publiziert: 24.06.2010 19:25 Uhr
aktualisiert: 24.06.2010 19:28 Uhr
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Beethoven als Denker

Violinist Nikolaj Znaider beim Kissinger Sommer

Es ist eine der Haupteigenschaften des Klassikbetriebs im Allgemeinen und des Kissinger Sommers im Besonderen, dass immer wieder dieselben Stücke gespielt werden. Das ist in Ordnung – ein Beethoven-Violinkonzert, eine Mahler-Sinfonie oder eine Mozart-Oper kann man nicht oft genug hören.

Der Hörer setzt aber auch voraus, dass die Interpreten sich mit den Werken permanent auseinandersetzen, und hofft – mehr oder weniger stillschweigend –, dass sie ihn hin und wieder mit neuen Aspekten überraschen. Kent Nagano, um sich auf die Dirigenten zu beschränken, gehört zu diesen Interpreten, Jonathan Nott und Mariss Jansons auch. Jiri Belohlávek eher nicht.

Belohlávek und sein BBC Symphony Orchestra überraschen auch diesmal nicht, zumindest nicht bei ihrem ersten von zwei Auftritten beim Kissinger Sommer am Mittwoch mit Kodály, Beethoven und Schumann. Das Orchester spielt gewohnt zupackend, präzise, engagiert und durchaus mitreißend, allerdings eben nicht übermäßig sensibel oder farbenreich. Folgender Satz stand vor vier Jahren in der Kritik: „Hier wird allzu stämmig und direkt vorgegangen, Belohlávek verwaltet Themen und Harmonik, ohne erkennbar auf subtilere Nuancen Wert zu legen.“

Für die Nuancen sorgt – einmal mehr – der Solist. Nikolaj Znaider spielt das Beethoven-Violinkonzert mit unglaublich plastischer Artikulation – kühl, klar, kontrolliert. Sein Beethoven ist ein Denker, kein Schwärmer, und wo andere die Poesie mit süßem Ton suchen, geht er ins dreifache Pianissimo mit minimalem Bogeneinsatz. Das ist stellenweise ungeheuer spannend, der große Zauber allerdings stellt sich erst in der Zugabe ein: Die Sarabande von Bachs d-Moll-Partita spielt Znaider als wunderbar abgeklärte Meditation.

Opulent und kraftvoll legt Belohlávek die Orchesterstücke an: Kodálys Tänze aus Galánta (ebenso effektvolles wie überflüssiges Einspielstück) und Schumanns zweite Sinfonie klingen nicht wirklich unterschiedlich, unterhalten aber mit Verve und Spielfreude. Das begeisterte Publikum erklatscht sich zwei weitere Zugaben, einen Dvorák-Tanz und die Pizzicato-Polka – teilweise begleitet vom Hupen des Autokorsos draußen.

Von unserem Redaktionsmitglied Mathias Wiedemann
    
    

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