aktualisiert: 07.02.2012 19:55 Uhr
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Die Angst in der Brust
Silikon-Implantate Nach dem Skandal um einen französischen Hersteller melden sich immer mehr betroffene Frauen. An der Würzburger Uniklinik entfernen Ärzte die mit Billig-Silikon gefüllten Kissen wieder.
Die Operation dauerte acht Stunden, die drei Chirurgen arbeiteten an Brust und Bauch parallel. Der Standard-Eingriff hätte ein Bruchteil so lange gedauert: Alte, womöglich defekte Implantate der französischen Firma Poly Implants Prothese (PIP) aus der Brust herausnehmen, neue Implantate einsetzen. Doch Manuela Keller (Name von der Redaktion geändert) hatte sich nicht wegen eines Austauschs der Silikon-Kissen an das Würzburger Universitätsklinikum gewandt. Die 42-Jährige aus Oberfranken wollte überhaupt kein Silikon mehr in ihrem Körper. Also entnahm ihr das Team der Plastischen Chirurgie die beiden Implantate – und rekonstruierte die Brüste aus Eigengewebe aus dem Unterbauch.
„Eine große, schwere und sehr spezielle Operation, die wir nur Krebspatientinnen anbieten“, sagt Oberarzt Dr. Karsten Schmidt, der Sektionsleiter der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie. Der Eingriff fordert Können und kostet viel Zeit: Unter dem Mikroskop entnehmen die Operateure – an den Bauchmuskeln vorbei und durch sie hindurch – in vielen kleinen Einzelschritten Fettgewebe und Gefäße aus dem Bauchraum. „Würden die Muskeln einfach mit herausgeschnitten, könnten sich die Patienten danach nicht mal mehr allein im Bett aufrichten“, sagt Oberarzt Dr. Rafael Jakubietz. Deshalb die aufwendige mikrochirurgische Prozedur, bei der Rafael Jakubietz mit seinem Zwillingsbruder Michael, ebenfalls Oberarzt im Team, und Karsten Schmidt Hand in Hand arbeitet.
Zehn Tage nach dem Eingriff hält Manuela Keller die beiden Silikonkissen in der Hand. Sie stammen von der niederländischen Firma Rofil, die wiederum hatte sie vom französischen, inzwischen insolventen Hersteller PIP bezogen und unter eigenem Namen vertrieben. Markenprodukte mit europäischem Qualitätssiegel und TÜV-geprüft – eigentlich. Seit kurz vor Weihnachten bekannt wurde, dass die Implantate mangelhaft und gesundheitsschädlich sein können, weil PIP billigen Industrie-Silikon hineinsteckte, empfiehlt auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den betroffenen Frauen, die Kissen entfernen zu lassen.
Die Oberfränkin ist nun die erste Patientin, der das Team der Würzburger Uniklinik verdächtige Rofil- oder PIP-Implantate entnahm. Äußerlich sind die Kissen unversehrt. Die 42-Jährige hatte sie vor drei Jahren, nach ihrer Brustkrebs-Operation, eingesetzt bekommen. „Ich hätte nie ganz ohne Brüste aufwachen wollen“, sagt die Kulmbacherin, deshalb sei das eine gute Lösung gewesen. Doch von Beginn an empfand sie die Implantate als furchtbaren Fremdkörper. „Ein ganz schreckliches Gefühl“, sagt sie und erzählt, dass sie ihre Brüste nur noch beim Waschen angefasst habe. „Ansonsten waren sie tabu“.
