aktualisiert: 03.02.2012 13:02 Uhr
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Kettcar: „Ich kann mir alles ausdenken“
Sänger Marcus Wiebusch über Liebeslieder, Echt-Sein und kotzende Frauen
Die Band Kettcar steht für clevere Songs ohne erhobenen Zeigefinger und Parolen. Auf ihrem vierten Album „Zwischen den Runden“, das am 10. Februar in die Läden kommt, setzen die Hamburger um den Sänger und Texter Marcus Wiebusch auf eine Symbiose aus Melancholie und Euphorie, rutschen aber nie ernsthaft ins Depressive ab. Wir haben mit Marcus Wiebusch gesprochen.
Marcus Wiebusch: So flach es auch klingt: Man nimmt sich etwas vor und zieht es durch. Wenn man schon so lange Musik macht wie wir, stellen sich Abnutzungserscheinungen ein. Man hat Formeln, wie man Songs schreibt. Man weiß, was funktioniert. Dies könnte man wiederholen. Aber das ist für uns nichts. Wahrscheinlich, weil wir zeigen wollen, dass wir mehr drauf haben, dass wir älter geworden sind und dass wir heute einen ganz anderen Musikgeschmack haben.
Was verstehen Sie unter ganz anders?Wiebusch: Auf der neuen Platte gibt es viele Streicher und Bläserarrangements, aber auch Elektro-Elemente und ganz reduzierte Songs. Natürlich gibt es immer noch die typischen Kettcar-Harmonien, aber sie sind eingehüllt in neuere Gewänder.
In dem Song „Rettung“ werden die Folgen einer durchzechten Nacht beschrieben. Eine neue Art von Liebeslied?Wiebusch: Ein Liebeslied mit neuen Wörtern. Bei Liebesliedern besteht die Gefahr, sich in Klischees zu verlieren. Man hat alles schon hundertmal gehört. In diesem Lied geht es nicht nur darum, was man empfindet, sondern auch darum, was man für einen geliebten Menschen tut. Und wenn es bedeutet, seine kotzende Freundin nach einer durchzechten Nacht nach Hause zu bringen und ihr die Brocken aus dem Haar zu puhlen, dann soll es so sein. Vielleicht ist es ja romantischer, sich zu kümmern, als Blumen zu schenken?
Wie oft haben Sie solch eine Situation selbst erlebt?Wiebusch: Meine Frau kotzt nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass in meinem Leben irgendwann einmal irgendwelche Sabberfäden an meinem Ohr baumelten. Aber ich konnte mir solch eine Situation sehr gut vorstellen.
Manche Ihrer Kollegen sagen, dass man Songs nur authentisch rüberbringen kann, wenn man die Geschichten selbst erlebt hat. Wie stehen Sie dazu?Wiebusch: Ich finde die Authentizitätsfrage sehr bedenklich. Vor zwei Jahren war Glück das totale Zeitgeist-Thema. Ich las damals den Satz „Glück ist, keinen Krebs zu kriegen“ und dachte: Das ist es! Glück bedeutet, demütig gegenüber dem Leben zu sein. Daraus ist der Song „Nach Süden“ entstanden. Dessen Protagonist wird nach langer Zeit als geheilt aus dem Krankenhaus entlassen und sein Bruder bringt ihn nach Hause. Er ist dem Tod von der Schippe gesprungen, er darf noch einmal frei sein. Ich selbst habe das nie erlebt, aber darum geht es gar nicht.
Gitarren, sexy Girls und ein paar Drogen – so stellt man sich das Leben eines Popstars vor. Ein Klischee?Wiebusch: Ich habe ein ganz normales behütetes Leben. Daran ist nichts spannend. Aber Krebs ist ein Thema, das uns alle angeht. Dieser Song ist so wichtig für mich, weil er zeigt, was meine Aufgabe als Künstler ist: Nämlich Geschichten zu erzählen, zu denen jeder eine Beziehung hat. Ich bin Künstler, ich kann mir alles ausdenken.
Wie gelingt es Ihnen, trotz des Drucks, dem Sie als Familienvater, Label-Chef und Band-Boss ausgesetzt sind, das Leben zu genießen?Wiebusch: Ich als Künstler erlebe oft Momente, die mich wahnsinnig berühren. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, Songs zu schreiben und diese aufzuführen. Das ist das Leben, für das ich mich entschieden habe. Wenn man zwei Kinder hat, holt einen der Alltag immer wieder ein, aber das steht auf einem anderen Blatt. Das wichtigste ist, dass ich meine Leidenschaft ausleben kann.

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