publiziert: 09.09.2009 17:38 Uhr
aktualisiert: 09.09.2009 17:45 Uhr
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„Beim Lotto geht es nicht ums Gewinnen“

Gespräch über das Leben von Millionären

Eine altbekannte Lottowerbung lautet: Nur wer mitspielt, kann gewinnen. Aber, verheißt ein Lottogewinn das höchste Glück? Ein Gespräch mit Christoph Lau, Autor des Buchs „Die Relativitätstheorie des Glücks“ (siehe nebenstehenden Bericht), über Hoffnung und darüber, was sich im Leben von Lottomillionären ändert beziehungsweise nicht ändert.

Frage: Spielen Sie Lotto?

Christoph Lau: Beim Lotto fehlt mir der spielerische Aspekt. Dort fallen die Kugeln aus dem Gerät, und nach einer Minute ist alles vorbei. Sportwetten sind schon eher meine Sache. Dort entwickelt sich ein Spielergebnis, dort gibt es einen Halbzeitstand, eine Torfolge. Das ist spannender. Deshalb spiele ich Fußballtoto, aber nur ab und an.

Was zeichnet das Lottospielen aus?

Lau: Es geht gar nicht ums Gewinnen oder um die wenigen Gewinner pro Ziehung. Vielmehr geht es um die vielen Spieler, die sich Woche für Woche ein wenig mit dem eigenen Glück beschäftigen. Die Hoffnung ist der reale materielle Gegenwert für den Spieleinsatz. Der Lottospieler kauft sich in der Annahmestelle seine Wochenration Hoffnung.

Sie haben 14 Lottomillionäre anonym befragt: Was hat sie verblüfft?

Lau: Dass die Spieler trotz Erreichen des Hauptgewinnes bei der nächsten Ziehung wieder Lotto gespielt haben. Offenbar überdauert dieses Bedürfnis nach Hoffnung die Erfüllung dieser einstigen Hoffnung.

Teilen Gewinner ihr Glück anderen mit?

Lau: Viele hatten einen hohen Verschwiegenheitsanspruch. Manche verheimlichten den Gewinn sogar vor ihrem Lebenspartner, tendenziell aber mehr vor den Kindern. Denn diese Gewinner befürchteten, dass dann die Schule, die Ausbildung oder der Beruf vernachlässigt werden und aufs Erbe spekuliert wird. Oft wurde den Kindern auch nicht die exakte Gewinnhöhe gesagt, sondern stark untertrieben. Aus fünf Millionen wurden 50 000 Euro.

Was raten sie Lottomillionären?

Lau: Am besten sollten sie ihren Gewinn für sich behalten, sich einen Traum erfüllen und so weiter leben wie bisher. Allerdings sollte der Gewinn so eingesetzt werden, dass er den Gewinner auf Dauer aktiviert. Also keine Anschaffung, die mit dem Kauf abgeschlossen ist. Glück ist Aktivität. Der Traum vom Nichtstun wird schnell zum Albtraum.

Aber für viele Lottospieler ist gerade Nichtstun ein Traum.

Lau: Neben Aktivität ist Sinn ein weiterer Schlüsselbegriff des Glücks. Der Gewinn wird nur dann eine Glückswirkung entfalten, wenn er einen bestimmten Sinn bedient. Es gibt kein Glück in der Sinnlosigkeit. Dort, wo der Gewinn ein Sinn-Vakuum füllt, etwa im Konsum, wird sich kein Glücksempfinden entfalten. Denn der emotionale Werteverschleiß ist gerade bei materiellen Gebrauchsgütern enorm hoch.

Ist also der als höchstes Glück angesehene Jackpotgewinn eher ein Unglück?

Lau: Sicher nicht. Bei unserer Befragung gab es einzelne Lottogewinner, die angaben, dass von dem Geld zwar nichts mehr übrig ist. Sie waren aber nicht unglücklich. Denn ihnen war die Erfahrung, die dieser Gewinn mit sich gebracht hat, so viel wert, dass sie es im Nachhinein als lohnenswertes Erlebnis sahen. Sie haben sich und andere Menschen in einer Extremsituation kennengelernt. So, wie Menschen lernen müssen, mit Unglück und Not umzugehen, so ist es auch eine Aufgabe, mit Glück zurechtzukommen.

Was mussten Lottomillionäre lernen?

Lau: Sie mussten beispielsweise den Druck von außen ertragen, wenn sie dem Reiz doch nicht widerstehen konnten und ihren Gewinn hinausposaunten. Für manche gehört zum Glück das Offenbaren, die Hoffnung, dass die Freude geteilt wird. Wenn keiner den Gewinn sieht, wenn man nicht darum beneidet wird, ist alles nur halb so viel wert – aber um einen hohen Preis. Denn die Hemmschwelle fällt, diese Lottogewinner um Geld zu bitten. Die von uns befragten Lottomillionäre erzählten abenteuerliche Geschichten. Sie reichen von der Bitte, die Kaution für die Haftvermeidung bis zu den Operationskosten für den Hund zu übernehmen. In solch einer Drucksituation zu leben ist fast nicht möglich und verändert das Leben radikal.

Würden Sie dennoch mit einem Lottomillionär tauschen wollen?

Lau: Es ist ein reizvoller Gedanke. Wenn man mir einen Hauptgewinn anböte, würde ich ihn wahrscheinlich annehmen. Aber, darauf zu warten und jede Woche den Schein auszufüllen, das ist meine Sache nicht.

Wie kamen Sie auf den Buchtitel: Die Relativitätstheorie des Glücks?

Lau: Das hängt mit der emotionalen Inflation zusammen. Das heißt, der emotionale Wert eines Erlebnisses nimmt mit der Zeit immer weiter ab. Es gibt also kein absolutes Glück, sondern immer nur ein relatives, kurzfristiges. So löst ein Lottogewinn Euphorie aus. Nach einem Jahr sind die Gewinner jedoch genauso glücklich wie zuvor. Ihr Wohlbefinden pendelt sich wieder ein. Der neue, höhere Lebensstandard wird als Normalität wahrgenommen. Die Relativität des Glücks kann man auch an einem weiteren Beispiel zeigen: Eine Gehaltserhöhung von 500 Euro kann eine Strafe sein, wenn gleichzeitig alle anderen Kollegen 1000 Euro bekommen. Glück ist eben immer auch ein Vergleich der eigenen Situation mit der von anderen.

Das Gespräch führte Christine Jeske
    
    

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