publiziert: 11.11.2009 09:22 Uhr
aktualisiert: 11.11.2009 09:23 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text Offenbach (dpa)
Wenn es im Bauch grummelt - Kinder lernen Stressabbau

Valentina zerdrückt eine Zitrone und lässt sie dann fallen. Die Neunjährige liegt auf einer Matte im Offenbacher «Gewächshaus» und folgt mit geschlossenen Augen den Anweisungen ihrer Trainerin Nikolina Salvaggio zur progressiven Muskelentspannung.

  • Kinder lernen Stressabbau Mit dem Stress umzugehen, das sollen die Kinder im Anti-Stress-Training lernen. (Bild: dpa)
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Die Technik, bei der mit Hilfe von Bildern wie der Zitrone verschiedene Muskeln erst angespannt und dann entspannt werden, ist Teil eines Anti-Stress-Trainings für Kinder. An vier Abenden sollen Valentina und sieben andere Kinder lernen, Stress zu erkennen und abzubauen.

Alle der Viert- bis Sechstklässler, die bei dem Schnuppertraining in Offenbach dabei sind, haben Erfahrungen mit Stress. Wie sich das anfühlt? «Das ist belastend», sagt Leandra. Als Auslöser nennen die Kinder die Schule, Zeitdruck und Streit. «Wenn man morgens in die Schule muss und dann doch länger braucht», antwortet Valentina auf Salvaggios Frage, was Stress für sie ist. «Klassenarbeiten sind immer Stress», sagt die elfjährige Leandra. «Bei mir sind es auch die Arbeiten», sagt der gleichaltrige Fabio. «Und Panik ist Stress.» Bemerkbar mache sich das bei ihm mit Kopfschmerzen und nächtlichem Zähneknirschen. Valentina berichtet von «unangenehmen Bauchkribbeln», und Hannah sagt: «Ich fang dann an zu schwitzen.»

61 Prozent der Eltern von 6- bis 14-Jährigen sagten in einer Studie im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse, ihr Kind habe schon einmal unter Schulstress gelitten. Für die beste Gegenstrategie hielten die Väter und Mütter Bewegung. Im LBS- Kinderbarometer 2009, das das Wohlbefinden von Jungen und Mädchen in Deutschland untersucht, heißt es: «45 Prozent der Kinder reagieren entweder mit Bauch- oder Kopfschmerzen auf Druck.» Dabei haben Mädchen nach der Studie deutlich häufiger Kopf- oder Bauchschmerzen, wenn sie Stress erleben als Jungen. Die Mädchen sind auch in Salvaggios Kurs in der Mehrzahl.

«Die schulischen Ansprüche sind wahnsinnig gestiegen», meint Sabine Meissner, Initiatorin des Veranstaltungskonzepts «Gewächshaus» und Mutter einer Viertklässlerin, die auch an dem Training teilnimmt. «Sie müssen überall gut sein. Die Talente der Kinder spielen nicht mehr so eine Rolle wie früher.» Fabios Mutter, die selbst Kinder- Yoga-Lehrerin ist, ergänzt: «Schule macht sehr viel Druck.» Viele Kinder seien aber auch deshalb übermüdet und gestresst, weil sie jeden Nachmittag einen anderen Termin hätten. «Kinder sollen auch mal faulenzen.» Salvaggio ergänzt: «Eltern können dem Stress auch entgegenwirken, in dem sie nicht so viel Druck machen, und auch mal eine drei als gute Note loben.»

Die Wirtschafts-Juristin, Meditations- und Bewegungstrainerin will den Kindern aber nicht nur Entspannungstechniken zeigen, sondern sie auch lehren, «Stress selbst zu erkennen und sich zu helfen». Zu ihrem Konzept gehören auch Übungen zur positiven Bestätigung: Wenn die Kinder auf etwas stolz sein können, eine Angst überwunden oder etwas erlebt haben, worüber sie sich freuen, klatschen die anderen.

Entspannung, Aktivität und Gespräche: Diese drei Elemente seien in solchen Kursen wichtig, sagt Michaela Hombrecher von der Techniker Krankenkasse (TK) in Hamburg. Die TK hat zusammen mit dem Bielefelder Entwicklungspsychologen Prof. Arnold Lohaus präventive Anti-Stress- Kurse für Grundschulkinder erarbeitet und bietet unter dem Titel «Bleib locker» rund 150 davon im Jahr in Deutschland an.

Valentina, Fabio, Leandra und die anderen fünf Mädchen üben unterdessen spielerisch Stressabbau: Sie schreiben Stress- und Entspannungsfaktoren auf Kärtchen und legen diese in eine Waage. Wenn das Gleichgewicht zu sehr ins Wanken gerät, weil die rote Schale mit den Stressoren zu schwer wird, legen die Kinder in der Grünen nach. «Wenn ich eine CD einlege und mich immer noch unwohl fühle, merke ich, dass ich noch was machen muss», erläutert Salvaggio die Idee. Was das außer Musik hören, Lesen, Rumlümmeln, Toben, draußen Rumtollen oder Rad fahren noch so sein könnte? «Das Positive an der Sache sehen», schlägt Leandra vor. Und Valentina erzählt, wie sie sich vor einem Diktat beruhigt: «Tief ein- und ausatmen und dann eine umgefallene Acht malen.»

Von Ira Schaible, dpa
    
    

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