publiziert: 19.06.2009 11:00 Uhr
aktualisiert: 19.06.2009 18:02 Uhr
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Exklusiv-Interview mit Kari Kahl-Wolfsjäger: Die Weltklasse der Klassik in Kissingen

Kari Kahl-WolfsjägerDie Intendantin des Kissinger Sommers über ihr Festival und das Mozartfest.

  • Bekannt auch für teils extravagante Hüte: Kari Kahl-Wolfsjäger, Intendantin des Kissinger Sommers.
    FOTO Ursula Lippold
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Die gebürtige Norwegerin arbeitete nach dem Studium (Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte, Englische Literatur, Promotion zum Dr. phil.) zunächst als Journalistin bei der Zeitschrift „Capital“. Mittlerweile ist Kari Kahl-Wolfsjäger vorwiegend als Musikmanagerin unterwegs. Sie ist die Frau, die die Weltklasse der Klassik nach Bad Kissingen holt.

Frage: Überrascht es Sie, dass der Kissinger Sommer auch nach 24 Jahren noch funktioniert?

Kari Kahl-Wolfsjäger: Eigentlich nicht. Wir hatten's zwar am Anfang schwer. Aber nach dem dritten Jahr hatte ich das Gefühl: Jetzt geht's. Ich denke, dass der andauernde Erfolg des Festivals erstens an Kissingen selbst liegt, dieser wunderbaren, beschaulichen Kurstadt. In England, wo ich einen Teil meiner Kindheit und Jugend verbrachte, gibt es vereinzelt noch ähnliche Kleinstädte. Es ist ein Stück alte Welt, wo man manchmal das Gefühl hat, die Zeit sei stehengeblieben. Als Kissinger merkt man das sicher nicht. Aber viele kommen von auswärts – aus London, Paris, München oder Hamburg. Sie merken das natürlich, ebenso wie ich, die ich in Berlin wohne. Dann haben wir fünf herrliche historische Säle, gebaut von den Wittelsbacher Königen. Und ich denke, auch unser Programm ist gut. Das sei wie Kraut und Rüben, hat zwar neulich in einem Interview der Würzburger Kirchenmusiker gesagt . . .

. . . Christian Kabitz, Leiter des Mozartfestes und Kirchenmusikdirektor an St. Johannis . . .

Kahl-Wolfsjäger: . . . aber ich sehe das anders. Ich kann nur annehmen, dass ein Kirchenmusiker nicht so detailliert weiß, was international läuft. Denn wenn Sie unser Programm durchblättern, wenn Sie sich die vielen Konzerte anschauen, die nur in Kissingen laufen . . .

. . . 40 Prozent der 54 Konzerte dieses Jahres seien Kissingen-exklusiv, heißt es.

Kahl-Wolfsjäger: Vielleicht ist's sogar die Hälfte. Es gibt eine Reihe von Konzerten, die eigens für den Kissinger Sommer gestaltet wurden. Cecilia Bartoli hat zum Beispiel ihr Programm speziell für unseren Italien-Schwerpunkt entworfen. Clever wie sie ist, hat sie's dann natürlich auch woanders angeboten, aber das ist in Ordnung. Häufig muss ich die Stars bitten, sich nach unserer Programmdramaturgie zu richten. Sonst wird es beliebig. Viele der Künstler haben zudem in dieser Konstellation noch nie zusammengespielt. Manche lernen sich erst durch den Kissinger Sommer kennen. Acht Komponisten haben in diesem Jahr Lieder nach Texten Eduard Mörikes geschrieben, die beim Kissinger Sommer uraufgeführt werden, darunter Reimann, Rihm, Ruzicka, Killmayer.

Um den Kissinger Sommer attraktiv zu halten, brauchen Sie Stars wie die Bartoli. Kabitz hat Ihnen den „Aufmarsch der sogenannten Stars“ nahezu vorgeworfen . . .

