aktualisiert: 18.10.2009 17:40 Uhr
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FRANKFURT
Bilanz der Buchmesse: Warnung vor Demokratien ohne Demokratie
Die 61. Auflage der Frankfurter Buchmesse zog weniger Besucher an – Magris sieht neuen Populismus
(dpa/epd/sr) Trotz Wirtschaftskrise ziehen viele Verlage zum Ende der Frankfurter Buchmesse eine positive Bilanz – auch wenn die Zahl der Besucher gegenüber dem Vorjahr um drei bis vier Prozent gesunken ist. Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Claudio Magris, hat derweil vor einem neuen Populismus und neuen Barrieren in Europa gewarnt.
Knapp 300 000 Besucher seien auf der weltgrößten Buch- und Medienmesse, die am Sonntag zu Ende ging, gewesen, sagte Sprecher Thomas Minkus, etwas weniger als im vergangenen Jahr. Dagegen sei das wirtschaftliche Ergebnis nach Auskunft von Verlagen besser ausgefallen als im Vorjahr. 7335 Aussteller (Vorjahr 7373) waren mit Ständen vertreten. Besonders das Lizenzgeschäft ist nach Auskunft von Minkus so stark wie lange nicht mehr gewachsen. Hintergrund sei die wachsende Bedeutung der Digitalisierung. Texte würden für Ausgaben als gebundenes Buch, als elektronischer Text für E-Books und Handys, für den Online-Buchhandel mehrfach verkauft.
Chinas umstrittener Auftritt
Claudio Magris, 70, der am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche entgegennahm, warnte in seiner Rede vor einem neuen Populismus und neuen Barrieren in Europa. Die in ganz Europa zu beobachtende Entwicklung schaffe „Demokratien ohne Demokratie“, kritisierte der italienische Schriftsteller. „Jede Bedrohung der Demokratie ist eine Gefahr für den Frieden, ganz gleich in welcher Form sie auftritt“, sagte Magris, der sich in seiner Dankesrede sehr kritisch mit seinem eigenen Land auseinandersetzte.
Der Friedenspreis – mit 25 000 Euro dotiert – gehört seit 1950 zu den wichtigsten deutschen Kulturauszeichnungen. Der Essayist und Romancier, der seit Jahren als Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis gilt und mit Werken wie „Donau. Biografie eines Flusses“ (1988) und dem Roman „Blindlings“ (2007) bekannt wurde, wurde für seine Bemühungen um das Zusammenleben und Zusammenwirken verschiedener Kulturen in Europa gewürdigt.
Der umstrittene Auftritt des Gastlands China hatte schon vor der 61. Auflage der Buchmesse für großen Wirbel gesorgt. Zum Abschluss zogen sowohl die Buchmesse als auch Vertreter der Volksrepublik eine positive Bilanz. Buchmesse-Direktor Juergen Boos äußerte sich zufrieden. „Es war richtig und gut, China eingeladen zu haben, die Diskussion um China, über China zu führen“, sagte Boos. „Wir haben erstmals überhaupt einen Zugang zu Übersetzungen aus dem Chinesischen, den es vorher nicht gab.“ Mit rund 550 Veranstaltungen – darunter viele von Regimekritikern – sei es gelungen, die Vielfalt des Landes zu zeigen und Diskussionen anzustoßen.
Auch China zog eine positive Bilanz. „Die chinesischen Autoren werden hier heiß willkommen geheißen“, sagte Zhang Fuhai, der Leiter des chinesischen Organisationskomitees. Die 225 anwesenden chinesische Verlage hätten 2200 Verträge über Buchrechte geschlossen. Menschenrechtsorganisationen blieben allerdings kritisch.
Im Blickpunkt
Die Superlative der Buchmesse
Am schwersten, am besten, am schönsten – die Frankfurter Buchmesse war auch wieder voller Superlative. Eine Auswahl:
• Höchste Startauflage: „Das verlorene Symbol“ (Lübbe) von Dan Brown mit 1,2 Millionen.
• Kürzestes Buch: „Und Gott chillte“, Bibel-Geschichten in maximal 140 Zeichen für Twitter.
• Kuriosester Buchtitel: Mischa-Sarim Vérollet, „Das Leben ist keine Waldorfschule“ (Carlsen).
• Bestes Debüt: Stephan Thome, „Grenzgang“ (Suhrkamp).
• Schönstes Buch: Bildband „Beuys“ (Steidl).
• Schwerstes Buch: Kindlers Literaturlexikon mit 32,5 Kilo (Metzler).
• Bestes Bilderbuch: „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“ (Carlsen).
• Bestes Kinderbuch: „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ (Carlsen).
• Bestes Jugendbuch: „The Road of the Dead“ (dtv).
• Gefragtester Download: „Atemschaukel“ von Herta Müller.
• Bester Comic: Ralf König, „Prototyp“ (Rowohlt).
•Alle Auszeichnungen basieren auf Jury-Urteilen.
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