publiziert: 11.07.2010 19:23 Uhr
aktualisiert: 12.07.2010 11:54 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text BAD NEUSTADT
Katastropheneinsatz „Frankentornado“: Hitze stoppt Großübung

Eigentlich sollten Hunderte Helfer in Bad Neustadt den Ernstfall proben. Als Retter bei Extremtemperaturen kollabieren, wird die Übung abgebrochen.

  • Zum Opfer gemacht: Rund 250 Statisten wurden geschminkt.
  • Traumatisiertes Mädchen: Möglichst realistisch sollten die Mimen Opfer spielen.
  • Einsatzkräfte bewerten: Mit diesem Gerät konnten die Darsteller die Helfer beurteilen.
  • Hitze statt Starkregen: Für ein bisschen Abkühlung sorgten Wasserschläuche.
  • In Konvois zur Übung: Die Helfer-Kolonne rollt Richtung Falaiser Brücke.
  • Gerettet: Nur die Hälfte der „Opfer“ wurde bis Abbruch der Übung versorgt.
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Es ist diese Hitze. Schon um 10 Uhr zur offiziellen Eröffnung der Großübung „Frankentornado“ auf dem Marktplatz drücken sich die Teilnehmer bei den Ansprachen in die Häuserschatten. Schon da geben die Helfer überall Wasserflaschen aus, mehrere Tausend sollen es an diesem Tag werden. Doch auch die ununterbrochene Versorgung mit Getränken kann es nicht abwenden: Wenige Minuten nach Beginn des ersten der drei geplanten Katastrophenszenarien muss die Übung – die seit Jahren größte in Bayern – abgebrochen werden.

    
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Übung Frankentornado
Bad Neustadt
10.07.2010
    

Dabei war alles so perfekt vorbereitet: An die 1000 Personen waren angereist, um ein Horrorszenario zu proben: Ein Frankentornado fegt über die Region. Der erste Einsatz gilt einer Diskothek. Nach einem Deckeneinsturz sind etwa 100 Besucher unter den Trümmern begraben oder verletzt. Das Unglück ist so realistisch nachgestellt, dass es einem eiskalt den Rücken runterläuft – trotz Hitze und schon in einiger Entfernung zum Gebäude. Der Platz vor dem Tanzschuppen ist erfüllt von Schreien, die Musik läuft noch. Junge Menschen drängen sich an die versperrte Ausgangstür, hämmern verzweifelt an die Scheiben.

Drinnen ein unglaubliches Chaos. Überall verletzte Personen, klaffende Wunden, völlig traumatisierte Mädchen und Jungen. Verletzte laufen zwischen den Einsatzkräften herum, schreien um Hilfe, schrecken gar vor den Helfern zurück, die gar nicht recht wissen, wo sie zuerst eingreifen sollen und erst einmal die Verstörten beruhigen. „Mir war ganz anders geworden“, sagt später ein junger Mann vom THW, der als einer der Ersten den Unglücksort betrat.

Kein Wunder, dass dieser Anblick die Einsatzkräfte erst einmal schockierte: Die Mimen spielen zum großen Teil nicht zum ersten Mal Opfer, sie sind extra geschult und instruiert, die Situation so realistisch wie möglich darzustellen. Insgesamt waren rund 250 Statisten für die drei Einsatzorte von 20 Schminkern hergerichtet worden – furchtbar waren deren Gesichter und Körper nach der Schminkprozedur anzuschauen.

Diese exakte Kopie der Wirklichkeit hat auch noch einen anderen Grund. Drei Hochschulen beobachten das Spektakel und analysieren den Einsatz aus wissenschaftlicher Sicht. Die FH Köln hatte dazu ein Team mit jeweils sieben Ingenieuren und Studenten zusammengestellt. Sie statteten jedes der 100 Disco-Opfer mit einem Gerät aus, in das sie eintippen können, wie sich die Einsatzkräfte verhalten. „Das dient nicht etwa der Kontrolle, sondern soll helfen, den Einsatz zu optimieren“, sagt einer, daher solle die Szenerie möglichst wirklichkeitsnah sein.

„Das geht auch wirklich an die physische und die psychische Substanz“, versichert Uwe Kippnich vom Bayerischen Roten Kreuz, einer der beiden Führer der zwei Kontingente aus Unter- und Oberfranken, die sich zum Einsatz in Bad Neustadt vereinigt haben. Kippnich war es auch, der das Großereignis federführend seit einem Jahr vorbereitet hat. In einem Ernstfall müsse man aber auf eine solche Situation vorbereitet sein.

Es sind nicht die orkanartigen Sturmböen, der heftige Starkregen oder die steigenden Wasserstände des fiktiven Frankentornados, mit denen die Helfer nicht fertig würden. Es ist die Hitze, die dann doch zu viel ist: Bei 38 Grad im Schatten sind schon kurz nach Beginn der Übung die ersten Beteiligten überfordert. Aus Helfern werden Opfer. Nach einer Viertelstunde haben drei Feuerwehrleute und fünf Darsteller einen Hitzekollaps erlitten, zwei von ihnen müssen zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus.

„Uns blieb gar nichts anderes übrig als abzubrechen, die Gesundheit der Übenden geht vor“, beteuert Kippnich, der die Entscheidung, die Großübung zu beenden, gemeinsam mit drei weiteren Führungskräften getroffen hat. Insgesamt wurde somit nur die Hälfte der Disco-Opfer gerettet und ärztlich versorgt. Die anderen Mimen, die auf Katastrophe zwei und drei in der Kurparkklinik und einem ehemaligen Industriebetrieb in Salz warteten, kamen überhaupt nicht zum Einsatz und kehrten unverrichteter Dinge an ihre Ausgangsorte zurück.

