publiziert: 03.04.2009 19:21 Uhr
aktualisiert: 03.04.2009 19:27 Uhr
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Was Milch uns wert ist

Kampf um faire Preise Die Milch macht's. Der Slogan hat sich eingeprägt. Derzeit macht die Milch wieder Schlagzeilen. Die Bauern klagen über den Milchpreis. Derweil verbannt der Handel Frischmilch aus den Regalen.

  • Lebenselixier mit Tücken: Weil heute schon zu viel Milch auf dem Markt ist, wird die Lage für etliche Landwirte schwierig.
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Der Hof von Reinhold Fehmel liegt am Ortsausgang von Karlstadt. 60 Kühe stehen im Boxenlaufstall, dürfen sich rund um die Uhr den Pansen vollschlagen. „Je mehr Milch eine Kuh gibt, desto mehr Kraftfutter braucht sie“, erläutert der Bauer. Jede Kuh trägt einen Chip am Hals, auf dem die aufgenommene Futter- und die abgegebene Milchmenge elektronisch erfasst werden. Etwa 40 Liter Milch pro Tag gibt jedes Fleckvieh der Fehmels. „Wir hegen und pflegen die Tiere, damit es zu dieser Leistung kommt.“

    
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Trotzdem ist der Bauer sauer. Der Grund: Der Milchpreis stürzt immer weiter ab. 24 bis 28 Cent pro Liter bekommen die Landwirte derzeit von den Molkereien, vor einem Jahr waren es noch knapp 40 Cent. Da wollen Fehmel und seine Kollegen wieder hin. Doch Experten befürchten, dass die Talfahrt noch weitergeht. Am Montag wollen Milchbäuerinnen vor der Staatskanzlei in München demonstrieren. Lukrativ ist die Milchwirtschaft schon lange nicht mehr. Trotzdem hängen die Fehmels an ihren Kühen. „Man kann so einen Betrieb ja nicht von heute auf morgen aufgeben.“

Es gibt zu viel Milch

Die Lage auf dem deutschen Milchmarkt ist ernst, da sind sich alle einig. Sehr ernst. „Der Markt ist extrem am Boden“, sagt Holger Thiele vom Informations- und Forschungszentrum für Ernährungswirtschaft (ife). „Die Lage ist dramatisch“, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Der Grund: Es gibt zu viel Milch auf dem Markt.

Bevor die Kuh in eine Hochleistungsmaschine verwandelt wurde, war Milch noch etwas Kostbares. Bauernfamilien tranken sie gerne kuhwarm, direkt nach dem Melken. Ließ man ein Schälchen davon stehen, setzte sich fetter Rahm ab, den die Kinder gerne naschten. Die Fehmels haben ihre Ware früher einfach vorne in der Hauptstraße verkauft. Heute komme keiner mehr zum Hof, um Milch zu holen, sagt Fehmel.

Die Wege der Milch sind länger geworden: Früher wanderte sie vom Melkeimer in die Kanne und direkt an die Molkerei. Heute wird sie gerüttelt, geschüttelt, gepumpt und geschleudert. Dass die Molkereien sein Produkt in die „extra lang frische“ Milch verwandeln, weiß Fehmel gar nicht. Früher wurde die Milch zweimal am Tag – nach dem Melken – abgeholt, heute komme der Milchwagen nur noch alle zwei bis drei Tage. „Alles ist anders geworden – und dann noch der Preiskampf“, klagt Fehmel.

Das ist vermutlich auch der Grund, warum die meisten seiner Kollegen schon aufgegeben haben. Laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik gab es 1992 noch über 5000 Milchviehhalter in Unterfranken, 2007 waren es noch 1600. „Heute sind es nur noch 1200“, schätzt Anton Huber, Geschäftsführer der Milcherzeugergemeinschaften beim Bauernverband Unterfranken.

