Jenny Pfister: Von Unterfranken nach Kalifornien
Jenny Pfister aus Gochsheim wusste früh, dass sie auswandern wollte. Seit elf Jahren lebt die Schreinerin in San Francisco. Seit einem Jahr ist ihr Leben noch ein wenig exotischer: Ihre Wohnung ist ein Boot in einer ehemaligen Künstlerkommune.
Feine Wolken ziehen unablässig über die breite Bergkette vom Nordpazifik in die Bucht vor Sausalito. Nur um sich im selben Moment im Schein der Sonne aufzulösen. Wie Dampf aus einem kaputten Heizungsrohr. Es ist fast Mittag. Downtown San Francisco hängt immer noch unter einer dichten Nebelglocke. In Sausalito ist der Himmel tiefblau. „Hier scheint immer die Sonne“, sagt Jenny Pfister und schaut sich um.
Wir sitzen auf dem Dach ihres Hausbootes. An einem Dock im Norden des Ortes. Die gebürtige Gochsheimerin wohnt seit elf Jahren in Kalifornien. Und seit einem Jahr auf ihrem Boot in Sausalito. Das malerisches Städtchen liegt im Norden von San Francisco. Kurz hinter der Golden Gate Bridge führt eine schmale Straße ins Zentrum. Mediterranes Flair, Villen aus der Gründerzeit und Panoramablick auf die Skyline von San Francisco. Kein Zweifel. Es ist schön hier. „Früher war Sausalito eine Art Künstlerkommune“, sagt Jenny. „Heute wohnt hier eher, wer Geld hat.“ Um die 80000 US-Dollar verdienen die etwa 7000 Einwohner im Schnitt.
Das Leben auf dem Hausboot ist vergleichsweise günstig. Es fällt nur eine moderate Miete für den Platz am Dock an. Dafür gibt es einen kleinen, aber urgemütlichen Platz an der Sonne. Küche, Bad, Wohnzimmer und Schlafkoje. Jennys Boot hat alles, was eine normale Wohnung ausmacht. Meeresrauschen inklusive. Der Vorteil der Wohnung auf dem Wasser: „Ich wohne allein. Das wäre in der Stadt unbezahlbar“, sagt Jenny. Mit dem Auto braucht sie 15 Minuten bis in den Mission District. Dort betreibt die 33-Jährige eine kleine Schreinerei. Im Keller des Boogaloos, einem angesagten Restaurant an der Valencia Street.
Die „Mission“ war auch Jennys erster Anlaufpunkt in Kalifornien. „Bei einer Show in Schweinfurt habe ich die Mad Caddies kennengelernt, eine Punkrockband aus Santa Barbara. Sänger Chuck Robertson hat mich gefragt, ob ich nicht nach Kalifornien ziehen wolle. Weil ich doch Skateboardfahren so toll finde und Punkrock so gern mag“, sagt Jenny und lacht. „Er meinte, er würde sich auch um einen Job für mich kümmern. Da hab ich es das erste Mal in Erwägung gezogen wirklich auszuwandern.“ Die Gochsheimerin merkte schnell, dass sich das nicht ganz so einfach gestaltet. Deshalb bewarb sie sich als Au-pair. „Das war für mich zu dem Zeitpunkt der einzige Weg, legal für eine Weile in die Staaten zu kommen“, sagt Jenny. Sie landete bei einer Familie im Mission District: „Die Owens wohnten in einem Haus im Viktorianischen Stil, ich hatte den kompletten dritten Stock für mich. Und das während der Dotcom-Zeit, als schon ein Kleiderschrank 500 Dollar Miete gekostet hat. Traumhaft.“ Wegen Gangaktivitäten gal die „Mission“ damals als Problemviertel, aber auch als Punkrock-Hochburg der Stadt. „Außerdem ist es in der Mission das ganze Jahr sonnig“, erzählt Jenny. Ganz im Gegensatz zum Rest der Stadt, der eher für seinen hartnäckigen Dunst berühmt ist.
Jenny Pfisters Mutter
Im Anschluss an ihr Au-pair-Dasein fährt Jenny mit dem Umzugslaster der Familie quer durch die Staaten. Zurück in San Francisco, zog sie in die berühmte Haight Street. Nur wenige Meter entfernt von der berühmten Kreuzung Haight-Asbury. „Unser Haus war sogar im Kino zu sehen, im Film 40 days and 40 nights“, sagt Jenny. Haight-Ashbury bildete das Zentrum der Hippie- und Beat-Bewegung in den späten 60ern. Alternativen Rest-Charme hat das Viertel bewahrt. Auch wenn kommerzielle Interessen längst die Weltverbesserungsphantasien der Hippie-Generation überlagern.