Das Fremdkörper-Gefühl ist ein häufiges Problem, sagt Dr. Karsten Schmidt. Bei Brustkrebspatientinnen liegt das Silikongel-Kissen direkt auf den Rippen auf. „Das rumpelt bei jeder Bewegung rauf und runter, widerlich“, sagt Manuela Keller. Sie hätte sich die Implantate sowieso wieder entfernen lassen, auch ohne Skandal. Zehn Tage nach der Brustrekonstruktion spürt sie nun zwar noch die Folgen des Eingriffs – doch das gute Gefühl in der Brust ist zurück: „Warm und weich.“
Weltweit sollen über 400 000 Frauen in den vergangenen Jahren minderwertige Silikonkissen von PIP erhalten haben. Schon im April 2010 hatten französische Behörden der Firma den Vertrieb und die Vermarktung der Billig-Implantate, die platzen können, europaweit untersagt. Wie groß ist die Gefahr, dass ausgelaufenes Silikon das Krebsrisiko der Frauen erhöht? Zwar sind in Frankreich bislang 20 Krebsfälle bei Prothesen-Trägerinnen registriert. „Aber ein direkter Zusammenhang ist nicht nachgewiesen“, sagt Karsten Schmidt. Der Körper vertrage Silikon eigentlich ganz gut, indem er es in einer Schutzhülle mit Kollagen abkapselt. „Das kann aber im Laufe der Zeit zu Vernarbungen führen, die eine schmerzhafte, sogenannte Kapselfibrose bilden.“
Auch sechs Wochen nach den ersten Berichten über PIP und das ungeeignete billige Industrie-Silikon lässt die Zahl der Anrufe besorgter Frauen an den Kliniken und bei niedergelassenen Chirurgen in der Region nicht nach. Patientinnen, die seit einer Krebsoperation ein Implantat tragen, Frauen, die sich im Urlaub in Tschechien oder in der Türkei die Brust mit einem Kissen vergrößern ließen, leben jetzt mit Angst in der Brust. In den meisten Fällen können die Ärzte die Angst schnell nehmen. Ob ein Implantat von PIP oder Rofil stammt, sei leicht zu klären, sagt Karsten Schmidt: Im Implantat-Pass, den die Patientin bekommt, sind Hersteller, Chargennummer, Größe des Produkts genau vermerkt. An der Würzburger Universitätsklinik habe man nie Produkte von Poly Implants Prothese verwendet, sagt Rafael Jakubietz. Er und seine Kollegen greifen auf Silikonprothesen amerikanischer Unternehmen zurück.
Auch am Schweinfurter Leopoldina Krankenhaus vertrauen die Operateure auf US-Prothesen: Man bestehe „schon immer“ auf Implantaten mit der strengeren Zulassung der US-Arzneimittelbehörde FDA, sagt Professor Michael Weigel, der Chefarzt der Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Das Brustzentrum des Klinikums Aschaffenburg prüft derzeit die Patientenakten und schreibt alle Frauen an, die am Klinikum ein Implantat von PIP erhalten haben. Die meisten Patientinnen könnten unbesorgt sein, sagt Chefarzt Professor Alexander Teichmann. Rund 120 Frauen allerdings hätten in den Jahren zwischen 1999 und 2008 Implantate der Firma Rofil bekommen, so der Leiter des Brustzentrums. Jetzt werde man „mit jeder Patientin individuell abklären, wie vorzugehen ist“.
Wie viele Frauen wohl wirklich betroffen sind? Nach den bisherigen Erkenntnissen des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen haben rund 200 Frauen in Bayern PIP-Brustimplantate erhalten. Die Zahl habe sich aus den Meldungen von Kliniken und Ärzten an die Regierungen der bayerischen Bezirke ergeben, sagt Pressesprecherin Lea Estel, sie könne sich noch erhöhen. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte startete in dieser Woche eine ziemlich einmalige bundesweite Anfrage an alle Kliniken und alle bekannten niedergelassenen plastischen Chirurgen. Die Erhebung soll klären, wie vielen Frauen wirklich PIP-Implantate tragen. Die Ärzte müssen die Unterlagen zu einer Implantation 20 Jahre lang aufbewahren – „da muss jetzt überall in den Akten nachgeschaut werden“, sagt Lea Estel.
Die exakte Zahl werde man wohl auch durch die neue Erhebung nicht herausfinden, dämpft das Bundesamt Erwartungen. Viele Frauen lassen sich heimlich im Ausland operieren, und noch längst nicht alle Vertriebswege von PIP sind bekannt. In Deutschland haben sich Medizinerverbände und das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte jedenfalls der französischen Empfehlung angeschlossen, die vielleicht nicht krebserregenden, aber minderwertigen PIP-Kissen wieder entfernen zu lassen. „Es gibt zwar noch keine Beweise für unmittelbare Gesundheitsschäden bei intakten Implantaten“, sagt Karsten Schmidt. Aber deutschlandweit sind inzwischen doch über 30 Fälle von schweren Entzündungen durch die Implantate gemeldet – in den meisten Fällen waren die Kissen gerissen. „Im Moment empfehlen wir den Ausbau. Wenn wir den Verdacht haben, dass das Implantat gerissen ist, sehr schnell“, sagt Schmidt.
