aktualisiert: 16.06.2009 14:36 Uhr
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Exklusiv-Interview mit Janine Jansen: Die Geständnisse einer schönen Geigerin
Janine Jansen über Image und ihre Drei-Millionen-Stradivari – Am 28. Juni Konzert in Bad Kissingen
Ärmellose Kleider liebt Janine Jansen besonders – und das nicht, weil die holländische Geigerin darin eine äußerst attraktive Figur macht: „Das Wichtigste ist, dass ich komfortabel spielen und meine Arme frei bewegen kann“, gesteht die 31-Jährige lachend. Während in Fragen der Konzertrobe nicht selten ihre Mutter noch das letzte Wort hat, präsentiert sich Jansen auf der Bühne als ebenso selbstbewusste wie profilierte Geigerin mit bravouröser Technik und heißblütigem Temperament. Dass angesichts ihrer Attraktivität manch Besucher auch bei ihrem Konzert im Rahmen des Kissinger Sommers am 28. Juni mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Vladimir Fedosejew mindestens ebenso mit den Augen wie den Ohren hören wird, irritiert sie keineswegs: „Schöner lässt sich Musik doch nicht erfahren“, schmunzelt sie.
Frage: In Deutschland wird gern die Krise der Klassik beschworen und über die Überalterung des Konzertpublikums gejammert – erleben Sie das auch so?Janine Jansen: Ich sehe das nicht ganz so negativ. In Holland erlebe ich viele junge Menschen, die mich im Fernsehen gesehen haben und deshalb dann in eines meiner Konzerte kommen, um auch das einmal auszuprobieren – und das finde ich schön, wenn ich so jungen Menschen einen Weg zur Klassik öffnen kann. Denn das Hauptproblem ist doch, dass Klassik als etwas sehr Elitäres und Ernstes gilt mit zahlreichen Benimm-Regeln – aber erst wenn die Menschen die Chance bekommen, einmal ein Konzert selbst zu erleben, können sie doch wirklich sagen, ob es so unangenehm ist, wie sie dachten, oder ob sie vielleicht ganz positiv überrascht sind.
Sie treten sowohl als Kammermusikerin auf wie auch als Solistin mit Orchester – schätzen Sie mehr das intime Duo oder das große Konzert wie in Kissingen?Jansen: Ich liebe beides! Zwar habe ich im letzten Jahr etwas häufiger mit Orchester gespielt, aber im Grunde sind Auftritte mit Orchester ja Kammermusik in größerer Form: Denn natürlich bemühe ich mich um die gleiche Art der Kommunikation, nur eben mit mehr Menschen. Ich liebe die Unmittelbarkeit und Intimität von Kammermusik wie die wunderbare Vielfalt des Repertoires – aus dem stammt auch eines meiner absoluten Lieblingsstücke: Schönbergs „Verklärte Nacht“.
Sie spielen eine Stradivari – empfinden Sie es als Belastung, Abend für Abend drei Millionen Euro in der Hand zu halten?Jansen: Anfangs hatte ich schon ziemliche Angst und war ständig besorgt, doch zum Glück verliert sich dieses Gefühl mit der Zeit. Und inzwischen verbinde ich mit diesem Instrument, seinem reichen Klang und ungemein flexiblen Ton einen mindestens ebensolchen emotionalen Wert: Ein Leben ohne diese Geige ist für mich unvorstellbar – doch das hat rein gar nichts mit ihrem finanziellen Wert zu tun.
Nun spielen neben dem Können und einem besonders guten Instrument heutzutage für eine Karriere noch ganz andere Faktoren eine große Rolle.Jansen: In der Tat gibt es da viele Faktoren wie etwa die unbedingte Liebe zur Musik oder auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, um Abend für Abend vor ein Publikum treten zu können. Vor allem aber – und da habe ich viel Glück gehabt – braucht es jemanden, der einen unterstützt und beim Start der Karriere hilft. In meinem Fall war das ein Auftritt mit Vladimir Ashkenazy und dem London Philharmonia Orchestra vor sechs Jahren: Anschließend hat er mich immer wieder eingeladen und mir so geholfen durchzustarten – gerade in den USA, wo man mich bis dahin gar nicht kannte. Doch er hat allen erzählt, sie müssten mich einladen, und weil er so anerkannt ist, haben ihm die Menschen vertraut.
