aktualisiert: 26.08.2009 15:04 Uhr
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BAYREUTH
Der letzte Patriarch des Grünen Hügels
57 Jahre lang war er der Chef der Bayreuther Festspiele – Wolfgang Wagner feiert seinen 90. Geburtstag
(ddp/dpa/sr) Der letzte Vorhang für Wolfgang Wagner als Festspielleiter von Bayreuth fiel vor genau einem Jahr: Am 28. August 2008 verabschiedete sich der greise Patriarch nach 57 Jahren als Chef der renommiertesten Opernfestspiele der Welt – damit ging eine Ära zu Ende in der 132-jährigen Geschichte der von seinem Großvater Richard Wagner gegründeten Festspiele. An diesem Samstag, 30. August, feiert Wolfgang Wagner seinen 90. Geburtstag ohne öffentliche Zeremonien.
Der Streit um seine Nachfolge hatte das Renommee des Patriarchen vom Grünen Hügel etwas beschädigt, bis er schließlich im April 2008 seinen Rücktritt zugunsten seiner Töchter Eva und Katharina ankündigte. Seitdem zog Wolfgang Wagner sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Es gehe ihm dem Alter entsprechend, sagt Tochter Katharina.
Wolfgang Wagner wurde als drittes Kind von Richard Wagners einzigem Sohn Siegfried und dessen aus England stammender Frau Winifred am 30. August 1919 in Bayreuth geboren. Nach seiner musikalischen Ausbildung begann er an der Preußischen Staatsoper Berlin den Dienst als Regieassistent und Hilfsinspizient.
Die Freundschaft zu Hitler
Als Regisseur debütierte er dort mit der Oper „Andreasnacht“ seines Vaters Siegfried. Der erlitt im Juli 1930 während der Generalprobe der „Götterdämmerung“ einen Herzinfarkt und starb wenige Tage später. Winifred übernahm die Festspielleitung und freundete sich eng mit Hitler an. „Wir waren fast wie eine Ersatzfamilie für ihn“, erinnerte sich Wolfgang Wagner in der „Süddeutschen Zeitung“. So habe auch er Hitler gut kennengelernt. Der sei aber mehr an seinem Bruder Wieland interessiert gewesen. „Allerdings hat er mich auch einmal besucht: 1939, als ich mit einer Kriegsverletzung in der Berliner Charité lag.“ Durch ihre Nähe zu den Nationalsozialisten war Winifred Wagner nach dem Krieg als Chefin der Festspiele nicht mehr tragbar, das ungleiche Brüderpaar Wieland und Wolfgang übernahm 1951 gemeinsam die Leitung.
Sie schienen sich perfekt zu ergänzen: Wieland als genialer Regisseur, Wolfgang als geschickter Organisator. Als Bayreuther Regisseur debütierte Wolfgang 1953 mit „Lohengrin“. Beruflich verstanden sich die beiden gut, doch ihre Familien waren heillos zerstritten. Das ging angeblich sogar so weit, dass Wolfgangs und Wielands Kinder nicht miteinander spielen durften.
Nach Wielands frühem Tod im Alter von 49 übernahm 1966 der Jüngere die alleinige Verantwortung für die Festspiele, die alljährlich fast 60 000 Besucher anziehen und sich einer weltweiten Nachfrage erfreuen. Wolfgang Wagner gelang es, die besondere Atmosphäre auf dem Grünen Hügel zu erhalten. Bis heute versammeln sich im Sommer renommierte Sänger und Musiker aus aller Welt, um in Bayreuth – zu deutlich niedrigeren Gagen als anderswo üblich – aufzutreten. Unter Wolfgang Wagner entstanden mehr als 1700 Aufführungen im Festspielhaus. Daneben schuf er zwölf eigene Inszenierungen. Während er für seine eigenen, oft konventionellen Arbeiten auch Kritik ertragen musste, bewies Wagner als Intendant immer wieder Mut zu Neuerungen.
Er verpflichtete bedeutende Dirigenten wie Daniel Barenboim, James Levine, Pierre Boulez und Christian Thielemann und holte provokante Regisseure wie Götz Friedrich, Heiner Müller, Christoph Schlingensief und Patrice Chereau, der den legendären „Jahrhundert-Ring“ inszenierte, auf den Grünen Hügel. Seit den 90er Jahren schwelte der Zwist um die Nachfolge für den auf Lebenszeit berufenen Festspielchef Wolfgang Wagner. Mit Charme, List und einem gehörigen Maß Sturheit widerstand er jahrelang allen Versuchen, ihn aus dem Amt zu drängen.
Die Situation war festgefahren, als ein Drama von Richard Wagnerscher Dimension die Lösung brachte: Völlig überraschend starb Wolfgang Wagners zweite Ehefrau Gudrun, 25 Jahre jünger als er und heimliche Herrscherin auf dem Hügel, im November 2007. Für Wagner ein schwerer Schlag, der aber die Tür öffnete für die verstoßene Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier. Es kam zur Einigung auf die schwesterliche Doppelspitze – Wolfgang Wagner konnte in Frieden seinen Abschied nehmen.
Das endlose Nachfolgeverfahren brachte dem Bayreuther Gralshüter viel Kritik ein. Doch selbst Bayreuth-Kritiker Christoph Schlingensief, der 2004 den „Parsifal“ inszenieren durfte, gab sich nach dem Abgang milde: „Ich werde Wolfgang Wagner als liebenswerten Patriarchen in Erinnerung behalten, erstaunlich besessen, erstaunlich tolerant“, sagte er dem „Tagesspiegel“. Er sei ein fürsorglicher und guter Hausvater gewesen.
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