publiziert: 26.02.2010 11:48 Uhr
aktualisiert: 26.02.2010 12:59 Uhr
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Fettes Brot: „Wir wollten ein Standardwerk erschaffen“

Seit 15 Jahren gibt es schon Fettes Brot – Jetzt haben sie endlich ein Live-Album herausgebracht

Ein Hinterhof in Hamburg St. Pauli. Hier haben die drei Rapper König Boris, Björn Beton und Doktor Renz alias Fettes Brot ihre eigene Firma gegründet. Jetzt ist bei der „Fettes Brot Schallplatten GmbH“ das erste Live-Album des Trios erschienen: „Fettes/Brot“ enthält verteilt auf zwei Einzel-CDs sämtliche Hits der Deutsch-Rap-Pioniere in völlig neuem Sound: Soul-Punk, Ska-Funk und Meta-Pop. Wir haben mit Fettes Brot über billige Live-Platten, Punk-Projekte und den Tod ihres Freundes Sebastian Hacker von der Band Deichkind gesprochen.

  • Von billigen Live-Platten halten Fettes Brot nicht viel: Für ihr Album „Fettes/Brot“ haben (von links) König Boris, Björn Beton und Doktor Renz zwei Jahre lang ihre Konzerte mitschneiden lassen.
    Foto: Jens Herrndorff
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Frage: „Fettes/Brot“ wurde während eurer letzten Tournee mitgeschnitten. Ein klassisches Live-Album?

König Boris: So ist es. Das Format „Live-Album“ ist mittlerweile ziemlich verkommen. Eine mittelmäßige Live-Platte wird verschenkt, damit das aktuelle Studiowerk Gold geht. Teile davon hat der Tourmanager noch schnell mit dem Handy mitgeschnitten. Bei uns ist das aber noch wie früher. Wir wollten ein Standardwerk erschaffen und haben deshalb die Tour von 2008 komplett mitgeschnitten sowie etliche Konzerte von 2009. Beim Abhören der Aufnahmen gab es sogar für uns selbst unheimlich viel zu entdecken. Auf der Bühne ist man ja auf seinen Part konzentriert, so dass man im Eifer des Gefechts gar nicht bemerkt, was die Band da so spielt.

Die Band hat sich vom Rap-Trio zu einer elfköpfigen „Soul-Punk/Ska-Funk/Meta-Pop“-Formation entwickelt. Zeigt „Fettes/Brot“ auf, wo es mit der Band hingehen soll?

Björn Beton: Dieses Live-Produkt ist so homogen wie kaum ein Studioalbum von uns, weil der Bandsound einen deutlich roten Faden ergibt. Diese Stringenz vermissen wir im Nachhinein bei unseren bisherigen Studiowerken. Das waren oftmals Expeditionen ins Musikreich. Es wurden nur marginal Dinge nachbearbeitet. Wir haben zum Beispiel in den Ansagen kleine Versprecher eingebaut, damit es nicht zu perfekt klingt. Es gab natürlich auch hingerotzte Fassungen, die nicht plattentauglich waren. Das passiert, wenn man den ganzen Tag auf einem Festival rumsitzt, erst nachts um eins auf die Bühne muss und viel zu wenig getrunken hat.

Gerade im Live-Kontext klingen viele eurer Songs um einiges lebendiger. Ist das Live-Spielen die eigentliche Bestimmung von Fettes Brot?

Dr. Renz: Dass diese Platten so gut klingen, ist unserer großartigen Band geschuldet. Seitdem wir zu elft unterwegs sind, hat sich ein völlig neues Universum aufgetan. Es ist sozusagen das Gelee Royal unserer zweijährigen Konzertreise mit der großen Band. Nach 15 Jahren war solch ein Live-Dokument übernotwendig, um es mal mit den Worten unserer Steuerberaterin auszudrücken. Jetzt muss man nicht mehr aus dem Haus, um uns live zu hören. Bei dem Wetter macht das eh keiner gern.

Das Album wurde von Sebastian Hacker von Deichkind abgemischt. Er verstarb während der Produktion. Wie habt ihr die Zusammenarbeit mit ihm in Erinnerung?

Björn Beton: Bei uns war es oft so, dass wir nach Fertigstellung der Aufnahmen mit dem Sound nicht wirklich zufrieden waren. Aber dann kam das wohlige Gefühl, Sebi wird es schon regeln. Für ihn bedeutete es kein Problem, dass die Snare nur mit Joghurtbecher und Plastiklöffel aufgenommen war. Insofern hat er eine große Lücke hinterlassen. Sebi war ein extrem entspannter Typ, Pastor Hackert halt. Wir werden sicherlich noch ein paar Tränen vergießen, bis wir uns bei jemand neuem komplett zu Hause fühlen.

Nach einem Intermezzo beim EMI-Konzern habt ihr 2005 euer eigenes Label gegründet. Könnt ihr es euch leisten, euch dem kapitalistischen System zu entziehen – sprich auf Klingeltöne, Bannerwerbung, Sponsoren zu verzichten?

König Boris: Klar besprechen wir die wirtschaftliche Lage, aber wir drei sind in erster Linie Künstler, die sich gefälligst geile Sachen auszudenken haben. Beim Musikmachen über die Verwertbarkeit der Lieder nachzudenken funktioniert nicht. Dafür haben wir die entsprechenden Fachleute. In der Regel diskutieren wir länger über künstlerische denn über verkaufstechnische Inhalte.

Um erfolgreich zu sein, braucht man ein großes Ego. Was noch?

Björn Beton: Gute Ideen und ein gutes Umfeld. Man muss dafür sorgen, dass es Leute gibt, die einem unverblümt ins Gesicht sagen, wenn irgendwas kacke ist. Viele Künstler kranken daran, dass sie es geschafft haben, alle kritischen Geister aus ihrem Umfeld zu entfernen. Das hört man der Musik auch an.

Im Text der neuen Fettes-Brot-Single „Kontrolle“ fällt der Name des Ex-Innenministers Schäuble. Er erwies sich als Hardliner gegen G-8-Kritiker und Befürworter von Online-Ermittlungen in privaten Rechnern. Was hat Politik in einem Popsong verloren?

Björn Beton: Der Wunsch nach Sicherheit spielt heutzutage eine große Rolle. Er wird befriedigt, indem man versucht, alles Mögliche zu kontrollieren. Das fängt an bei dem Gefühl, den Partner aufgrund einer Unsicherheit kontrollieren zu müssen und reicht bis hin zu Massenspeicherungen von Daten. Der Umgang mit Information hat sich sehr verändert, viele Leute gehen mit ihren persönlichen Daten äußerst sorglos um. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, ähnlich wie der Umgang mit Sexualität, was wir in unserem Lied „Bettina“ thematisiert haben.

Wie finden die Musiker von The Clash eure Neufassung von „London Calling“?

Björn Beton: Wir haben unsere Version zwar genehmigen lassen, wissen aber nicht, ob die heute noch lebenden Clash-Musiker sie persönlich gehört haben. Ich würde es mir jedenfalls wünschen. „Hamburg Calling“ und „My Way By Nature“ sind liebgewonnene Live-Stücke, die wir jetzt erstmals veröffentlichen. Bei „My Way“ stand die Genehmigung auf Messers Schneide. Letztendlich ist eine geschmackliche Entscheidung, ob die Rechteinhaber sich solch eine Bearbeitung vorstellen können. „My Way By Nature“ ist eine Hommage an „Nordisch By Nature“, ein Lied, das wir den Konzertbesuchern mehrere Jahre vorenthalten haben.

Das Interview führte Olaf Neumann
    
    

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