publiziert: 28.11.2008 13:10 Uhr
aktualisiert: 28.11.2008 14:59 Uhr
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Exklusiv-Interview: Was Heimat für Ottfried Fischer ist

Der Kabarettist und Schauspieler über seine Rückkehr auf die Bühne und Abneigung gegen Aktien
  • „Wenn Du mal Kabarett gemacht hast, dann hörst Du nie auf damit“: Ottfried Fischer.
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Die Garderobe im Bockshorn, gleich neben der Bühne. Ottfried Fischer nascht ein paar Süßigkeiten und bereitet sich auf seinen Auftritt im Würzburger Kabarettkeller vor, wo er gut drei Stunden später mit stehenden Ovationen bedacht werden wird. Er kommt gerade aus Hamburg und wirkt – tja, wie eigentlich? Müde? Angeschlagen? Oder doch nur ernst und konzentriert? Man hat es einfach im Hinterkopf: Im Februar hat Fischer, der wegen seines oft maskenhaften Mienenspiels und seiner roboterhaften Bewegungen häufig parodiert wurde, erklärt, an Parkinson erkrankt zu sein, jener unheilbaren Krankheit, die Nervenzellen im Gehirn frühzeitig absterben lässt und unter anderem zu Muskelstarre, Zittern und verlangsamten Bewegungen führt. Darüber will Ottfried Fischer nicht sprechen. Keine Fragen zur Krankheit, keine zum Privatleben – Voraussetzungen für das Gespräch. Fischer spricht lieber über seine Rückkehr auf die Bühne und was Heimat für ihn bedeutet.

Frage: „Wo meine Sonne scheint“ ist Ihr erstes Kabarettprogramm seit zwölf Jahren. Was zieht Sie zurück auf die Brettl-Bühne?

Ottfried Fischer: Die Idee, laut nachdenken zu dürfen, steckt schon dahinter. Das ist das, was den Kabarettisten ausmacht, dass er Themen erkennt, die unter den Nägeln brennen, dass er was dazu sagen will, realitätsbegleitend kabarettistisch tätig werden will. Ich habe das immer vorgehabt, bin aber nicht dazugekommen, weil ich so viele andere Termine hatte. Dieses Jahr habe ich mir mit Gewalt freigeschaufelt. Ich habe nur drei Filme gemacht, früher waren es mindestens zehn, meist zwölf. Es musste jetzt sein, sonst bin ich ein Greis und habe keins mehr gemacht.

Den Kontakt zur Szene haben Sie durch „Ottis Schlachthof“ nie verloren . . .

Fischer: Der Schlachthof war immer mein Anker. Das ist Familientreffen. Aber es ist ja auch so: Wenn Du mal Kabarett gemacht hast, also nicht, wenn man als Schauspieler ein bisschen Kabarett spielt, sondern wenn Du Kabarett selbst schreibst, selbst entwickelst, dann hörst Du nie auf damit. Ich habe auch beim „Bullen von Tölz“ in den Dialogen immer viel verändert. All die Anspielungen auf Bayern, auf die Einheitspartei, auf die Caritas sind von mir. Das war die kabarettistische Fingerübung, die ich mir bewahrt habe.

Sie sind – laut einer Umfrage – Deutschlands beliebtester Schauspieler . . .

Fischer: Das stand in einer Zeitung, der man nicht alles glauben darf.

Bedeutet es Ihnen gar nichts?

Fischer: Natürlich ist es eine Anerkennung und ein großes Kompliment, wenn einen das Publikum gerne anschaut, aber ob diese Popularität immer so ganz toll ist, sei dahingestellt. Man ist im Leben dann doch ein bisschen eingeschränkt. Man steht sehr unter Beobachtung.

Was Sie auch schon leidvoll erfahren haben . . .

Fischer: Ja . . . (lächelt dabei).

Sie haben mal gesagt, Sie seien gar kein Schauspieler.

Fischer: Das sagen viele über mich. Weil ich mich im Wesentlichen ja selber spiele. Ich kokettiere damit ja auch immer. Natürlich halte ich mich für einen Schauspieler, aber ich gebe auch gerne zu, keiner zu sein.

Sie sind auch Werbefigur einer großen Möbelhauskette. Als Kabarettist sind Sie Freund kritischer Töne. Sehen Sie kein Glaubwürdigkeitsproblem, dass man Ihre Kritik dann nicht für voll nimmt?

Fischer: Das Problem gäbe es nur, wenn man grundsätzlich Reklame ablehnen würde – aber das hat nicht mal die sowjetische Enzyklopädie getan. Werbung ist natürlich auch eine Information, zwar eine beschönigende, eine überhöhte teilweise, aber es ist eine Information. Und wir haben ja auch versucht, eine Werbung zu machen, die ein bisschen origineller ist als manch andere.

