publiziert: 03.03.2009 12:32 Uhr
aktualisiert: 03.03.2009 13:30 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text RÖDELSEE
Bis aufs Blut: Wie ein junger Unterfranke die Filmwelt erobern will

Oliver Kienle beginnt demnächst mit Dreharbeiten in Würzburg – Hoch dotierter Preis als Startkapital

Sebastian Koch soll geschwitzt haben. Der Mann, der dem Schauspiel-Star den Schweiß auf die Stirn trieb, heißt Oliver Kienle und stammt aus Rödelsee im Landkreis Kitzingen. Der 26-Jährige wurde für sein Drehbuch zum Film „Bis aufs Blut“ mit einem hoch dotierten Preis ausgezeichnet (wir berichteten). Koch („Stauffenberg“) hatte bei der Preisverleihung Passagen aus dem Buch gelesen. Kienle grinst: „Na ja, die Sprache ist schon krass. Es sind halt authentische, junge Dialoge.“

  • Oliver Kienle
    FOTO okf
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„Bis aufs Blut“ ist die Geschichte von Tommy und Sule, deren Freundschaft weder Freundinnen noch der Jugendknast etwas anhaben können. Doch als sie erwachsen werden, hat nur Tommy eine Perspektive . . . Kienle lässt seine Geschichte in Würzburg spielen. Dort wird sie – von Mitte April bis Ende Mai – auch verfilmt. Dann soll sie zunächst im Fernsehen (SWR) laufen und, so hofft Oliver Kienle, auch ins Kino kommen.

Kienle sitzt in einem Würzburger Caféhaus vor einer Apfelschorle und blickt nach draußen. „Hier findet man alles. Vom Bauernhof bis zum Plattenbau. Da gibt es soziale Kontraste. Meine Figuren sind zwischen zwei Welten gefangen.“ Würzburg habe genau das Maß an Provinz und gerade den Hauch von großer Stadt, den er als Hintergrund brauche.

Die Jury – darunter der Schauspieler Ulrich Matthes – fand das Konzept stimmig. Und so kann Jungfilmer Kienle jetzt mit 25 000 Euro Preisgeld in die berufliche Zukunft planen, „Für mich heißt das, dass es nach ,Bis aufs Blut‘ weitergehen kann“, freut er sich.

Zu schreiben begann er „so mit 16, 17“. Und zwar heftig: „Ich habe in einem Jahr neun Romane geschrieben.“ Jugendroman in Tagebuchform, Science-Fiction, Mafia-Krimi – „da war so ziemlich alles dabei“, sagt Kienle, der dann irgendwann merkte, „dass ich ziemlich dialoglastig schreibe“. Also verlegte er sich auf Drehbücher und begann mit einer Digitalkamera zu filmen.

Gelesen hat Vielschreiber Kienle eher wenig: „Das einzige Buch, das ich außerhalb der Schule gelesen habe, war Patrick Süskinds ,Das Parfüm‘“, erinnert er sich. Mit dem Germanistik-Studium, das er in Würzburg begann, wurde er nicht glücklich. „Ich hab' mir damals ein Jahr Frist gegeben, in dem ich herausfinden wollte, ob ich in der Lage bin, mit einem Film Publikum zu begeistern.“ Also mietete er das Kitzinger „Roxy“ an und zeigte eine Eigenarbeit. Kienle wirkt noch heute leicht verwundert: „Das Kino war voll. Es waren 220 Leute da – darunter auch welche, die mich nicht kannten.“ Die Zuschauer waren begeistert. Auch Kienles Eltern, die den Berufsplänen des Sohnes eher skeptisch gegenüberstanden, waren nun überzeugt.

Und Kienle begann nach bestandener Aufnahmeprüfung das Regie-Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. „Bis aufs Blut“ ist seine Diplomarbeit. Der Preis ist vielleicht der Schlüssel zur Türe ins Filmgeschäft, aber keine Garantie für lebenslanges Einkommen. Kienle macht sich keine Illusionen. Nur Kino-Filme zu drehen – das wäre ein Traum. Im Kino, wo alles auf der großen Leinwand läuft und „bigger than Life“ ist, könne er frei arbeiten, seine Vorstellungen verwirklichen. Was nicht gleichbedeutend ist mit der Art von Selbstverwirklichung, die er in der deutschen Filmemacher-Szene ausmacht: „Da herrscht die Einstellung vor: ,Ich mache einen Film für mich. Vielleicht schaut ihn sich sogar mal einer an.‘“ Er habe auch das Publikum im Sinn. „Ich bin ein atemloser Erzähler“, sagt er und denkt an Filme, wie sie Martin Scorsese („Taxi Driver“) dreht: „Der treibt seine Figuren an den Abgrund.“

Für deutsche Festivals hat Oliver Kienle, obwohl er selbst schon an mehreren teilgenommen hat, eher wenig Sympathie: „Die zeigen da am liebsten Filme, nach denen man sich die Pulsadern aufschneidet.“ Seine jüngste Arbeit, „Jana was here“, lief auf Festivals im Ausland. In Deutschland wollte den Kurzfilm keiner, „weil es eine Liebeskomödie ist, eine Romantic Comedy“, vermutet Kienle – vom deutschen Festivalbetrieb wohl als zu leicht befunden.

Der Jung-Filmer kennt keine Berührungsängste zum leichten Genre. Das könne er sich nicht leisten, wenn er in seinem Beruf überleben will. „Ohne Fernsehen geht nichts“, sagt er, obwohl er an sich wenig Freude am Fernsehen hat. Zu sehr werde man als Regisseur und Autor da eingeschränkt. Bei Privatsendern müsse man sich nach den Werbepausen orientieren, da dürfe nicht jede Szene zu jeder Zeit stattfinden. Auch bei den Öffentlich-Rechtlichen werde das Programm immer weichgespülter, sagt er und nimmt als Beispiel die Reihe „Tatort“. Das seien einst richtige Krimis gewesen. Jetzt würden es immer mehr Sozialdramen.

Bei aller Kritik: Kienle hätte kein Problem, einen Liebesfilm für Sat.1 zu drehen. Da denkt er professionell: „Da hab ich ein Genre vorgegeben und muss sauberes Handwerk liefern.“ Das habe auch seinen Reiz, sei gar nicht so einfach. Und eben: Fernsehen bringt Geld, Kino eher nicht.

Von unserem Redaktionsmitglied Ralph Heringlehner
    
    

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