„Aber diese Übungen sind wichtig“, beteuert Wolfgangs Raps, Katastrophenschutzbeauftragter der Regierung von Unterfranken. Nicht nur wegen eines möglichen terroristischen Anschlags. Auch die Naturkatastrophen haben zugenommen. Eine Einheit allein könne die erforderlichen Aufgaben nicht mehr bewältigen. Gerade die Koordination der Beteiligten sollte in Bad Neustadt geübt werden. Bis zum Abbruch habe auch alles hervorragend geklappt, versichert Kippnich. Auf die Frage nach einer baldigen Wiederholung reagiert er nur mit dem Hinweis „ein Jahr Vorbereitung“ und verhüllt seine Enttäuschung in die Ankündigung: „Jetzt geh ich erst einmal ins Schwimmbad.“

Frankentornado über Bad Neustadt – Daten und Fakten zur Großübung

Die Beteiligten und die Kosten Insgesamt waren fast 1000 Personen an der Übung beteiligt. Eingebunden waren zwei BRK-Kontingente aus Unter- und Oberfranken, jedes mit knapp 100 Einsatzkräften. Hinzu kamen ein Hilfskontingent der Feuerwehr, weitere örtliche Feuerwehreinheiten, THW, Malteser Hilfsdienst, eine Rettungshundestaffel, die Luftrettungsstaffel Bayern, Mitarbeiter von drei Universitäten, außerdem 250 Mimen, weitere Beobachter aus Ministerien und Fachressorts sowie Helfer zur Betreuung. Die Kosten von etwa 30 000 Euro trägt das bayerische Innenministerium.

Sinn der Übung

Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 hatte das BRK neue Konzepte zur Versorgung Verletzter ausgearbeitet. In Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen wurde eine Strategie entwickelt, wie Verletzte an einem Behandlungsplatz effektiv versorgt werden können, um Notaufnahmen von Kliniken zu entlasten. Darüber hinaus wurde mit Kliniken ein Alarmplan aufgestellt, der eine rasche Verteilung der Patienten sichert. Ein weiteres Übungsziel war die Koordination der Einsatzkräfte am Einsatzort und zuvor am Sammelraum sowie deren Versorgung.

Das Szenario

Nach einem Unwetter, für das sogar eigens eine Wetterprognose vom Deutschen Wetterdienst ausgearbeitet wurde, stürzt in einer Diskothek die Decke ein. Eigentlich sollte es außerdem in einer Klinik in Neuhaus zu einer Gasexplosion kommen, auch in einer ehemaligen Fabrik in Salz sollten rund 100 Menschen einer Explosion zum Opfer fallen.

    

Von unserem Mitarbeiter Eckhard Heise
    
    

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»Alle 8 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

mitchhucannon (881 Kommentare) am 12.07.2010 13:30

Ach ja,

mir fällt da ein Spruch aus meiner Bundeswehrzeit ein. Da wurde uns immer eingetrichtert: "Gegen Kälte kann man sich im Freien schützen, gegen Hitze nicht" Scheinbar hätte dieser Spruch bei der Organisation dieser Übung einiges vermeiden können.
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mitchhucannon (881 Kommentare) am 12.07.2010 13:28

@chris1982

Das ist wahr, aber man kann für Übungen weitaus bessere Termine finden, ohne die Gesundheit anderer auf´s Spiel zu setzen. Einsatz und Übung ist nicht das Gleiche.

Ich muss meine Leute nicht unnötig verheizen. Nicht alle freiwillige Helfer sind mit so viel Herzblut dabei, dass sie dir eine gesundheitliche Beeinträchtigung, verursacht durch eine solche Aktion, verzeihen. Klingt komisch und passt auch nicht ins Bild mancher fanantischen Ehrenamtlicher, ist aber wirklich so.
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chris1982 (134 Kommentare) am 12.07.2010 13:02

Man kann sich ...

... im Katastrophenfall das Wetter auch nicht aussuchen ...
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hanuwa (31 Kommentare) am 12.07.2010 10:26

Frankentornado / Kritische Bemerkung

Obwohl in den Medien schon viele Tage vorher auf die große Hitzewelle hingewiesen wurde haben sich die Verantwortlichen nicht durchringen können, die Übung zeitgemäß abzusagen.So nahm man leichtfertig Gesundheitschäden bei den Teilnehmern, die vielseitig aufgetreten sind, in Kauf ! Eigentlich unfassbar/unverständlich bei medizinisch ausgebildeten Leitungskräften !Warum ist man so blind in die Situation hineingeraten ? Noch heute, zwei Tage später, sind bei verschiedenen Teilnehmern Gesundheitsbeeinträchtigungen vorhanden, die z.T. zur Krankschreibung führten !Kann man da die Organisatoren noch loben ? traurig
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mitchhucannon (881 Kommentare) am 12.07.2010 10:25

@kutte1

Wenn Sie drei Stunden unter Atemschutz bei diesen Temperaturen stehen, hat die Führung (Ihr Gruppenführer/Kommandant) eher etwas falsch gemacht, als richtig. Vor allem verstehe ich das nicht, die Übung wurde doch nach ein paar Minuten abgebrochen!? Wieso drei Stunden?
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