In Frankreich zahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für das Prothesen-Entfernen. In Deutschland übernehmen die Kassen die Kosten – geschätzt zwischen 4000 und 6000 Euro – nur, wenn es medizinisch gegeben ist, also ein Gesundheitsrisiko für die Patientin besteht. Laut Sozialgesetzbuch haben all die Patientinnen mit einer Beteiligung an den Kosten zu rechnen, die die Operation aus rein ästhetischen Gründen haben vornehmen lassen.
Um die Kosten muss sich Manuela Keller also keine Sorgen machen. Um ihr Aussehen? „Die Brust wird schon sehr schön“, sagt Dr. Michael Jakubietz zur Rekonstruktion mit dem Bauchgewebe. Ein Implantat würde mit der Zeit immer härter und „sieht in 20 Jahren völlig unnatürlich aus“. Die Brust aus dem Bauchfett dagegen mache „sogar Gewichtsveränderungen mit“.
Informationsveranstaltung: Am kommenden Mittwoch, 8. Februar, bieten die Plastischen Chirurgen der Würzburger Universitätsklinik für Hausärzte, Patientinnen und Interessierte eine Informationsveranstaltung zum Thema Brustimplantate an. Beginn im Hörsaal des Zentrums für Operative Medizin (ZOM) ist um 16 Uhr.
Risiko Billig-Implantat?
Bericht der EU: Fachleute haben sich bislang zurückhaltend über mögliche Gesundheitsrisiken durch die Billig-Brustimplantate geäußert, die die französische Firma PIP in fast allen EU-Ländern vertrieben hat. Die verfügbaren Daten reichten für klare Schlüsse noch nicht aus, heißt es in einem Bericht, den die EU-Kommission am Donnerstag in Brüssel veröffentlichte. Das von der Kommission eingesetzte Expertengremium plädiert dafür, jeden Fall einzeln zu bewerten. Es bestünden „gewisse Bedenken“, dass die Silikon-Implantate reißen und Entzündungen auslösen könnten, so die Fachleute. Einzelfallberichte deuteten darauf hin, dass PIP-Implantate schadenanfälliger sein könnten als die Produkte anderer Hersteller. Das verwendete Industrie-Silikon schwäche möglicherweise die Hülle der Einlagen. Dadurch könnte Silikon in Teilen in den Körper gelangen.
Fälle in Deutschland: Insgesamt hatte die französische Firma PIP weltweit rund 400 000 Implantate verkauft. Laut EU-Kommission wurden in Deutschland rund 7500 Frauen Implantate von PIP eingesetzt. Betroffen sind vor allem Frauen, die sich aus rein ästhetischen Gründen beim Schönheitschirurgen haben operieren lassen. Medizinische Brustzentren, die Brustkrebspatientinnen behandeln, verwenden nach Angaben von Kliniken in der Regel die teureren Produkte der beiden weltweit führenden Hersteller aus den USA. Bundesweit werden jährlich mehr als 25 000 Brustimplantate eingesetzt. Statistiken zufolge waren im Jahr 2005 die Hälfte der operierten Frauen unter 25 Jahre alt, zwei Prozent waren sogar jünger als 18 Jahre.
Pläne und Maßnahmen: Die EU-Kommission sagte zu, eine weitere Studie in Auftrag zu geben. Sie will mit den EU-Ländern auch über schärfere Kontrollen für medizinische Produkte beraten und sieht mehr unangemeldete Besuche, mehr Rechte für Aufsichtsbehörden und mehr Produkttests vor. Außerdem will sie noch vor dem Sommer neue Gesetzvorschläge für die Sicherheit medizinischer Produkte vorlegen.
ONLINE-TIPP
Weitere Hintergründe zum Skandal, der auch Implantate bei Männern betreffen könnte: www.mainpost.de/zeitgeschehen

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