publiziert: 14.06.2011 18:24 Uhr
aktualisiert: 14.06.2011 18:25 Uhr
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Mozartfest unterm Hakenkreuz

Würzburg unter Nazi-Einfluss

Die Nationalsozialisten spannten auch das Festival in der Residenz für ihre Zwecke ein. Der Österreicher Mozart wurde deutsch, seine Biografie „bereinigt“ – etwa von jüdischen Einflüssen.

  • Fotos: Stadtarchiv Würzburg, Erika Groth-Schmachtenberger
    Würzburger Domstraße 1936: Die Nazis vereinnahmten nicht nur das Mozartfest für ihre Zwecke. Auch der Sport wurde dazu missbraucht, Propaganda im Sinne Hitlers zu machen (das Bild zeigt den Empfang der Olympiateilnehmer im Rudern).
  • Hermann Zilcher: Arrangement mit den Nazis aus Angst vor Machtverlust?
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Hitlers Scharfmacher Joseph Goebbels forderte eine „stählerne“ Musik. Widerspruch kam vom Würzburger Konservatoriumsdirektor Hermann Zilcher – allerdings windelweich: Musik, „auch wenn sie nicht stählern-romantisch, nicht schwerterklirrend oder marschstampfend ist, gehört zum Geisteskampf unseres Volkes, auch die stillste, tiefste Melodie ist ein niemals wegzudenkender Bestandteil im Ringen um unser Deutschsein!“ Eine Reaktion, typisch für den Mann, der vor 90 Jahren das Würzburger Mozartfest gründete? Irgendwie hielt er an den eigenen, vor der Nazi-Zeit gewachsenen künstlerischen Vorstellungen fest – und schwenkte dann doch auf die Linie der braunen Machthaber. Sein „Gebet der Jugend“ verherrlicht das System des „Dritten Reichs“. Die Kantate ist freilich die einzige großformatige Zilcher'sche Komposition, die sich bei den Nazis anbiederte. Das Mozartfest wurde Teil des Nazi-Propagandasystems.

Zilcher hatte das Festival als Zusammenklang von Architektur und Musik konzipiert – Kompositionen des 18. Jahrhunderts in prachtvollen Räumen der Residenz, durchaus leicht und heiter, wie es seiner Auffassung von Rokoko entsprach. „Im Zentrum stand die Nachtmusik im Hofgarten. Dabei wurde auch getanzt“, erklärt Professor Ulrich Konrad, Musikwissenschaftler an der Würzburger Uni. Hier fanden die Nazis ihren Ansatzpunkt. Das Fest wurde ideologisch unterwandert. Den Tanz übernahmen Gruppen der NS-Nachwuchsorganisationen BdM („Bund deutscher Mädel“) und der Hitlerjugend („HJ“). Das Mozartfest mutierte zum Festival des Deutschnationalen. Festivalleiter Zilcher machte mit. In den gedruckten Programmen ließen sich die regionalen Nazi-Größen in Uniform abbilden, in Reden verbreiteten sie ihre Parolen.

Zilcher machte mit, bis die NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) sein „Kind“ übernehmen wollte. „Er hat sich nicht aus politischer Opposition gewehrt. Er, der wichtigste Mann im musikalischen Leben Würzburgs, fürchtete wohl vor allem, Einfluss und Macht zu verlieren“, urteilt Professor Konrad. Jedenfalls zog Zilcher 1941, als die Nazis in Wien den 150. Todestag Mozarts zur nationalsozialistischen Show machten, in Würzburg ein „vergleichsweise unpolitisches Festival“ durch, weiß der Musikwissenschaftler. Es lasse sich nur schwer sagen, wie weit Zilcher sich innerlich mit der Nazi-Ideologie identifizierte, so Konrad. Er sei „ein Künstler, der sich arrangierte“ gewesen und habe dadurch das System gestützt.

1942 übernahm KdF das Mozartfest und baute es aus. Zilcher verlor zwar die Gesamtleitung, er dirigierte aber weiterhin große Konzerte. Mitten im Krieg präsentierte sich die Stadt mit ihrem Festival als – trügerische – Oase der Friedens. Zeitungen lobten das Idyll am Main. So nützte das Mozartfest Hitlers Diktatur: Es bot eine Fluchtmöglichkeit. Es lenkte von den realen, elenden Zuständen ab, von Bombenangriffen, zerstörten Städten, gefallenen Soldaten. „Noch 1944, als die ganze Welt brannte, fand das Festival unter dem Titel ,Mozartsommer‘ statt“, wundert sich Ulrich Konrad.

An sich ließ sich Mozart nur schwer für die Zwecke der Nazis vereinnahmen. Seine Musik entspricht so gar nicht dem Anspruch des „Stählernen“, des „Heroischen“. Zudem machte seine Biografie ihn den braunen Ideologen suspekt: Mozart war ein unabhängiger Geist, Mitglied der Freimaurer (die von den Nazis verboten wurden). Er arbeitete mit Lorenzo da Ponte zusammen, einem Juden, der ihm die Texte für seine besten Opern lieferte: „Le Nozze di Figaro“, „Don Giovanni“, „Cosi fan tutte“.

Doch Mozart ist ein Beispiel dafür, wie die Nazis auch zunächst Unpassendes einpassten. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich 1938 und dem sogenannten Anschluss war der Salzburger Komponist ein Deutscher. „Seine Biografie wurde ,gesäubert‘“, erklärt Ulrich Konrad – bis hin zu der grotesken Tatsachenverdrehung, dass den Freimaurern die Schuld an Mozarts frühem Tod in die Schuhe geschoben wurde, „weil er in der ,Zauberflöte‘ ihre Geheimnisse verraten haben soll“. Da Pontes Rolle wurde verschwiegen, und weil die gängigen Übersetzungen der italienischen Mozart-Opern von dem Juden Hermann Levi stammten, seien sie ab den „späten 30er Jahren“ neu ins Deutsche übertragen worden – von systemkonformen Übersetzern. „Der Griff der Ideologie“ wirke weit über die Nazi-Zeit hinaus, erklärt der renommierte Mozartforscher: „,Wen die Götter lieben‘ wird noch heute im Fernsehen gezeigt. Keiner nimmt wahr, dass das ein übler Propaganda-Film ist.“ Auch in dem 1942 gedrehten Streifen wurde die Biografie Mozarts „gereinigt“: Laut Drehbuch ist Franz Xaver Süßmayr Librettist von „Figaros Hochzeit“, der Mann, der Mozarts „Requiem“ zu Ende schrieb. Der wahre Librettist da Ponte wurde, weil Jude, von den Nazis auch aus dieser Geschichte getilgt.

Am 22. Juni hält Professor Ulrich Konrad im Toscanasaal der Würzburger Residenz einen Vortrag zum Thema „Mozartpflege im ,Dritten Reich‘“.

Von unserem Redaktionsmitglied Ralph Heringlehner
    
    

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