„Der Verbrauch von Milch ist stark zurückgegangen“, sagt Eugen Köhler, Pressereferent beim Bauernverband in Unterfranken. Gründe gibt es viele: Zum einen seien die hohen Preise im Winter 2007 schuld daran, zum anderen hätte die Erzeuger wichtige Abnehmer verloren. Die Hochpreisphase hätte die Lebensmittelbranche dazu gebracht, in ihren Produkten Pflanzenfette statt Milch zu verwenden. So werde Speiseeis bereits ohne Milch hergestellt, sagt Köhler. Oder Tiefkühlpizzas kämen ohne Käse aus Milch aus.

Vom Verbraucher weitgehend unbemerkt hat die sogenannte ESL-Milch ihren Weg in die Supermarktregale gefunden. ESL steht für „Extended Shelf Life“, das heißt soviel wie längere Haltbarkeit im Kühlregal. ESL-Milch trägt ein Mindesthaltbarkeitsdatum von bis zu drei Wochen. Für den Handel ist das ein Segen: Das Produkt kann so weiter transportiert und länger gelagert werden. Viele Supermärkte haben nun die herkömmliche Frischmilch ganz aus ihrem Sortiment genommen.

„Uns wird klammheimlich ein wertvolles Grundnahrungsmittel weggenommen“, sagt Andrea Danitschek, Ernährungswissenschaftlerin bei der Verbraucherzentrale Bayern. Den Konsumenten stehe der Sinn nach naturnahen Lebensmitteln, so Danitschek. Viele Kunden würden die klassische Frischmilch bevorzugen. „Sie fühlen sich über den Tisch gezogen, weil ihnen ein Produkt als frisch verkauft wird, das im Extremfall drei Wochen alt ist – und auch nicht wie Frischmilch schmeckt.“ In den letzten Wochen wandten sich immer wieder verunsicherte Kunden per Telefon und E-Mail an die Verbraucherzentralen, berichtet Danitschek.

Doch was ist die Milch den Deutschen wert? Nicht besonders viel, wenn man die aktuelle Preise betrachtet. Sie zählen zu den niedrigsten auf dem europäischen Markt. Bauern wie Reinhold Fehmel leiden darunter. Die deutschen Konsumenten gelten als besonders preisbewusst. „Wenn die Milchpreise steigen, machen das die Verbraucher nicht mit. Ganz anders ist das Verhalten bei Diesel oder Benzin – die Deutschen tanken, egal was es kostet“, so Köhler.

Ärger um die Kennzeichnung

Egal ist den Verbrauchern die Milch nicht. Nur die wenigsten Kunden wollen hinnehmen, dass Frischmilch ganz aus der Kühltheke verschwindet. „Der Verbraucher sollte entscheiden können, was er trinkt“, sagt Danitschek von der Verbraucherzentrale und fordert eine verpflichtende Kennzeichnung der ESL-Milch. Laut Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) soll Frischmilch den Zusatz „traditionell hergestellt“ und ESL-Milch „länger haltbar“ tragen. Damit ist die verbraucherpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Sabine Dittmar, nicht zufrieden. „Es ärgert mich, dass ESL-Milch weiter als Frischmilch bezeichnet werden darf“, sagt sie. Ein Verbraucher, der vollwertige Milch kaufen möchte, könne beide Produkte kaum unterscheiden.

Discounter wie Lidl, Aldi und Penny haben Frischmilch bereits aus ihrem Sortiment verbannt. Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen will weiterhin beides anbieten. Doch „die Kundennachfrage nach ESL-Milch ist deutlich höher“, sagt Edeka-Pressesprecherin Ulrike Stöcker. Überhaupt, der Markt: Auch, wenn der Milchpreis momentan historisch niedrig sei – schon jetzt ließe sich beobachten, dass die Märkte sich langsam stabilisierten, auch international. Eugen Köhler und Anton Huber vom Bauernverband Unterfranken sind sich sicher: „Der Preis wird wieder steigen“, bekräftigt Huber.

Langfristig gesehen hätten Europas Milchbauern gute Karten: Die weltweite Nachfrage steige, die wachsende asiatische Mittelschicht beispielsweise habe immer mehr Appetit auf Milchprodukte. Und da habe Europa einen entscheidenden Vorteil: Die klimatischen Bedingungen für die Milchwirtschaft seien stabil – und damit sehr gut. 

Von unserem Redaktionsmitglied Claudia Kneifel
    
    

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