aktualisiert: 14.11.2008 13:10 Uhr
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Exklusiv-Interview: Farin Urlaub und die Wahrheit übers Lügen
Farin Urlaub, Kopf der Punkrockband Die Ärzte, ist mit seinem Farin Urlaub Racing Team auch solo unterwegs. Das neue Album, „Die Wahrheit übers Lügen“, ist soeben auf Platz zwei der Hitparade eingestiegen. Am 29. November machen Urlaub und sein Team wieder mal in Würzburg Station. Ein Gespräch über Lügen, die Wahrheit und die Wahrheit übers Lügen. Mit vielen Bildern!
Frage: Für einen Rockstar bist Du ein ziemlicher Saubermann: kein Alkohol, keine Kippen, keine Drogen. Trotzdem berühmt. Wie hast Du das geschafft?
Urlaub: Weiß ich selbst nicht. Das war ja kein Plan, berühmt zu werden. Das ist eher aus Versehen passiert.
Wenn man „Die beste Band der Welt“ hat, wieso geht man dann auf Solotour?Urlaub: Wenn man einen Fünf-Sterne-Koch zu Hause hat, isst man dann nur noch da? Nö. Ich spiel' halt gern Musik, und mein Musikgeschmack ist noch weitgefächerter, als wir das bei den Ärzten austoben können. Deswegen habe ich eben noch eine Soloband, und vielleicht werde ich demnächst noch ein drittes Projekt endlich anfangen, je nachdem, wie die Zeit aussieht. Das ist aber noch nicht spruchreif. Jetzt freu' ich mich erstmal auf die Tour mit den Mädels . . . und den Jungs.
„Die Wahrheit übers Lügen“ heißt das neue Album. Auf Deiner Website steht dazu: „Farin Urlaub lügt.“ Wann und worüber hat er zuletzt gelogen?Urlaub: In Wirklichkeit lüge ich nicht, glücklicherweise.
Ist klar. Wo kommen nach so vielen Platten die Inspirationen für Songs her?Urlaub: Ich hab' halt ein schönes Leben, und wenn viel passiert, wenn man viel Input hat, kann man auch viel raustun. Vielleicht liegt's daran. Oder ich klau' gut.
Aha! Und von wem?Urlaub: Das verrate ich doch nicht, na hör mal! Kein Dieb verrät seine Quellen.
In den Songs beziehst Du auch häufig Position zu gesellschaftlichen Themen, aber selten in der Öffentlichkeit. Wieso?Urlaub: Ich find' das ermüdend. Ich bin ja selber Fan von vielen Bands, und ich finde es anstrengend, wenn jemand, dessen Musik ich gut finde, sich hinstellt und sagt: So, jetzt erklär' ich Euch mal was über die Welt. Ich finde es eigentlich viel besser, wenn man Denkanstöße bekommt und sich selbst 'ne Meinung bildet.
Du bist schon sehr lange im Geschäft. Was für eine Entwicklung hat Deine Musik in den Jahren durchgemacht?Urlaub: Ich mache mir keine Gedanken über die Musik, ich mache sie einfach so, wie sie mir einfällt. Mich beschäftigen jetzt natürlich andere Dinge als früher. Mit 18 hat mich vor allem beschäftigt: Mit wem kann ich Sex haben? Mittlerweile habe ich andere Ziele, andere Interessen. Ich schreibe Stücke, die für mich eine Relevanz haben. Manchmal kann das nur eine musikalische Relevanz sein, manchmal nur eine textliche, im günstigsten Fall beides.
Deine Texte sind immer noch provokant. Ist es heute schwerer, die Leute zu provozieren, als früher?Urlaub: Früher wollten wir tatsächlich unbedingt provozieren, weil das unser Selbstverständnis als junge Punks war. Mittlerweile habe ich ein anderes Selbstverständnis. Wenn jemand sich provoziert fühlt, dann finde ich das zwar interessant, aber das ist nicht unbedingt die Intention. Die Intention ist vielmehr: Ich mache ein Lied über was, das mich interessiert. Über ein absurdes Thema.
