publiziert: 11.06.2009 13:28 Uhr
aktualisiert: 11.06.2009 14:25 Uhr
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Meryl Streep: "Ich sehe mich nicht als Star"

Meryl Streep über ihren Erfolg und ihre Familie und warum sie sich nie als ein Sex-Symbol empfand
  • „Ich war schon mit zwölf zu alt. Niemand mochte mich“: Meryl Streep.
    FOTO Cinetext
  • Oscar-Preisträgerin Meryl Streep hofft auf positive Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Hollywood. "Zurzeit kommen viel zu viele Filme in die Kinos. Da wird sich das Feld hoffentlich lichten", sagte die Schauspielerin dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". "Ich fordere weniger schlechte Filme auf unseren Leinwänden", sagte Streep. -
    Foto: AFP
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Meryl Streep gilt als eine der besten Schauspielerinnen unserer Zeit. Im Interview spricht die bald 60-Jährige über ihren Erfolg, ihre Familie – und ihre Defizite als Köchin.

Frage: Sie werden am 22. Juni 60 Jahre alt – wie ist das Rollenangebot für Schauspielerinnen über 40?

Meryl Streep: Auf der Skala der Ungerechtigkeiten, die es auf dieser Welt gibt, ist das nicht wirklich bedeutsam. Das ist jedenfalls keine große Ungerechtigkeit. Wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Staatsangehörigkeit oder ihres Aussehens diskriminiert werden und leiden, ist das heftiger. Aber Menschen sind eben so: Die einen mögen keine Deutschen, die anderen keine Dicken, die nächsten keine Alten. Menschen scheinen sich einfach gerne gegenseitig zu diskriminieren. Geben Sie einem Menschen einen Grund, einen anderen nicht zu mögen – und er wird ihn dankbar annehmen!

Sie sind in den letzten zwei Jahren mit zehn Filmen in die Kinos gekommen. Vier weitere Filme sind in Produktion oder bereits abgedreht. Hat Ihr sensationelles Arbeitspensum damit zu tun, dass Ihr Nest leer ist, weil alle Kinder ausgeflogen sind?

Streep: Bis auf eins. Louisa, unsere Jüngste, ist noch in der Schule. Ihretwegen gehe ich noch zu Elternversammlungen. Aber sicher, mit einem Haus voller Kinder wäre ich nicht in der Lage zu tun, was ich heute mache. Der Balanceakt zwischen Beruf und Familie war eine sehr schwere Aufgabe, aber auch eine sehr dankbare. Sie macht das Leben sehr kompliziert, aber ein anderes Leben kann ich mir gar nicht vorstellen. So ganz aus dem Haus ist die Brut jedoch nicht. Sie zieht es regelmäßig heim. Gott sei Dank. Ich brauche Familie um mich. Und wenn die Kinder heimkehren, bringen sie oft eine ganz Schar von Freunden mit, die sich die Bäuche vollschlagen.

Wahrscheinlich schmeckt es bei Ihnen so gut. Sind Sie eine gute Köchin?

Streep: Eine miserable. Ich hatte mir vor Jahren geschworen, daran zu arbeiten, doch ohne sichtlichen Erfolg. Wir haben zu Hause eine Hilfe, die das Regime in der Küche hat. Mein Mann Don ist genügsam, was das Essen angeht. Ihm macht es nichts aus, wenn ich ran muss, weil die Haushälterin frei hat. Aber die Kinder haben seit je gemosert, wenn auf den Tisch kam, was ich zubereitet hatte. Heute nehmen sie Reißaus.

Beeinflussen Sie Ihre Kinder in der Berufswahl?

Streep: Um Himmels willen! Wissen Sie, ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere und sehr glücklich mit dem, was ich erreicht habe. Was ich geplant habe, konnte ich verwirklichen. Dazu aber gehörte nie, meine Ambitionen auf meine Kinder zu übertragen. Mir lag nur immer eines am Herzen: dass sie sich frei genug fühlen werden, mit ihrem Leben zu machen, was immer sie wollen.

Konnten Sie selbst das tun?

Streep: Ja. Meine Eltern haben mich in allem, was ich tun wollte, ermutigt. Sie haben mich nie gehindert, meinen Träumen nachzugehen.

Sind Sie zufrieden mit der Verwirklichung Ihrer Träume?

