter Tennisfreunden ebenfalls geschätzten Court 1, der 11 500 Besucher fasst, und der sogenannte „Graveyard“, der „Friedhof der Champions“ für die beliebten Favoritenstürze, steht als Court 2 links vom Gate 5. Abmontiert ist unterdessen der einstige „Hinterhof der Henker“, so martialisch braucht es in der freudig altmodischen Kulisse dann doch nicht zuzugehen.

Die Ladies and Gentlemen spazieren, promenieren, lustwandeln derweil auf blumig herausgeschmückten Pfaden durch die komplette kostbare Anlage, da sie von diesen Pfaden den Damen und Herren Tennisprofis hautnah auf die Pelle rücken können: Nur fünf Meter beträgt der Abstand vom Publikum zu den Nebenplätzen, auf die sich zwar kein Roger Federer mehr hinabbegeben muss, aber durchaus der eine oder andere populäre Teilnehmer aus der erweiterten Weltrangliste. Sich im Direktkontakt mit den zwar zur Ruhe gemahnten, aber nicht immer stillen Anhängern durchzusetzen, erfordert eine spezielle Begabung, die Wimbledon-Sieger freilich sowieso auszeichnet.

Den Hauch dieser stolzen sportlichen Historie atmet jeder Besucher ein, der sich diese Ausnahme-Sportstätte als „olympic venue“ zu Gemüte führt: Selbst die Olympischen Sommerspiele haben, egal wo, nicht allzu häufig an einem dermaßen aus sich selbst heraus bemerkenswerten Ort stattgefunden. Letzter Beweis gefällig? In Wimbledon dürfen in dieser Woche auch außerhalb der Championships-Saison die klassischen Erdbeeren mit Sahne gegessen werden, die als witziges Synonym fürs berühmte Turnier gelten. Überall in ihren Londoner Arenen haben die hohen Olympier einen Einheits-Caterer unter Vertrag, der an sämtlichen Verpflegungs-Kiosken stets dieselben tagelang verschweißten Wraps und Sandwiches feilbietet. Nirgendwo wären da Erdbeeren mit Sahne auch nur ansatzweise denkbar. Nirgendwo außer in Wimbledon.

Aus dem All England Lawn Tennis Club berichtet JÜRGEN HÖPFL
    
    

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