aktualisiert: 28.05.2009 15:34 Uhr
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SCHWEINFURT
Wenn Männer zu Monstern werden - HIlfe bei Aggression
Schweinfurter Verein bietet Hilfe für gewalttätige Männer – Oft sind es fürsorgliche Familienväter
Sind alle Männer gewalttätig? In welchen Situationen schlägt ein Mann zu? Was sind die Risikofaktoren? Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es für Männer, der Gewaltspirale zu entfliehen? Zwei Mitglieder des Vereins „Männer contra Gewalt“ in Schweinfurt erläutern, wie das Anti-Gewalt-Training für Männer aufgebaut ist und was es bewirken kann.
Es ist ein schambesetztes Thema, ein Tabu: Wenn Männer sich in ihrer Partnerschaft bedroht oder in die Ecke gedrängt fühlen, schlagen sie zu. Sie wissen sich nicht anders zu helfen. Hinterher sind sie sehr erschrocken, zerknirscht. Sie wollen es nie wieder tun. Viele Frauen schweigen. Männer haben aber auch andere Seiten. Sie sind fürsorgliche Väter. Sie wollen anerkannt und geliebt werden, dazugehören. Manche wählen jedoch die falschen Mittel – gerade, wenn sie sich am meisten wünschen, dazuzugehören und anerkannt zu werden.
Mit diesen Sätzen beschreiben die beiden Schweinfurter Psychologen Erhard Scholl und Herbert Durst die Situation in vielen Beziehungen. Laut Statistik erlebt jede vierte Frau, dass ihr Partner auf Konflikte mit Gewalt reagiert. Er schüchtert ein, verbietet lautstark, setzt unter Druck, schlägt, manchmal auch die Kinder. „Ich war außer mir“ oder „Ich habe einfach rot gesehen“, heißt es dann. Oder es wird die Schuld bei anderen gesucht und alles heruntergespielt: „Es war doch nur ein kleiner Klaps.“
Wie eine Explosion
„Diese Männer erkennen nicht, was zu ihrem gewalttätigen Verhalten geführt hat“, sagt Erhard Scholl, Leiter der Schweinfurter Beratungsstelle für Ehe-, Familien und Lebensfragen in der Diözese Würzburg. „Sie erleben ihren Gewaltausbruch wie eine Explosion. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert, und können die Folgen ihres Verhaltens nicht einordnen“, erläutert sein Kollege Herbert Durst. Und sie wissen nicht, dass andere Männer auch Probleme mit Gewaltausbrüchen haben.
Scholl und Durst bieten deshalb ein Anti-Gewalt-Training an, eine Initiative des Schweinfurter Vereins „Männer contra Gewalt“. Vor acht Jahren wurde dieses Hilfsangebot unter anderen von Erhard Scholl für Männer konzipiert, deren Sozialverhalten den Partnerinnen gegenüber massiv gestört ist. Anlass war, dass bei Eheberatungen immer wieder die Sprache auf das Thema häusliche Gewalt kam und im Interventionsprojekt „Häusliche Gewalt“ in Schweinfurt nach einer Unterstützungsmöglichkeit für diese Männer gesucht wurde. In dem Anti-Gewalt-Training werden die Teilnehmer nicht verurteilt, versichert Scholl. Vielmehr ginge es darum, sich mit dem gewalttätigen Teil innerhalb der Gesamtpersönlichkeit auseinanderzusetzen. „In der Gruppe versuchen wir den Männern zu helfen, sich selbst zu verstehen.“
In acht Gruppensitzungen haben die Teilnehmer Gelegenheit, die Anlässe, die zu ihrem gewalttätigen Verhalten geführt haben, zu erkennen und über ihre Gefühle, ihre Scham, ihre Ängste und Hilflosigkeit, die in partnerschaftlichen Stress-Situationen entstehen, zu reden. Ziel ist die Förderung der Selbstwahrnehmung, der Selbstkontrolle und der Selbstverantwortung.
Dazu gehört, zusammen mit den beiden Trainern neue, alternative Umgangsformen mit sich selbst und gegenüber den Partnerinnen zu entwickeln und auch anzuwenden. „Es geht aber bei allem Verstehenwollen nicht darum, das gewalttätige Verhalten zu billigen oder zu bagatellisieren, aber auch nicht zu dämonisieren“, so Herbert Durst.
Zu diesem Verstehenwollen gehöre beispielsweise, nachzuforschen, welche Erfahrungen die Teilnehmer in ihrer Vergangenheit gemacht haben, die zu ihrem gewalttätigen Verhalten geführt haben könnten: Gab es einen strengen Vater? Wurden sie selbst in ihrer Kindheit geschlagen? Wie haben sie sich damals gefühlt? Hatten sie Angst? „Männer waren oft selber Opfer häuslicher Gewalt“, sagt Psychologe Durst.