Streep: Absolut. Ich habe mehr geschafft, als ich je für möglich gehalten hatte. Wenn ich zurückdenke, was ich einmal war . . .

Was waren Sie?

Streep: Jemand, der ganz unglücklich darüber war, wie er aussah. Ich war zu rundlich, trug Brille, gab an und war schon mit zwölf zu alt und zu bossy. Niemand mochte mich.

Das kann so schlimm wohl nicht gewesen sein. Wurden Sie nicht zur Schönheitskönigin Ihrer Schule gekrönt?

Streep: Das schon. Ich hatte mein Haar blond färben lassen und Brille und Zahnspangen weggeworfen. Dennoch war es wohl mehr ein Unfall. Ich bin wahrlich nicht aus dem Holz, aus dem Schönheitsköniginnen oder Sex-Idole geschnitzt sind. Es war für mich als Teenager eine schwere Zeit. Als das Babyfett verschwand, sah ich plötzlich eine große Nase auftauchen und Knochen in meinem Gesicht, die vorher nie da waren.

Mit 15 Oscar-Nominierungen – mehr als jeder andere in der Geschichte Hollywoods – und zwei Oscars werden Sie die größte Filmschauspielerin unserer Zeit genannt und als Star der Stars betrachtet . . .

Streep: Danke für das Kompliment, aber ich bin kein Star. Ich finde, man wird nur ein Star, wenn man es will. Ich aber will das, ehrlich gesagt, gar nicht. Und das, glaube ich, ist der Unterschied in meiner Karriere.

Ist das der Grund, warum Sie sich von Hollywood so ferngehalten haben?

Streep: Sie vergessen, ich habe fünf Jahre lang in Los Angeles gelebt. Ich fand es bedrückend und erdrückend. Ich musste mein Haar waschen, um meine Kinder zur Schule zu bringen. So etwas machte mich verrückt, nicht bloß, weil ich nun mal nicht jeden Tag mein Haar wasche, sondern weil alles dort von der Filmindustrie getrieben ist und davon abhängt, wie man aussieht. Ich hatte ständig das Gefühl, dass ich irgendwie nicht sauber genug war. Die Leute starrten mich an, und ich begriff, dass ich wohl aussah, als wäre ich gerade aus dem Bett gestiegen, und deshalb beim nächsten Mal keine Arbeit mehr bekommen würde. Ich konnte mit so etwas nicht fertig werden. Zudem bin ich ein Mensch, der sein Leben so privat wie nur möglich führen will. Ich war es müde, dass man mich pausenlos unter die Lupe nahm und in Geschäften nachforschte, welche Unterhosengröße ich gerade gekauft hatte.

Deshalb gingen Sie ins andere Extrem und zogen in die ländliche Idylle von Connecticut, wo Sie sich einen grandiosen Landsitz mit privatem See kauften?

Streep: Das taten wir erst, als unser Sohn Henry sieben Jahre alt war und anfing darüber zu klagen, dass er ständig der neue Junge in der Schule war. Da hörten wir auf herumzuziehen und wurden sesshaft in Connecticut. So manches Mal, wenn wir uns Fotos anschauen, wissen Don und ich gar nicht mehr, wo sie gemacht worden sind. Das ist der Preis für unser Zigeunerleben.

Was war der beste Rat, den Sie von Ihrer Mutter erhalten haben?

Streep: Lerne nicht Schreibmaschine zu tippen. Denn wenn du es kannst, wirst du es auch tun. Wie Sie sehen, bin ich gut gefahren, mich daran zu halten.

Sie sind berühmt und reich und können sich jeden Luxus leisten. Tun Sie das auch?

Streep: Ich umgebe mich mit Kunst, wenn Sie das als Luxus betrachten. Ansonsten führen wir ein ziemlich bescheidenes Leben. Ich fahre keinen großen Luxuswagen, sondern ein umweltfreundliches Hybridauto. Und Shopping langweilt mich zu Tode, besonders Kleider kaufen. Die Modewelt ist für mich ein einziges Mysterium. Ich kann noch immer nicht verkraften, dass ich im Film „Der Teufel trägt Prada“ eine Handtasche benutzt habe, die 12 000 Dollar gekostet hat. Für mich etwas Unfassbares.

Das Gespräch führte Edmund Brettschneider
    
    

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