publiziert: 23.11.2009 10:35 Uhr
aktualisiert: 24.11.2009 14:50 Uhr
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Depression: Ein Betroffener erzählt

Kampf gegen eine heimtückische Krankheit

Jahrelang hatte die psychische Erkrankung den Journalisten Wolfgang Jung im Griff. Erst als er sich seine Schwächen eingestand, sich offenbarte und Hilfe suchte, fand er wieder ins Leben. Seine Geschichte schildert den gnadenlosen Kampf mit sich selbst – und soll Betroffenen Mut machen.

  • "Das schwarze Tier": So empfand Wolfgang Jung seine Depression.
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Das Schwarze Tier kommt leise, es holt mich. Es führt mich in eine Dämmerung hinein. Meine Kraft schwindet, meine Sinne werden taub. Es führt mich weiter in eine nachtschwarze Wüste, da bin ich gefangen. Ich höre nichts, sehe nichts, rieche nichts, schmecke nichts. Ich fühle nichts, ich bewege mich nicht. Ich weiß nicht, ob Tag oder Nacht ist, oder was jenseits der Wüste geschieht. Es ist mir gleichgültig. Mir ist alles gleichgültig. Die Zeit vergeht, ich habe keinen Begriff von ihr.

Die Wüste ist mein Leib. Das Tier kommt aus meiner Psyche. Ich habe eine Depression.

Ich litt lange unter depressiven Verstimmungen, ohne zu wissen, dass ich krank bin. Ich war antriebslos, mutlos, mir fehlte der Schwung. Was ich zuwege brachte, hielt ich für Mist. Ich meinte, ich müsse besser recherchieren, schreiben, zupacken können. Was ich konnte, galt mir nichts, was ich nicht konnte, hielt ich für entscheidend. Ich hatte Angst, den nächsten Termin nicht mehr zu bewältigen. Und hielt das alles für inakzeptable Schwäche, für Disziplinlosigkeit, schimpfte mich einen faulen Sack. Ich, ein Baum von einem Kerl, müsse doch alles mit links erledigen können. Konnte ich nicht.

Früher erboste ich mich über Filmszenen wie diese: Ein Mann steht hinter Gittern, der Schlüssel zur Zelle hängt an der Wand, sein Wächter schläft. Der Gefangene greift nach dem Schlüssel, aber es reicht nicht; sein Arm ist ein, zwei Zentimeter zu kurz. Ich hielt solche Szenen für unrealistisch. Wenn man so nah rankommt, glaubte ich, dann schafft man das letzte Stückchen auch noch.

Ich lernte, dass ich es nicht schaffe.

Meine Arbeit war mir das Wichtigste, meine Beziehungen mussten zurückstehen. Die Bestätigung, dass ich gute Arbeit mache, half nur kurz oder gar nicht. Ich kam...

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Von unserem Redaktionsmitglied Wolfgang Jung
    
    

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Die neuesten Kommentare

primavera (8 Kommentare) am 26.11.2009 12:53

Danke

Recht herzlichen Dank, dass Sie das Leben mit diesem Leiden in Worte gekleidet haben. Als betroffenen Angehörige hat mir Ihre Darstellung sehr geholfen, die Situation in der sich eine an Depression erkrankte Person befindet, zu verstehen. Ich wünsche Ihnen von Herzen Mut und Kraft für Ihr weiters Leben.
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lifeexplorer (2908 Kommentare) am 24.11.2009 18:11

@ JULIUS: Arrogante Ignoranz und unfassbare...

Man kann es nur mit diesen Worten beschreiben, was da aus Ihrem bezeichnenden Kommentar zum sehr ernsten Thema einer potenziell tödlich verlaufenden, sehr ernsten Krankheit spricht.

Ihre Worte sind ein erschütternder Beleg dafür, dass 20 Jahre Aufklärunganstrengungen an Menschen wie Ihnen offensichtlich spurlos vorübergehen. traurig Vermutlich haben Sie den sehr mutigen und selbstkritischen Artikel des Autors gar nicht oder nur flüchtig gelesen?

Es gibt eben tückische Krankheiten, die können nicht einfach wie eine Blinddarmoperation, mit der Sie es vergleichen, per Skalpell und chirurgischem Können "weggeschnitten" werden! Vielmehr bedrohen sie das Zentrum der Lebensfähigkeit, den Kern des Menschen in seinen tiefsten Funktion, oft genug die Fähigkeit das Leben überhaupt noch zu ertragen, zu bewältigen, sich wehren zu können gegen die Macht der krankmachenden Kräfte. Schwere Depressionen heisst letztendlich "NICHT MEHR WOLLEN KÖNNEN".

Ich kann Ihnen und Ihren Angehörigen nur wünschen, dass Sie mit solch einer ignoranten Sichtweise nie in die grausame Not geraten, mit dieser verteufelten Volkskrankheit, die weltweit unter den "TOP 5" der häufigsten Erkrankungen lt. WHO rangiert, gleich hinter Herz- und Kreislauftod, sich auseinandersetzen zu müssen. Ein geliebter Mensch an Ihrer Seite wäre doppelt geschlagen, sie selbst haben offenbar keinen Funken Empathie für andere Leidende, denen man nur mehr mutige Selbstberichte wie den des MP-Autors W.J. wünschen kann, um endlich dem verfluchten STIGMA solcher Ignoranz zu entkommen.

Auch im 21. Jahrhundert ist dies ein drängendes Thema -- noch immer, wie man sieht!

Mit entsetztem Gruß
LE
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Vradal (51 Kommentare) am 24.11.2009 07:28

Nabelschau

Ich fand das auch sehr mutig. Es ist absolut keine Nabelschau. Dieser Kommentar kann nur kommen wenn man keine Ahnung von der Krankheit hat. Ich kann " Julius " nur wünschen das weder er noch ein Freund oder Verwandter an Depressionen erkrankt.
Es ist furchtbar als betroffener damit zu leben und genauso furchtbar für die Angehörigen. Das nicht darüber reden dürfen und können, die ständige Angst um den Partner ob er wohl weiterleben wird oder sich das Leben nimmt. Erst jetzt wurde mir bewusst wie hoch die Belastung für mich als Ehefrau war. Man kann es nicht erklären. Es kostet Kraft, Nerven und man wird zum guten Schauspieler!
Alles nicht erstrebenswert.
Es ist gut und wichtig das Menschen in die Öffentlichkeit gehen! Aber genau solche Kommentare machen es schwer bis unmöglich sich zu trauen! Danke für das große Verständnis im Namen vieler erkrankter und deren Angehörigen!!!!!!!!!!!!!
(0)
julius (48 Kommentare) am 23.11.2009 22:58

Unnötige Nabelschau!

Als nächstes berichten die Mainpost-Leute über ihre Blinddarmoperationen und ihre Wurzelbehandlungen und lassen sich als Helden feiern. Was soll diese unnötige Nabelschau?
(0)
ulieck (5 Kommentare) am 23.11.2009 22:42

Mutiges Outing

Vielen Dank für den eindrucksvollen Artikel, der nicht nur Betroffenen, sondern auch Angehörigen mehr Verständnis und Einblick in diese Krankheit gegeben hat und ermutigt, mit Hoffnung auf Besserung in die Zukunft zu schauen!
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