aktualisiert: 06.02.2012 18:38 Uhr
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Picasso des 21. Jahrhunderts
Gerhard Richter: Der deutsche Maler feiert den 80. Geburtstag – Seine Gemälde erzielen Rekordpreise
Manches Malergenie wurde erst nach seinem Tod entdeckt, weil die Zeitgenossen seine Bedeutung nicht erkannten. Gerhard Richter gehört nicht in diese Kategorie. Ihm ist es vergönnt, schon zu Lebzeiten als „Picasso des 21. Jahrhunderts“ („The Guardian“) oder „Europas größter moderner Maler“ („The New York Times“) gerühmt zu werden. Auf Ranglisten der wichtigsten Künstler belegt er mit großer Regelmäßigkeit Platz eins. Seine Gemälde erzielen Rekordpreise. Wenn Richter am Donnerstag, 9. Februar, 80 Jahre alt wird, dann feiert die Welt den Geburtstag eines Mannes, von dem jetzt schon feststeht, dass er in die Kunstgeschichte eingehen wird.
Die einhellige Begeisterung der Kunstwelt steht dabei in einem merkwürdigen Gegensatz zu der Ratlosigkeit, mit der das große Publikum seine Bilder betrachtet. Die „Kerze“ zum Beispiel, die im Oktober zwölf Millionen Euro erzielte, wirkt geradezu banal. Was soll daran nun so toll sein?
„Zu der Zeit, als Richter 1961 aus der DDR in den Westen floh, sprachen viele vom Ende der Malerei“, erläutert die Kunstbuchautorin Angela Wenzel aus Düsseldorf. Wenn es um möglichst realistische Abbildungen ging, war Malerei der Fotografie hoffnungslos unterlegen. Und auch das, was Impressionisten und Expressionisten gemacht hatten – die Welt subjektiv durch die eigene Brille zu sehen oder das eigene Gefühlsleben auf der Leinwand auszubreiten –, schien ausgereizt. Richter gilt heute als derjenige, der der Malerei wieder eine neue Bedeutung gegeben hat. Er belebte alle altbekannten Genres neu: Landschaften, Seestücke, Porträts, Aktbilder, Stillleben – wie die „Kerze“ – oder auch Historienbilder: Beispiele dafür sind sein RAF-Zyklus oder sein Gemälde zum 11. September. „Seine Wolkenbilder erinnern sogar an religiöse Malerei, da fehlen eigentlich nur noch die Engelchen“, meint Wenzel. „Richter hat das alles wieder aufgegriffen, aber eben ganz anders als vorher.“
Sowohl gegenständlich als auch abstrakt
Viele seiner Gemälde sind verwischt und erscheinen dadurch eigenartig diffus. Damit wendet er sich gegen die scheinbare Objektivität der Fotografie. Fotos können ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermitteln: So ist die Wirklichkeit und nicht anders. Richter meint: „Wir sehen doch nur, wie es unser Linsen-Apparat Auge zufällig vermittelt.“ Ein bekannter Ausspruch von ihm lautet: „Alles sehen, nichts begreifen.“ Die Menschen des 21. Jahrhunderts wissen so viel wie nie zuvor, aber nur wenige würden wohl für sich in Anspruch nehmen, die Welt durchschauen zu können. Richter kann es auch nicht. Wenn man ihn fragt, was er dem Betrachter mit seiner Kunst sagen will, pflegt er zu antworten: „Gar nichts.“ Schon 1966 sagte Richter: „Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen.“ Und doch: Seine Malerei ermutigt dazu, genauer hinzusehen.
Ein Vorbild für viele wurde Richter dadurch, dass er sowohl gegenständlich als auch abstrakt malt. In den 60er Jahren war das undenkbar – abstrakte und realistische Maler standen sich fast feindselig gegenüber. Heute gilt auch dank Richter: Alles geht. „Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen einer Landschaft und einem abstrakten Bild“, sagte er einmal der „Süddeutschen Zeitung“. „Bei einem gegenständlichen Bild male ich den Anblick einer vorhandenen Sache, bei einem abstrakten formt sich allmählich das Bild einer Landschaft, die ich nicht kenne. Aber die Mittel sind die gleichen.“
Gerade vor einem abstrakten Bild von Richter denkt so mancher im Stillen: „Das könnte ich doch auch!“ Manches sieht allerdings einfacher aus, als es ist. Und Richter macht es sich mit Sicherheit nicht leicht. Jeden Tag steht er Stunden in seinem Atelier, einem bunkerähnlichen Riegelbau im Kölner Villenviertel Hahnwald. An jedem Werk tüftelt er lange herum.
Werke und Ausstellungen
Gerhard Richters teuerste Werke: • Zwei Bilder aus der „Kerzen“-Serie von 1982/83. Das eine wurde 2011 in London für mehr als zwölf Millionen Euro versteigert, das andere kam 2008 ebenfalls in London für 10,5 Millionen Euro unter den Hammer. Zu diesem Bild sagte Richter: „Als ich es vor gut 20 Jahren das erste Mal ausstellte, wollte es niemand kaufen.“ • „Abstraktes Bild (710)“ von 1989: Es ging 2008 in New York für zwölf Millionen Euro an einen anonymen Käufer. • „Zwei Liebespaare“ von 1966 erzielte 2008 in London knapp zehn Millionen Euro.
• Der „Düsenjäger“ (Foto) aus Richters früher Phase von 1963 wurde 2007 in New York für 7,7 Millionen Euro von einem unbekannten Bieter ersteigert. Aktuelle Richter-Ausstellungen: • Drei Tage nach dem 80. Geburtstag Richters öffnet in der Neuen Nationalgalerie in Berlin das „Gerhard Richter Panorama“ (12. Februar bis 13. Mai). Zu sehen sind 150 Gemälde aus allen Schaffensperioden, darunter Ikonen wie „Ema – Akt auf einer Treppe“ (1966, lesen Sie dazu den Beitrag unten) und das selten zu sehende Werk „Neger (Nuba)“ (1964). • Als Ergänzung zeigt das private Berliner Ausstellungshaus me Collectors Room zeitgleich etwa 200 Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Plakate. Die Ausstellung heißt „Gerhard Richter Editionen“ (12.2.-13.5.). • In seiner Geburtsstadt Dresden gibt das Gerhard-Richter-Archiv einen Einblick in den sogenannten „Atlas“ des Künstlers, eine Sammlung von 783 gerahmten Tafeln mit mehr als 15 000 Fotografien, Zeitungsausschnitten, Skizzen und Entwürfen. Diese werden in der Kunsthalle im Lipsiusbau nach der Anordnung des Künstlers gehängt. Viele der Dokumente haben ihn im Laufe der Jahrzehnte zu Gemälden inspiriert. Die Ausstellung läuft bis zum 22. April. Text & Foto: dpa
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