publiziert: 03.11.2009 16:02 Uhr
aktualisiert: 03.11.2009 16:13 Uhr
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Wenn ein Mensch sich in mehrere Ichs aufspaltet

Die Dissoziative Identitätsstörung – Würzburger Psychotherapeutin über ein in der Fachwelt umstrittenes Krankheitsbild

Manche Menschen haben nicht nur eine Persönlichkeit, sondern mehrere. Dissoziative Identitätsstörung heißt das in der Fachwelt umstrittene und deshalb selten diagnostizierte Krankheitsbild. Für die Psychotherapeutin Elisabeth Kirchner vom Würzburger Verein Wildwasser ist die Aufspaltung in mehrere Ichs eine Strategie, mit der vor allem Frauen versuchen, Gewalterfahrungen in frühester Kindheit – oft sexueller Missbrauch – zu bewältigen.

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    Dissoziative Identitätsstörung: Eine Person bildet mehrere Ichs, die unterschiedlich handeln.
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Mara, kurz M., hat Verletzungen am Unterarm, die sie sich nur selbst zugefügt haben kann. Aber sie erinnert sich nicht, wie es passiert ist. Die neunjährige S. hat eine runde, leicht lesbare Schrift, manchmal jedoch bringt sie nur krakelige Buchstaben zu Papier. F. findet einen neuen Pullover in ihrer Wohnung. Wer ihn gekauft und in den Schrank gelegt hat, weiß sie nicht. Die 30-jährige L. verhält sich plötzlich wie ein kleines Kind und spricht mit piepsiger Stimme. Dann wieder scheint sie eine ganz normale Erwachsene zu sein. A. hört Stimmen in ihrem Inneren, die sich miteinander streiten oder ihr Verhalten kommentieren. G. sitzt in einem Café und weiß nicht, wie sie dorthin gekommen ist. E. kann sich weder an die Hochzeit noch an die Geburt ihres Kindes erinnern.

Die Psychotherapeutin Elisabeth Kirchner vom Würzburger Verein Wildwasser (Verein gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen) kennt diese Beschreibungen aus der Fachliteratur, aber auch aus Gesprächen, die sie mit Betroffenen führt. Es sind Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung, auch Multiple Persönlichkeitsstörung genannt. Diese Begriffe aus der Psychologie stehen für das Vorhandensein von mehreren Identitätszuständen einer Persönlichkeit. Anders gesagt: Eine Person bildet mehrere Ichs, die unterschiedlich handeln. „Das zersplitterte Ich“ – so nennt es die Bielefelder Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dr. Ursula Gast, die mehrere Publikationen zur Dissoziation veröffentlicht hat. Elisabeth Kirchner beschreibt diese psychische Folgeerkrankung als Überlebensmechanismus für anders nicht zu bewältigende massive seelische und körperliche Gewalterfahrungen in frühester Kindheit. „Die Betroffenen spalten ihre Persönlichkeit auf, so dass nur eine die fortwährenden traumatischen Erlebnisse ertragen muss“ – Schläge, Demütigungen, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch, Inzest. „Die als lebensbedrohlich empfundenen schweren Traumata führen schnell zu einer Fragmentierung des Bewusstseins, in der zwei oder mehrere Persönlichkeitsanteile wechselweise die Kontrolle über das Verhalten, die Gefühle, Gedanken und das Gedächtnis übernehmen.“

Nur in der Kleinkindzeit

Manchmal weiß die eine Persönlichkeit nichts von der anderen. Deshalb kommt es zu Wahrnehmungsstörungen beziehungsweise Amnesien: Die Betroffenen finden beispielsweise Dinge in ihrer Wohnung, deren Herkunft ihnen unerklärlich ist. Möglich sei die Fähigkeit, mehrere Identitäten zu erschaffen, nur in der Kleinkindzeit, so Kirchner. „Vor dem sechsten Lebensjahr ist der Entwicklungsprozess im Gehirn noch nicht ganz ausgereift.“ Anzeichen für eine Dissoziation sind nach Angaben der Würzburger Psychotherapeutin beispielsweise stark schwankende Leistungen in der Schule, unterschiedliche Schriftbilder sowie häufige Fehltage. Kommen Kinder aus dem Gewaltkreis heraus, zeigen sie einerseits ein stark sexualisiertes Verhalten, ein anderes Mal gebärden sie sich wie ein Kleinkind, dann wieder können sie Dinge, die ihrem Alter weit voraus sind, berichten Pflegefamilien.

Als Erwachsene versuchen Betroffene, meist mit großem Kraftaufwand, normal zu erscheinen und zu funktionieren, weil sie meinen, sie würden sonst als verrückt angesehen. Sie verschweigen, dass sie Stimmen hören, Gedächtnislücken haben oder keinerlei Gefühle entwickeln können. Auslöser für einen Persönlichkeitswechsel können bestimmte Gerüche sein, Berührungen und Sexualität, eben weil durch sexuelle Gewalt in der Kindheit Dissoziationen entstanden sind, so Kirchner. „Nicht jeder schafft dieses angepasste Leben, und in den meisten Fällen leiden die Betroffenen unter weiteren Erkrankungen.“

Kirchner nennt Depressionen, Angst oder Postraumtische Belastungsstörungen (plötzliche bildhafte Erinnerungen an traumatische Ereignisse, Flashbacks genannt, die zu intensiver Angst, Verzweiflung und de Gefühl der Hilflosigkeit führen). Ein Zufluchtsort für diese Frauen ist beispielsweise die Einrichtung der Oberzeller Franziskanerinnen in Würzburg. „Dort werden Frauen von Sozialpädagoginnen betreut, die es nicht geschafft haben, im Leben Fuß zu fassen“, sagt Ute Berger.

Ziel von Wildwasser ist es, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, „dass es diese Diagnose gibt – und Behandlungsmöglichkeiten“. Fünf Prozent der Psychiatrie-Patientinnen seien davon betroffen, so Kirchner. In Fachkreisen ist die Diagnose umstritten oder sogar unbekannt. „Nicht alle Psychotherapeuten haben sich damit beschäftigt oder kennen das Störungsbild.“ Oft würden diese Menschen als schizophren oder als Borderline-Persönlichkeiten angesehen.


Im Blickpunkt
Thema sexuelle Gewalt im Theater
„Jenseits vom Tag“ heißt das Theaterstück von und mit Beate Albrecht für Zuschauer ab 16 Jahren zum Thema sexuelle Gewalt. Es erzählt von einer Journalistin, die über multiple Persönlichkeiten recherchiert. Dabei drängen sich ungewollt eigene Erinnerungen, Gefühle und Bilder in ihr Bewusstsein.
Zu sehen ist das Einpersonenstück am 10. November um 20 Uhr im Würzburger Bockshorn. Eine Einführung gibt es ab 19.30 Uhr. Nach Würzburg gebracht hat es die seit 1991 bestehende Kooperation „Hilfen für Mädchen und Frauen“ (Wildwasser Würzburg, Oberzeller Franziskanerinnen, Fachbereich Frauen, Psychologischer Beratungsdienst der Stadt Würzburg).
Karten gibt es in den Buchhandlungen Knodt (? 0931 / 5 26 73) und Neuer Weg (? 0931 / 35 59 10) sowie an der Abendkasse.
Information im Internet
Im Internet finden sich viele Informationen zum Thema Dissoziative Identitätsstörung. Wildwasser Würzburg empfiehlt beispielsweise:
www.vielfalt-info.de
www.infonetz-dissoziation.de
ww.disssoc.de

Von unserem Redaktionsmitglied Christine Jeske
    
    

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