Und Sie haben sogar einen der heute rar gewordenen Verträge bei einem großen Plattenlabel bekommen. Nun verpassen Plattenfirmen jungen Geigerinnen aus Werbegründen gern ein bestimmtes Image – wie sieht denn das Ihre aus?Jansen (lacht): Ich kann mit dem Begriff Image wenig anfangen, ja, für mich klingt es auf eine bestimmte Weise negativ, denn Image ist etwas, das einem übergestülpt wird. Ein solches Image möchte ich aber gar nicht haben – ich bin ich! Natürlich ist etwa das Cover-Foto meiner letzten CD ein inszeniertes Foto und verkörpert damit auch ein Image – aber das ist doch nur für das Foto! Nein, über ein Image für mich denke ich gar nicht nach – und ich möchte auch nicht, dass meine Plattenfirma darüber für mich nachdenkt.
Fürchten Sie als sehr hübsche Geigerin gelegentlich, dass Ihre Musik mehr mit den Augen als den Ohren „gehört“ wird?Jansen: Nein. Natürlich hören auch die Besucher in meinen Konzerten mit den Ohren – zudem ist da aber bei einem Live-Auftritt eben auch ein ganz besonderes Kribbeln durch das gemeinsame Konzerterlebnis, und daher nimmt man natürlich auch mit den Augen viel auf. Doch genau diese Kombination macht für mich Live-Musik zur bestmöglichen Erfahrung, Musik zu erleben – und insofern ist es nichts Schlechtes, Musik mit den Augen zu hören.
Eine Rolle spielen die Augen zweifellos auch bei den Covern und Booklets von CDs. Nun sagen Sie selbst, das seien inszenierte Fotos und sie sollten keineswegs ein Image verkörpern . . .Jansen: . . . mein Image ist, dass die Menschen mich so sehen wie ich bin . . .
. . . und wie sind Sie?Jansen: Das ist sehr schwierig (lacht). Musikalisch sind für mich Emotionen unglaublich wichtig, und diese Gefühle möchte ich auch immer in einer spontanen und unmittelbaren Art ausdrücken.
Es gibt Klassik-Künstler, die hassen Fotoaufnahmen für ihre CD-Cover – wie ist das bei Ihnen?Jansen: Ich habe es sehr genossen – aber es ist schon sehr lustig, dass immer so viel über diese Fotos gesprochen wird, denn in einem Zeitraum von zwei Jahren war dies gerade mal ein einziger Tag, den ich damit verbracht habe.
Lässt sich über aufwändige Fotoproduktion die Klassik besser verkaufen?Jansen: Wenn ich ins Geschäft gehe, spielen die Bilder der Interpreten für meine Kaufentscheidung jedenfalls keine Rolle (lacht). Andererseits möchte ich bei einer Aufnahme, in die ich sehr viel Zeit investiert habe, nicht nur, dass sie fantastisch klingt, sondern dass das komplette Produkt hübsch aussieht. Aber ob das nun einen Unterschied macht? Zumindest bei Liebhabern klassischer Musik spielte es bestimmt keine Rolle.
Gilt also in der Klassik nicht der Marketing-Satz „Sex sells“?Jansen: Ich zumindest würde nicht wollen, dass meine Alben danach aussehen: Das bin ich nicht, für mich muss klar sein, worum es geht, und das ist nun mal die Musik. Aber in anderen Fällen mag es helfen, auch, um vielleicht ein jüngeres Publikum zu gewinnen und damit die Klassik das Image verliert, ernst, verstaubt und steif zu sein.
Im Blickpunkt
Janine Jansen in Bad Kissingen Die holländische Geigerin tritt am 28. Juni im Regentenbau auf, Beginn 19 Uhr. Karten und andere Infos zum Kissinger Sommer unter Tel. (09 71) 807-1110.
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