publiziert: 07.07.2006 00:00 Uhr
aktualisiert: 25.01.2008 14:57 Uhr
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Glosse

Berlin/Würzburg - Vielleicht war ja die Fernseh-Quote zum Halbfinale Deutschland gegen Italien eine Art Stimmungsbarometer: 29,66 Millionen Zuschauer wollten Fußball sehen (84,1 Prozent Marktanteile), nur 360 000 Zuschauer (1,1 Prozent) die Serie "Sex and the
City".

 

Alles zu seiner Zeit, hieß das. Wer sich auf das Spiel konzentrierte, hatte nicht noch freie Zeit fürs Liebesspiel - schon gar nicht für
kostenpflichtige Nachspielzeit im Rotlicht.

Dabei hatte gerade noch rechtzeitig ein Würzburger Geschäftsmann in Berlin den Club "Artemis" fertig gestellt, dem die Zeitungen schnell den Titel "größtes WM-Bordell Berlins" verpassten. "Genießen Sie alle Spiele live auf einem unserer Großbildschirme mit der besten Begleitung, die es zum Spiel geben kann - unseren heißen WM-Girls," lockte das "Artemis" im Internet.

Stilecht trugen die "WM-Girls" (nur) Fankappe oder WM-Bikini. Und "Public Viewing Area" und "die Welle machen" hieß im "Artemis" etwas völlig anderes als im Stadion.

Doch während andernorts gekickt wurde, war im Rotlicht oft tote Hose: Die Welt wollte nicht so recht zu Gast bei Freundinnen sein. Da halfen weder der "WM-Quickie" (20 Minuten für 30 Euro, in Krefeld) noch der Eintritts-Gutschein zu zehn Euro für jedes Deutschland-Tor (in einem Club in Düsseldorf) oder die Torwand vor jenem Berliner Bordell, das mit dem ultimativen WM-Test lockte: "Sechs Treffer - ein Freistoß".

Das war ein bisschen hoch gegriffen, selbst Günther Netzer schaffte in besten Tagen nur fünf Treffer an der Torwand. In Halle(Sachsen-Anhalt) war das Vorspiel realistischer: Dort reichten schon vier Trefferzum freien Eintritt.

Auch hierzulande langweilten sich im Rotlicht Rosi und ihre Kolleginnen im leichten Kampfanzug an der Bar. "Die Fans kommen nur
zum Glotzen, Geld ausgeben wollen sie nicht," zürnte eine "Künstlerin" in einer Table-Dance-Bar. Um die Lust am bezahlten Laster
wieder anzukurbeln, lud ein hiesiges Etablissement sogar zum "Tag der offenen Tür" (mit Sauna, Whirlpool und Kino). "Jetzt fehlen
eigentlich nur noch Schnupperkurs und Probe-Abo", spottete ein Würzburger Kriminalbeamter.

Und per Kleinanzeige bot eine "tabulose Göttin" ihre Dienste "bei gleichzeitiger WM-Live-Übertragung" an. Wie sollte man(n) sich denn auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren: Spiel oder Vorspiel, Strafstoß oder Striptease? Mag sein, dass die Dame göttlich und tabulos war. Aber während der WM ist die größte erogene Zone der Welt nun mal der Strafraum im Stadion.

Per Kleinanzeige versuchte auch in Bad Kissingen eine "SM-Lady" die schwache Nachfrage anzukurbeln. Ausgerechnet die Domina lockte mit einer "Happy Hour". Ob die Dame in dieser glücklichen Stunde zum halben Preis schlägt oder doppelte Schmerzen zufügt? Keine Ahnung. Unsereiner lässt sich lieber anders quälen: vor dem Fernseher mit der Wiederholung der zwei italienischen Tore.

Von Manfred Schweidler
    
    

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