Kahl-Wolfsjäger: Wir brauchen die Stars. Ich bin nicht blauäugig. Weder Kissingen als Stadt noch das Ambiente oder die Säle noch mein gutes Programm reichen, wenn ich nicht die Stars hätte. Ich sehe den Kissinger Sommer wie meine Halskette hier (lässt die Kette durch die Finger gleiten): Das sind Rubine, und das sind graue Perlen. Viele kleine, schöne, glänzende Steine und dazwischen immer wieder eine ganz besonders schöne, große Perle. Kissingen hat sein Festival aber auch gehegt und gepflegt. Würzburg dagegen hat viel zu wenig Respekt vor seinem Mozartfest, hat eines der ältesten Musikfestivals in Deutschland sträflich vernachlässigt. Das habe ich schon dem ehemaligen Oberbürgermeister Jürgen Weber gesagt. Ich mag Würzburg – nicht nur, weil meine Patentochter dort wohnt. Ich denke, wir sind eine Kulturregion. Warum sollen wir nicht überregional und international zusammen für diese Region werben? Natürlich müsste das Mozartfest dann etwa dasselbe Niveau haben wie der Kissinger Sommer. Als Konkurrenz sehe ich das Mozartfest jedenfalls nicht. Ein Beispiel – es gäbe auch noch andere: Als unser Kuratoriumsmitglied Roger Norrington Chefdirigent der Camerata Salzburg wurde, rief er mich an, er möchte in Bad Kissingen spielen. Ich hab gesagt: „Roger, das mach' ich nicht.“ Denn die Camerata kommt regelmäßig zum Mozartfest. Die Würzburger haben nicht so viele internationale Konzerte. Ich möchte ihnen nichts wegnehmen.

Der Kissinger Sommer dauert viereinhalb Wochen. Was machen Sie die restliche Zeit?

Kahl-Wolfsjäger: Ich bin viel unterwegs. Ich bin Journalistin und schreibe weiterhin ein bisschen was unter einem Pseudonym. Aber eigentlich bin ich das ganze Jahr ständig auf Reisen, in Europa, China und Amerika.

In Sachen Musik?

Kahl-Wolfsjäger: Ja. Das ist ein Fulltime-Job. Und es geht zu 85 Prozent um den Kissinger Sommer. Meine journalistische Arbeit ergibt sich daraus; es geht dann meist um Kulturpolitik.

Ein Privatleben haben Sie aber auch?

Kahl-Wolfsjäger: Ein bisschen. Ich habe einen Mann und vier Enkelkinder. Aber das Privatleben richtet sich im Großen und Ganzen doch nach Terminen. Mitunter fahre ich zu einem Konzert und hänge noch ein paar Tage dran. Ich kenne die wichtigen Künstler, die seit vielen Jahren kommen, Cecilia Bartoli, Rudolf Buchbinder und die Leonskaja, Christiane Oelze und Klaus Maria Brandauer oder Jean-Yves Thibaudet. Ich kenne auch deren Frauen oder Männer und die Kinder. Ich lebe mit meinem Beruf, ganz einfach.

Man findet im Internet nicht viel über Sie. Sie haben keinen Wikipedia-Eintrag. Christian Kabitz zum Beispiel hat einen.

Kahl-Wolfsjäger: Ist das wichtig für meine Arbeit? Ich finde nicht. Ich lege darauf keinen Wert. Ich habe genug Selbstbewusstsein, um zu sagen: Ich brauch' das nicht. Beethoven-Fest in Bonn gerettet und dreimal durchgeführt; Kunstfest in Weimar gegründet und dreimal geleitet; für Penderecki das Beethoven-Fest in Krakau initiiert: Das wissen in der Branche ohnehin alle. Ich denke, das reicht.

Den Kissinger Sommer leiten Sie seit Beginn. Haben Sie schon mal ans Aufhören gedacht?

Kahl-Wolfsjäger: So lange ich noch gute Ideen habe und gesund bin, warum? Wenn ich merke, mir fällt nichts mehr ein, höre ich auf. Die Planung für 2010 ist fertig, das Programm wird in zwei Wochen gedruckt. 2011 ist in großen Teilen fertig. Was noch fehlt, sind die jungen Künstler und ein paar Kleinigkeiten. Und bei 2012 hab' ich, na ja, ein Drittel vielleicht. Die großen Sachen, die Orchester, habe ich meist schon.

Wenn Sie sagen würden, „das war's jetzt für mich in Kissingen“ . . .

Kahl-Wolfsjäger (lachend): Ich geh' nicht nach Würzburg!

Das hab' ich gar nicht gemeint. Ich wollte fragen: Wenn Sie weg sind, bricht dann der Kissinger Sommer zusammen?

Kahl-Wolfsjäger: Das glaube ich nicht. Das seh' ich nicht so eng. Aber mein Vertrag läuft ja noch lang. Und so lange sie mich hier nicht zu sehr ärgern, bin ich gerne in Bad Kissingen.

Im Blickpunkt

Kissinger Sommer Die 24. Auflage des Festivals – erwartet werden 30 000 Besucher – begann mit einem Konzert von Cecilia Bartoli (siehe unten). Karten: Tel. (09 71) 807-11 10. Alle Artikel zum Kissinger Sommer im Internet: www.mainpost.de/kissingersommer

Das Gespräch führte Ralph Heringlehner
    
    

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