Hat sich Satire verändert in den letzten zehn, 15 Jahren?

Fischer: Nein. Ich stelle nur fest, dass ich heute mehr überblicke, wo Satire ansetzen muss, und dass ich auch mehr auf eine Pointe vertraue, ohne sie je ausprobiert zu haben. Und ein gewisses Zutrauen in meine eigenen Fähigkeiten habe ich schon, das ist nicht frei von Zweifeln, aber die Zweifel quälen mich nicht so, als dass ich drunter leiden würde.

Ihr Bühnenprogramm kreist um Heimat. Warum ist das ein so wichtiges Thema für Sie?

Fischer: Wer in unserer Szene das Wort Heimat hört, dem sträuben sich sofort die Nackenhaare und er denkt an Karl Moik. Aber das alleine ist es nicht. Heimat ist auch das sinnstiftende Element im Leben eines Menschen, die ihm weltanschauliche, sittliche, kulturelle Werte gibt, die ihn befähigt, auch Weltbürger zu sein. Der Mensch muss wissen, wo er hinwill und wo er herkommt.

Heimat ist also mehr als ein Ort?

Fischer: Der geografische Begriff Heimat ist ein ganz wichtiger. Der Bereich, den der Mensch mit Keule und Körbchen als Urmensch bewanderte, das war seine Heimat, soweit er eben kam beim Jagen und Sammeln. Heimat kann ein Stück Land sein, Heimat kann aber auch ein Gefühl sein. Das muss jeder für sich entscheiden. Man sollte ein gewisses Recht auf Heimat haben, und man ist in der Heimat auch verantwortlich dafür, dass sie sich gut benimmt.

Dass man sich in der Heimat gut benimmt.

Fischer: Dass die Heimat sich gut benimmt. Der Staat ist auch ein Teil der Heimat. Im Zeitalter der Globalisierung ist Heimat wirklich ein Thema. Wenn heute plötzlich kleine, mittelständische Betriebe, die früher im Bayerischen Wald Einfamilienhäuser eingezäunt haben, expandieren bis nach Kalabrien und dort eine Solaranlage einzäunen müssen – ich habe das bei dem Betrieb meines Bruders erlebt –, dann finden enorme Wandlungen statt. Leute, die früher nicht in die Kreisstadt gekommen sind, weil die Stadt 30 Kilometer weit weg war, die müssen heute nach Malaga und dort einen Zaun bauen. Das kann ein Kulturschock sein.

Sie sind auf einem Einödhof aufgewachsen . . .

Fischer: . . . ich nenne Ihnen ein anderes Beispiel: Ich habe nie in meinem Leben eine Aktie besessen, weil ich sie als Bauernbub nie wieder hätte verkaufen können. Weil: Wenn Du als Bauer was hast, des gibst nimmer her. Wenn die Aktie auf dem Höhepunkt ist, müsste ich sie verkaufen, das würde ich nicht bringen. Das ist, wie wenn man ein Stück Wald verkauft – das macht man nicht.

Wie sieht man aus dieser Warte dann die Finanzkrise?

Fischer: Ich bin in der Finanzwirtschaft nicht sonderlich bewandert. Ich weiß, dass es auf Festgeld, wenn man Glück hat, fünf Prozent gibt, und dass Immobilien, wenn sie gut stehen, immer was abwerfen. Aber wirtschaftliche Zusammenhänge sind ja oft für alle möglichen anderen Repressalien zuständig. Ich sehe die Gefahr, dass dadurch bei den Menschen die Not steigt. Neulich habe ich eine Meldung gehört, dass die Postbank furchtbare Verluste zu verkraften hat. Sie macht nur noch 17 Prozent Gewinn.

Zur Person

Ottfried Fischer Der Schauspieler und Kabarettist, geboren 1953, ist auf dem Bauernhof Ornatsöd bei Untergriesbach, Bayerischer Wald, aufgewachsen. Nach dem Willen seines Vaters sollte er Rechtsanwalt werden, er brach das Jura-Studium ab und gründete mit Freunden 1980 das Münchner Hinterhoftheater, wo er als Kabarettist und Schauspieler auftrat. Fischer spielte in zahlreichen Filmen und Fernsehserien (u. a. „Irgendwo und Sowieso“, „Zur Freiheit“, „Go Trabi Go“). 1995 war er erstmals „Der Bulle von Tölz“ – die Rolle in der Sat.1-Serie wurde seine populärste. Seit 2003 ist er auch „Pfarrer Braun“ in der gleichnamigen ARD-Reihe. Fischer moderierte über 100 Sendungen von „Ottis Schlachthof“ im Bayerischen Fernsehen.

Das Gespräch führte Thomas Brandstetter
    
    

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