aktualisiert: 20.06.2011 18:53 Uhr
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BAD KISSINGEN
Ein wenig zu viel Wagner'sches Idyll
Das Eröffnungskonzert des Kissinger Sommers mit Leif Ove Andsnes und den Budapestern
Eigentlich stimmte alles, und doch wollte die Musik eine ganze Weile nicht so recht zum Leben erwachen. Vielleicht, weil in Mozarts c-Moll-Klavierkonzert KV 491 noch zu viel Idyllisches aus Wagners zuvor gespieltem „Siegfried Idyll“ nachwirkte. Das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer spielte beim Eröffnungskonzert des Kissinger Sommers durchaus engagiert und schmissig. Aber bei Mozart fehlten einfach die Konturen, die Überraschungen, die Brüche.
Der leichte, helle und homogene Klang der Budapester passte gut zu Wagners lichtdurchfluteter Hymne an das Leben und die Zukunft (nur ganz zum Schluss infrage gestellt mit einer winzigen Dissonanz), aber in Mozarts eher dunkler und zerklüfteter c-Moll-Welt wirkte das zu harmlos. Dabei sorgte die ungewöhnliche Orchesteraufstellung mit den Holzbläsern inmitten der Streicher, ganz nah am Flügel, für außergewöhnlich präzises Zusammenspiel. Immer wieder erfreuten Flöte und Oboe mit wunderschönen Einwürfen. Der enge Kontakt zum Solisten ermöglichte nahezu kammermusikalische Intimität, die immer wieder anklingende Don-Giovanni-Abgründigkeit aber blieb bloße Ahnung.
Daran änderte auch Leif Ove Andsnes' perlendes und pointiertes Spiel nicht viel – es blieb der Eindruck einer hervorragend musizierten aber nicht allzu tief empfundenen Interpretation. Ein Eindruck, den die eher dekorative Zugabe – eine Grande Valse von Chopin – bei aller Brillanz bestätigte. Doch in Tschaikowskys Fünfter hob sich plötzlich der Schleier, der bis dahin über dem Konzert gelegen hatte. Im Kopfsatz schien sich das Orchester allmählich freizuspielen, und ab der kurzen Streichereinleitung vor dem herrlichen – und überaus sensibel gespielten – Hornsolo im Andante war dann plötzlich alles nur noch Gegenwart und unmittelbare Emotion.
Man kann diese Sinfonie als formales Chaos voll thematischer Sackgassen sehen, aus denen Tschaikowsky sich immer wieder mit überraschenden Kunstgriffen befreit, oder aber als gigantischen inneren Monolog voll Zweifel, Zaudern und Hoffnung. Fischer legt sich da nicht fest, er lässt das Werk sich entfalten, indem er seine Musiker sich entfalten lässt. Das Resultat ist makelloses Zusammenspiel, seelenvolle Bläsersoli, griffige Streicher und ein Gesamtklang, der sich zwar selten den Grenzen des Wohlklangs auch nur nähert, der bei aller Gepflegtheit aber voll Ausdruckskraft und Tiefe ist.
Danach wäre eigentlich alles gesagt gewesen, aber das Orchester bedankte sich für den begeisterten Beifall mit zwei Zugaben: dem Intermezzo aus „Cavalleria rusticana“ von Mascagni und (mal wieder) einem Slawischen Tanz von Dvorak – hinreißend gespielt und doch im Grunde überflüssig.
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Die neuesten Kommentare
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schmittaura (3 Kommentare) am 21.06.2011 15:55
Überflüssig?Mag sein, dass der geneigte Konzertkritiker ob des Zuhörstresses, der ihn in den nächsten Wochen erwartet die drei gespielten Zugaben als zusätzliche Belastung empfand. Wir fühlen aufrichtig mit ihm. Als zahlendes Publikum, das sich in diesem Jahr drei Konzerte gönnt haben wir jede zusätzliche Minute dankbar genossen. Liebes Orchester, lieber Solist und lieber Dirigent! Hört nicht auf ihn. |
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