aktualisiert: 15.05.2009 01:50 Uhr
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Peng! Paintball im Selbstversuch
Ballern mit Farbkugeln. Kriegsspiel, sagen Kritiker. Ist das so? Ein Mittag mit Maske und Markierer.
Einen will ich kriegen. Wenigstens einen. Sieben Mal schon hat's mich erwischt, jetzt will auch ich einen abballern, Pardon, „markieren“. So nennen die Paintball-Spieler offiziell einen Treffer. Dafür allerdings müsste ich mich bewegen, die Deckung verlassen. Und ich steh' so sicher. Mein Atem geht schnell, die Gesichtsmaske beschlägt. Um mich rattern Farbkugeln. Ich hocke geduckt hinter dem aufblasbaren neongelben Hindernis, nur ein Auge und die Mündung des „Markierers“ schauen hervor. Und die verdammten Hände mit der Waffe zittern.
Sollte die Große Koalition Ernst machen mit dem angekündigten Paintball-Verbot, muss sich der 26-jährige Jungunternehmer Frank Sterrmann bald einen neuen Job suchen. 2007 hat der Ebenhäuser im ehemaligen Obi die erste Paintball-Halle Unterfrankens eröffnet. Seit Februar 2009 führt er auch eine Halle in Rödelsee bei Kitzingen.
„Wer Amokläufer und Paintball-Spieler in einem Atemzug nennt, vergleicht auch U-Boote mit Flugzeugen“, sagt Sterrmann. Für ihn sind die Paintball-Spieler nichts als Bauernopfer. Die Waffenlobby komme ungeschoren davon. Auch in der Großen Koalition gibt es mittlerweile Zweifel am Sinn eines Paintball-Verbotes. Auf dem 950-Quadratmeter-Feld in der Kissinger Halle teste ich das umstrittene Spiel.
Ziel ist es, möglichst schnell alle Mitglieder der gegnerischen Mannschaft mit Farbkugeln zu markieren. Sittenwidrig sei Paintball, so der Vorwurf der Politiker, weil mit der Waffe auf Menschen gezielt und so das Töten simuliert werde. Nach dem Amoklauf in Winnenden eine nicht länger hinnehmbare Freizeitbeschäftigung.
Die Sittenwidrigen an diesem Nachmittag sind neun erwachsene Männer zwischen 30 und 45 Jahren und ich. Blutige Paintball-Anfänger, die mitten im Berufsleben stehen. In Deutschland ist Paintball für Unter-18-Jährige verboten.
Normalerweise verkaufen die neun für die Jenaer Firma Intershop Software für Onlineshops. An diesem Nachmittag aber ist „Teambuilding“ angesagt. Deshalb spielen sie nach dem Seminar am Morgen zweieinhalb Stunden Paintball.
Unser Teambuilding geschieht zwischen Runde sechs und sieben. „Wie heißt du eigentlich?“, fragt der Typ neben mir. „Drei, zwei, eins, go“, tönt es von der gegnerischen Mannschaft – sein Name geht im Kugelhagel unter.
Die Halle hatten die Intershop-Leute bereits vor der Verbotsdiskussion gebucht. „Wir haben heute am Mittagstisch darüber diskutiert, dass wir das mit unserem pazifistischen Herzen gar nicht gutheißen können“, witzelt einer. „Mit deinem pazifistischen Herzen“, korrigiert ein anderer „ich habe gedient.“
Das merkt man. Nach sieben Spielen hab' ich noch immer keinen markiert. Die Jungs schießen recht geübt aus ihren Softair-Waffen. Die Waffen nennt Sterrmann offiziell „Markierer“. Nur inoffiziell sagt er „Wumme“, manchmal „Knarre“. Sie sind vorsichtig geworden, die Paintball-Spieler und gewohnt, sich rechtfertigen zu müssen. Vor zwei Jahren hatte man sie schließlich schon einmal verbieten wollen. Nicht mal die Worte Nervenkitzel oder Adrenalinschub fallen.
Ich empfinde Nervenkitzel, wenn ich mit der „Wumme“ in der Hand auf die Gegner losstürme. Was reizt, ist das risikolose Spiel mit der Gefahr. Eine Art Kriegsspiel eben. Meine moralischen Skrupel halten sich dennoch in Grenzen. Ein Land, das für 8,7 Milliarden Euro Rüstungsgüter exportiert, will Markierer verbieten. Man sollte seine Moral nicht an Paintball verschwenden.
Die Profi-Paintballer am Tresen bestreiten vehement, dass Paintball auch nur im Entferntesten eine Form von Kriegsspiel sei. „Das hat mit Militär gar nichts zu tun“, sagt Marc Morat aus Riedenberg. Und fragt, wo der Unterschied zum Völkerball sei. Auch dort träten Mannschaften gegeneinander an mit dem Ziel, sich gegenseitig abzuwerfen.
Der 33-Jährige spielt seit einem Jahr Paintball und ist bereits Captain des seit Januar gegründeten Teams. Die zehn Teamjungs zwischen 19 und 33 Jahren paintballen in der Bezirksliga. „Beim Militär ist das erste Ziel: Alle müssen überleben“, sagt Morat. Paintballer dagegen spielten auf Risiko. „Es ist völlig egal, ob ich rausgenommen werde: Das Team soll gewinnen“, erklärt Morat. Reizvoll findet er an dem Spiel, dass es taktisch und unglaublich schnell ist.
Die durchschnittliche Partie an diesem Nachmittag dauert zwei Minuten. Viele der Paintball-Neulinge sind nach der ersten Runde begeistert. „Da ist Go-Kart-Fahren nichts dagegen“, sagt einer. Der 30-jährige Andras bricht nach einer Stunde ab. „Es ist ganz witzig, aber ich glaub' nicht, dass es in mir den Jagdinstinkt weckt“, erklärt er. Sein Kollege, der 44-jährige Andreas, deutet auf die vollgekritzelte Wand. „Wir kamen, kämpften, siegten“, steht da. „Für mich klingt das irgendwie nach Militaristen. Ganz harmlos ist es jedenfalls nicht.“
Darauf angesprochen, winkt Sterrmann ab: „Wenn du mal einen Bundeswehrzug hast, wollen die sich halt verewigen. Das sind harte Jungs, die wollen solche Schriften.“
Der Boden, eine Art Kunstrasen, glitscht vor zerplatzten zertretenen Farbkugeln. Wie kleine grüne Kaugummibällchen rollen sie zwischen den Füßen. Spiel Nummer eins, ich warte auf den Einschlag der ersten Kugel. Warte, seit ich unterschrieben habe, dass ich über die Gefahr von blauen Flecken aufgeklärt wurde. Der Treffer kommt schnell: 30 Sekunden nach Spielbeginn. Es pfitzt am Bein wie die Erbsen aus dem Blasrohr früher. Ein neonorange-farbener Fleck auf dem dunkelblauen Maleranzug. Im Licht der Neonlampen.
Schön finden muss man sie nicht, die Atmosphäre. Bedrohlich oder gefährlich aber sicher auch nicht. Am Abend entdecke ich drei blaue Flecke, das Telefon klingelt. Der kleine Philip wünscht sich zum sechsten Geburtstag eine Wasserpistole. Eine richtig große! Er soll sie kriegen. Ihn werd' ich mit Sicherheit treffen.

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