Was ist Dein größter künstlerischer Anspruch?Urlaub: Ich weiß, was Musik in mir auslöst. Das geht von Glücksgefühlen, Euphorie bis hin zu Aggression, Kraft und totaler Entspannung. Ich wäre froh, wenn ich das mit meiner Musik auch erreichen könnte. Es gibt ja nicht nur ein Gefühl, das man aus Musik schöpft. Wenn Du verreist bist, hörst Du vielleicht eher chillige Musik, weil es zu Deinem momentanen Gefühl passt, und bevor Du ausgehst und Dich anziehst – falls Du so was machst, vielleicht gehst Du ja nackt aus –, hörst Du eine ganz andere Musik. Ich versuche also, für meine eigenen unterschiedlichen Stimmungen Songs zu schreiben.
Ist ja schön, wenn's nicht nur um Kommerz geht, sondern noch Seele drinsteckt in den Songs.Urlaub: Seele ist gut, ja. Wieso soll's mir noch um Kommerz gehen? Ich hab' doch genug Geld.
Und was machst Du damit?Urlaub: Ausgeben.
Wofür?Urlaub: Für Reisen zum Beispiel.
Was hat's denn noch für Vorteile, berühmt zu sein, außer dem ganzen Geld?Urlaub: Ich bin ja gar nicht so berühmt. Das ist viel harmloser, als man sich das vorstellt. Ein Vorteil ist wahrscheinlich, dass es Leute gibt, die zu den Konzerten kommen und die Alben hören. Das ist doch schön.
Machst Du noch Musik, wenn Du ein Rock-Opi bist wie Mick Jagger?Urlaub: Na bin ich ja fast schon. Es gibt zwar eine Schallgrenze, aber je älter man wird, desto mehr verschiebt man die und deswegen drücke ich mich davor, das jetzt festzulegen. Also bis nächsten November vielleicht noch.
Gibt's noch 'ne neue Ärzte-CD?Urlaub: Weiß ich nicht. Das entscheiden wir, wenn wir uns hinsetzen, um darüber zu reden. Aber ich werde erstmal ein bisschen verreisen. Die letzten zwei Jahre habe ich fast durchgehend gearbeitet, wenn man das überhaupt so nennen kann, und die nächsten zwei Jahre sollen anders aussehen.
Apropos Urlaub: Du hast doch einen grundsoliden Namen – warum hast Du den nicht behalten?Urlaub: Als Die Ärzte brauchten wir Künstlernamen. Weil Sid Vicious damals ja auch Sid Vicious hieß, und Johnny Rotten wurde auch Johnny Rotten genannt.
Und dann musste Farin Urlaub das genauso machen?Urlaub: Damals schon. Wir dachten, das gehört sich so als Punks. Heute würde ich es auch anders sehen und mir einen völlig anderen Künstlernamen geben.
Nämlich?Urlaub: Eher was ganz Normales, einen Namen aus dem Telefonbuch vielleicht. Bernd Strupinzky oder so was.
Du trittst nicht zum ersten Mal in Würzburg auf – wie gefällt's Dir dort?Urlaub: Ist die schönste Stadt der Welt.
Das wollte ich hören.Urlaub: Wie jede einzelne Stadt, in die ich komme.
Wie diplomatisch.Urlaub: Oder? Da wären wir wieder bei der Wahrheit übers Lügen.
Allerdings. Also: Wann hast Du das letzte Mal gelogen?Urlaub: Eben gerade.
Farin Urlaub in Würzburg Farin Urlaub, geboren am 27. Oktober 1963 in Berlin, heißt mit richtigem Namen Jan Ulrich Max Vetter. Bekannt wurde er als Gründungsmitglied der Punkrockband Die Ärzte. Mit dem Farin Urlaub Racing Team gastiert er am 29. November ab 20 Uhr in der s.Oliver Arena in Würzburg. Karten gibt's unter Tel. (0 18 01) 05 20 52 und Tel. (0 18 05) 60 70 70, Internet: www.argo-konzerte.de www.eventim.de>
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