„In der Haight ist es eher neblig, vor allem im Sommer, ähnlich wie im Richmond District“, sagt Jenny. Das ruhigere Viertel nördlich des Golden Gate Parks war die nächste Station der 30-Jährigen. Sie zog in ein typisch, viktorianisches Reihenhaus in der 7. Straße. Eine große Wohngemeinschaft mit etwa zehn anderen Jugendlichen, einem schönen Garten, einem Hund. 2008 dann baute die gelernte Schreinerin an einem Dock in Sausalito ein Segelboot aus.
Ihr Freund Jay erzählte ihr von einem heruntergekommenen Hausboot. Das lag am selben Dock und stand zum Verkauf. „Das Boot war in einer wirklich schlimmen Verfassung. Und zugemüllt, aber billig. Um die 1400 Dollar.“ Jenny grinst. Sie kaufte das Boot. In mühevoller Kleinarbeit restaurierte sie es, verlegte neue Böden, ersetzt e marode Teile. Seetauglich ist es noch nicht. Aber auch daran arbeitet die Schreinerin.
„Im vergangenen Jahr im August habe ich dann beschlossen, mir jede Menge Miete zu sparen und komplett auf das Hausboot nach Sausalito zu ziehen“, sagt Jenny. Und sie bereut es keine Minute. Zu ihrem 30. Geburtstag organisierten ihre Freunde eine Überraschungsparty. 55 Leute tummelten sich auf ihrem 40-Fuß-Boot. Und es vergeht kaum eine Woche, in dem kein Besuch aus der alten Heimat jenseits des großen Teiches ihr Anwesen belagert. „Es ist wie in einem florierenden Gästehaus“, sagt Jenny. Deswegen hält sich ihr Heimweh auch in Grenzen. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass meine Familie das Boot neben mir kauft“, meint sie. „Oder vielleicht doch besser das Boot drei Plätze neben mir“, fügt sie hinzu und lacht.
Am allerwenigsten fehlt Jenny der Winter: „Die vier Monate Dunkelheit – da komm ich irrsinnig schlecht drauf. Meine Mutter hat mal gesagt, sie hat lieber eine glückliche Tochter am anderen Ende der Welt, als eine traurige direkt vor sich.“
Es geht der Unterfränkin gut in San Francisco. Das ist ganz offensichtlich. Egal ob in Sausalito, der Mission oder in der Haight-Street. Jenny läuft kaum 15 Meter, ohne Bekannte oder Freunde zu treffen und sich in einen herzlichen Plausch zu verwickeln. Sie kennt die Stadt. Und ihre Menschen. Und als freiberufliche Schreinerin hat sie bereits jede Menge Spuren hinterlassen, hat Bars und Restaurants eingerichtet, Segelboote auf Vordermann gebracht und ihren eigenen kleinen Schreinerladen aufgezogen. „Arbeiten wo andere Urlaub machen“, sagt sie und lacht wieder. Demnächst baut Jenny das Interieur für eine neue Brauerei mit Restaurant und Bar in einem verlassenen, alten Lagerhaus. „Wir benutzen Holz, das von einer abgerissenen Scheune in Mendocino stammt. Das bereite ich auf und mache damit die Einrichtung“, erklärt sie. „Ist ein Riesenprojekt. Im Innenbereich werden zwei lebende Bäume stehen.“
Sie nimmt einen Schluck von ihrem Trumer Pils. Die Sonne neigt sich Richtung Horizont. Es ist immer noch ungewöhnlich warm am Dock. Ihre Freundin Kateri ist zu Besuch gekommen. „Es ist viel entspannter, auf dem Wasser zu leben. Sausalito ist ruhig. Das Meer ist wirklich direkt vor der Tür. Ich kann aufstehen und reinspringen.“ Jenny läuft an die Reling. „Und es ist schön, in den Schlaf gewogen zu werden.“
Die Sonne geht unter, als wir die Bilder auf dem Boot machen. Ob sie sich vorstellen kann, nach Deutschland zurückzukommen? Jenny überlegt einen Moment. „Eigentlich nicht“, erwidert sie ein wenig zögerlich. „Aber sag niemals nie.“
Von unserem Mitarbeiter Daniel Peter