aktualisiert: 26.09.2010 16:25 Uhr
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WÜRZBURG
Mainfranken Theater: Eine Oper wie ein surrealer Traum
Würzburger Mainfranken Theater: Opern-Uraufführung „Die andere Seite“ fesselt mit starken Bildern
Grübeln Sie nicht unnötig!“, rät man dem Neuankömmling, der sich verunsichert umsieht in diesem seltsamen Staat, in dem die Welt zwar irgendwie aussieht wie gewohnt, aber sich doch nicht in die beruhigende Alltagslogik fügen will. „Grübeln Sie nicht unnötig“ ist auch der passende Rat für die Besucher der Oper „Die andere Seite“ am Würzburger Mainfranken Theater. Grübeln ist zudem gar nicht nötig. Die Bilder, die Regisseur Stephan Suschke, Momme Röhrbein (Bühne) und Hella Bünte (Kostüme) zeigen, wirken quasi unter Umgehung des Intellekts, als träfen sie direkt ins Unbewusste. Das, was dem Zeichner und seiner Frau (Dietrich Volle und Silke Evers) in Perle, der Hauptstadt eines „Traumreich“ genannten Landes, widerfährt, lässt sich ebenso wenig erklären wie etwa die weichen Uhren auf dem berühmten Bild von Dalí. Alfred Kubin, dessen Roman dem Libretto des Würzburger Intendanten Hermann Schneider zu Grunde liegt, scheint seine Bilder aus surrealen Träumen zu schöpfen.
Über weite Strecken hinweg fühlt sich das Publikum im Theater, als säße es im Kino: Die Videotechnik ist kräftig im Einsatz. Das ist die passende Optik, um einen Fantasy-Stoff – nichts anderes ist die Oper – für heutige Sehgewohnheiten umzusetzen. So wird der Zuschauer 100 Minuten lang in einen Strudel von Ereignissen gerissen, der immer schneller wirbelt. Immer unwahrscheinlicher wird die Welt. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Die Turmuhr läuft rückwärts. Ein Affe betätigt sich als Barbier. Menschen beginnen zu verwesen, obwohl augenscheinlich noch am Leben. Traumreich zerbröckelt. Und mit ihm verfällt Patera, der mit seinem märchenhaften Reichtum das Land aufgebaut und nahezu telepathisch beherrscht hat.
Keine Lust auf Freiheit
Die Regie zeigt ihn zunächst wie den lebenden Bestandteil einer barocken Tapisserie hoch über der Bühne. Am Ende ist er eine bedauernswerte Figur, der den Untergang nicht aufhalten kann. Komponist Michael Obst lässt Patera von einem Countertenor singen (Denis Lakey mit bewundernswerter Stimmbeherrschung). Dieser Kunstgriff rückt die Figur in die längst vergangene Epoche des Barock, als Männer mit Frauenstimmen in Mode waren. Zudem zitiert Patera fortwährend aus der Musikgeschichte, zwischen Gregorianik und italienischer Oper. Er ist ein – vielleicht bemitleidenswertes – Zwischenwesen.
Auch der unternehmungslustige Amerikaner Herkules Bell (Christian Taubenheimer) kann den Untergang nicht verhindern. Die Bewohner von Perle versuchen nach jeder Katastrophe, den alten Trott wieder aufzunehmen. Sie wollen gar nicht befreit werden. Während Bell eine aufrüttelnde Rede hält, mutieren die Traumreich-Bürger zu Tieren.
Obst malt die surrealen Szenen mit effektvoller Musik. Die wird teils vom Philharmonischen Orchester gespielt (das unter Jonathan Seers auch krude Spielweisen gut im Griff hat). Teils kommen elektronische Töne und Geräusche vom Band. Oft ist diese Musik sehr laug. Und „schön“ ist sie nur selten. Aber Schönheit ist nicht das, was zeitgenössische Komponisten anstreben – und würde auch nicht zum Stoff passen. Obst nimmt ein armenisches Lamento als einen Pfeiler seiner Komposition. Doch dieses Leitmotiv ist kaum zu verfolgen. Der Zuhörer hat nichts, woran er sich festhalten kann. Verunsicherung, Beunruhigung und das Gefühl einer entgleitenden Realität machen sich breit.
Das Gesangsensemble leistet ausgezeichnete Arbeit, ebenso wie der Chor (Einstudierung: Markus Popp). Die Opern-Uraufführung ist Teil der Veranstaltungsreihe „Endspiel – Würzburger Apokalypse 2010“. Wie die biblische Apokalypse hält auch die Oper am Ende einen Hoffnungsschimmer bereit. Im Epilog treffen sich die Überlebenden in den Trümmern. Auch wenn der Gesang elegisch ist: Es gibt die Chance zum Neuanfang.
Das Publikum im sehr gut besuchten Großen Haus spendete dem Team viel Applaus, durchsetzt mit einigen Bravos (vor allem für Denis Lakey). Ein paar Buhs gab's nur, als Komponist Obst und Librettist Schneider vor den Vorhang traten. Warum auch immer.
Nächste Vorstellungen: 10., 24. und 31. Oktober. Karten: Tel. (09 31) 39 08-124.
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