publiziert: 08.02.2012 16:13 Uhr
aktualisiert: 08.02.2012 16:27 Uhr
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Dank Gottes Hilfe zu den Paralympics

Im Glauben und im Sport fand Kidisti Weldemichael aus Veitshöchheim nach ihrer Erblindung Kraft
  • Wird von ihren Trainern und Laufbegleitern auf Händen getragen: Kidisti Weldemichael mit (von links) Frank Schwehla, Timo Josten, Joachim Pfister, Carlo Schulz, Jan Hoffmann und Christoph Hoffmann.
    Foto: Marcus Meier/BFW
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Es ist dunkel im Zimmer von Kidisti Weldemichael. „Dir kann es ja egal sein, ob das Licht an ist oder nicht“, scherzt ihr Trainer und Betreuer Christoph Hoffmann, bevor die junge Frau schließlich doch das Licht anknipst. Ihr kann es wirklich egal sein. Kidisti ist seit sechs Jahren blind – von Verzweiflung oder Verbittertheit ist bei der jungen Frau jedoch nichts zu spüren. Sie macht einen fröhlichen Eindruck. Sie ist voller Energie und Zuversicht. Ihre langen, gewellten Haare hat sie dunkel gefärbt, ihre Ohrläppchen hat sie reich geschmückt. Kidisti trägt enge Jeans und einen Pullover mit Reißverschluss. „Da ich ja nicht immer blind war, kann ich mir vorstellen, wie ich aussehe“, erklärt die 20 Jahre alte Mittelstreckenläuferin, warum sie – wie jede andere Frau – hübsch aussehen möchte.

Kidisti teilt ihr Schicksal mit vielen anderen Sehbehinderten im Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg, das seinen Sitz in Veitshöchheim hat. Die junge Läuferin wird dort ein Jahr lang auf ihre Berufsausbildung als Physiotherapeutin vorbereitet.

Ihre Lebensgeschichte ist eine besondere. Geboren 1991 im ostafrikanischen Eritrea wuchs sie als zweites von acht Kindern auf. „Ich war immer draußen und habe mit meinen sechs Brüdern und den Nachbarn gespielt“, erzählt Kidisti aus ihrer Kindheit. Eigentlich wollte sie ja Fußball spielen, „als meine Sehprobleme begannen, haben meine Eltern mir das aber verboten“. Das war 2003. Ein Jahr später war sie blind.

Der Grund war eine eher seltene, aber dennoch bekannte Ablösung der Netzhaut. „Für meine Familie war das ein Schock“, erinnert sich Kidisti, die ihr Schicksal jedoch schnell akzeptierte: „Ich habe meine Familie getröstet und ihr Mut gemacht. Gott hat mir das Augenlicht gegeben, und Gott hat es mir auch wieder genommen. Es ist Teil seines Plans.“ Dennoch setzte ihre Familie alles daran, die Erblindung doch noch zu verhindern.

2006 kam Kidisti mit 14 Jahren mit ihrem Vater nach Deutschland – in der Hoffnung, mit einer Operation ihr Augenlicht doch noch retten zu können. Vergeblich. Die Netzhautablösung war irreparabel. Kidisti und ihr Vater blieben trotzdem und bekamen Asyl, da es auch politische Gründe für ihre Ausreise gab, über die die junge Sportlerin aber nicht sprechen möchte. „Als ich dann zur Schule ging, sah mich irgendwann mein Sportlehrer laufen. Er fragte mich, ob er mich trainieren könne“, beschreibt Kidisti die Anfänge ihrer Karriere als Läuferin.

Über Halle an der Saale ging es für die angehende Physiotherapeutin im September 2011 schließlich nach Veitshöchheim. „Hier habe ich eine Ausbildungsstätte und durch Christoph Hoffmann gute Trainingsmöglichkeiten vorgefunden“, so Kidisti über ihren Entschluss, nach Franken umzusiedeln. „Der Sport ist sehr wichtig und hat mir dabei geholfen, mit der Behinderung klarzukommen. Ich habe so das Gefühl bekommen, alles erreichen zu können, was sehende Menschen auch schaffen.“

Ein besonders gutes Verhältnis hat die junge Läuferin zu ihren Trainingskameraden. Weil sie tagtäglich trainiert, braucht sie jeden Tag einen sehenden Laufbegleiter. Die kommen nicht nur vom Vitalsportverein Würzburg, für den sie bei Behindertensport-Veranstaltungen startet, sondern auch von der LG Würzburg. „Auf die sehenden Läufer, die über ein Band mit den blinden Sportlern verbunden sind, muss man sich ganz besonders gut einstellen“, sagt Kidisti. Für ihr Team sucht sie nach einer Verstärkung. Was noch fehlt, ist ein Läufer, mit dem sie Sprintstrecken üben kann.

Spezialisiert hat sie sich auf die 800-Meter-Distanz, auch wenn sie international oft über 1500 Meter antritt, da die kürzere Strecke nicht immer gelaufen wird. In nur wenigen Jahren hat sie es geschafft, zu den Besten in ihrer Disziplin aufzusteigen. Neben der Teilnahme an den deutschen Meisterschaften durfte sich Kidisti im letzten Jahr auch über den vierten Platz bei der Weltmeisterschaft in Neuseeland freuen. Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere sollen die Paralympischen Spiele werden, die Spiele der Behinderten, die in diesem Sommer nach Olympia in London ausgetragen werden und für die die junge Läuferin die nötige Qualifikationszeit bereits unterboten hat. „Ich freue mich wahnsinnig darauf. Wofür trainiert man sonst als Sportler?“ fiebert Kidisti den Paralympics entgegen. Ihre Ziele für London hat sie bereits klar definiert: ein Platz auf dem Siegertreppchen, ihre Familie (die mittlerweile komplett in Halle/Saale lebt) auf den Zuschauerrängen und die Fünf-Minuten-Marke über die 1500 Meter knacken.

Auch abseits des Sports hat die junge Sportlerin konkrete Vorstellungen von ihrer Zukunft: „Ich möchte meine Ausbildung abschließen und später wieder nach Eritrea zurückkehren. Ich vermisse das Land, meine Verwandten und vor allem das Essen!“ Vielleicht liegt es an der gewöhnungsbedürftigen deutschen Kost, dass ihre Mutter sie manchmal darum bittet, mit dem Sport aufzuhören, „weil sie findet, ich wäre zu dünn“, sagt Kidisti und lacht. Ihr Vater hingegen hat sich vom anfänglichen Schock der Diagnose erholt und ist nun besonders stolz auf seine erfolgreiche Tochter.

Bei einer scheinbar erwartbaren Frage muss Kidisti erst einmal gründlich nachdenken: Wenn man nach so einer Diagnose so viel Kraft und positive Energie entwickelt, wie kann man Menschen mit ähnlichen Schicksalen Mut machen? „Man muss sein Schicksal akzeptieren und darf nicht ewig hadern. Ich bin sogar der Meinung, ein Blinder kann in gewisser Hinsicht ein besserer Mensch sein als ein Sehender, weil er ohne Augen Dinge wahrnimmt und zu schätzen weiß, die andere vernachlässigen. Am wichtigsten finde ich aber den Glauben – egal woran. Stress und negative Gedanken machen die Menschen krank. Nur mit der richtigen Einstellung kann es ihnen gut gehen. Man sollte immer das Beste aus seiner Situation machen!“

Von unserem Mitarbeiter Stephan Rinke
    
    

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