„Und das wird gespeichert“, sagt Erhard Scholl und erklärt den verhängnisvollen Aspekt: „Geschlagen werden hat Auswirkungen auf das Selbstbild. Aufgrund der mangelnden Wertschätzung wiederholen geschlagene Kinder oft das Verhalten von dem, der sie einst geschlagen hat.“ Erhard Scholl und Herbert Durst kennen noch weitere Auslöser für gewalttätiges Verhalten. Etwa, dass Männer sich oft nur schwer in sich selbst und in andere hineinversetzen können – im Gegensatz zu Frauen. Und sie kommunizieren anders als Frauen, denn sie verständigen sich oft „nichtsprachlich“, so Scholl.
Über Gefühle zu reden ist für viele Männer die Hölle, erleben die beiden Psychologen immer wieder. Aber genau darum geht es in dem Anti-Gewalt-Training: um das fürchterliche Monster aus Angst, Frust, Hilflosigkeit, um den einen Teil des Gesamt-Selbst, der einen in Konfliktsituationen führt und zuschlägt. Am Ende des Trainings soll das Monster erkannt und an die Leine gelegt werden, sagt Herbert Durst. Voraussetzung dafür ist, so Erhard Scholl, die Motivation, etwas in seinem Leben verändern zu wollen.
Was einen
wahren Mann
ausmacht
Hilfsangebot für
aggressive Jugendliche
Schweinfurt (cj) Der Verein „Männer gegen Gewalt“ in Schweinfurt bietet nicht nur für Erwachsene ein Anti-Gewalt-Training (siehe nebenstehenden Bericht). Es gibt auch für Jugendliche und junge Erwachsene ein Anti-Aggressivitäts-Training, geleitet von den Sozialpädagogen Thomas Walter und Christian Schäflein. Ein Aspekt ist, dass von Gewalt geprägte Erfahrungen in Kindheit und Jugendzeit oft Auslöser dafür sind, dass Männer ihre Partnerinnen oder Kinder schlagen. Diesem Verhalten soll vorgebeugt werden, indem die Teilnehmer neue Strategien entwickeln, wie sie mit anderen auskommen, ohne gewalttätig zu werden.
Ungünstig auf das Sozialverhalten können sich beispielsweise Rollenklischees auswirken, wie Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Jungs dürfen sich prügeln, aber Weinen oder Angsthaben ist Mädchenkram. Schließlich gehören sie zum starken Geschlecht – das meist vom schwachen Geschlecht erzogen wird.
Männliche Vorbilder fehlen
„In der Erziehung fehlen männliche Vorbilder wie Erzieher oder Grundschullehrer“, sagt Christian Schäflein. Thomas Walter fügt hinzu, dass 90 Prozent der gewalttätig gewordenen männlichen Jugendlichen nicht mehr mit ihrem biologischen Vater zusammenleben und in ihrem häuslichen Umfeld Opfer von Gewalt werden. Mit einher geht meist auch eine emotionale Vernachlässigung, so Walter. Weitere Risikofaktoren für sozial auffälliges Verhalten sind nach Angaben von Schäflein Armut, Alkoholmissbrauch, häufige Schulwechsel oder gescheiterte Schulverläufe.
Schäflein und Walter versuchen im Anti-Aggressivitäts-Training Perspektiven aufzuzeigen. Unter anderem wird darüber diskutiert, was einen „wahren“ Mann ausmacht. Zudem geht es um die Analyse der Gewaltauslöser und um alternative Reaktionen bei Stress. Sport, Rollenspiele und der „heiße Stuhl“ sind ebenfalls Trainingseinheiten, in denen die Teilnehmer mit ihrem gewalttätigen Verhalten konfrontiert werden.
Das Training mit maximal sechs Teilnehmern besteht aus 20 Einheiten. Teilnehmen können 14- bis 21-Jährige, die bereits wegen Gewaltbereitschaft, dissozialem Verhalten oder wegen Gewalttätigkeiten auffällig wurden und die ihr Verhalten ändern wollen. Das Training erfolgt auf richterliche Weisung, als Bewährungsauflage oder als Maßnahme der Jugendhilfe.
Weitere Informationen gibt es über den Verein contra Gewalt,
? (07 00) 60 60 60 11 (Anrufbeantworter) oder per E-Mail:
info@maenner-contra-gewalt.de
Im Blickpunkt
Training für gewalttätige Männer Beim Anti-Gewalt-Training treffen sich vier bis sechs Teilnehmer vierzehntägig in acht Sitzungen. Die Teilnahme erfolgt freiwillig oder im Rahmen einer staatsanwaltlichen oder gerichtlichen Auflage. Weitere Informationen über Aufnahme, Ablauf und Kosten gibt es beim Verein Männer contra Gewalt, Friedrich-Stein-Straße 28, 97421 Schweinfurt, Tel. (0700) 60 60 60 11 (Anrufbeantworter); Kontakt per E-Mail: info@maenner-contra-gewalt.de Info im Internet unter: www.maenner-contra-gewalt.de
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