publiziert: 27.06.2010 14:05 Uhr
aktualisiert: 27.06.2010 14:24 Uhr
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Sensibilität und Draufgängertum

Marie-Elisabeth Hecker mit Dvorák-Cellokonzert beim Kissinger Sommer

Das BBC Symphony Orchestra ist vielleicht nicht die erste Adresse, wenn es um magische Klangzaubereien geht. Wenn es aber darum geht, es gepflegt krachen zu lassen, dann sind das BBC SO und sein Chefdirigent Jiri Belohlávek in ihrem Element. Und so versöhnte deren zweiter Auftritt beim Kissinger Sommer mit dem ersten: Sergej Prokofieffs wuchtiges zweites Klavierkonzert liegt den Londonern eben weit mehr als Schumanns komplexe Irrlichtereien.

Nach einer recht stämmigen „Moldau“ also Prokofieffs mal nachdenklicher, mal auftrumpfender Kracher. Elisabeth Leonskaja am Flügel ist so etwas wie die Stimme der Lebenserfahrung. Das streng dahinschreitende Andantino nutzt sie, um gleich klarzumachen, dass sie absolut desinteressiert an pianistischem Imponiergehabe ist. Und lenkt so die Aufmerksamkeit ganz natürlich auf die Zwischentöne. Etwa wenn sie sich zurücknimmt, um vergnügt lächelnd einem Fagott-Solo zu lauschen. Oder donnernde Akkordkaskaden fast beiläufig absolviert, um sich wieder an rhythmischen Vertracktheiten erfreuen zu können. Das Orchester macht bestens vorbereitet und hochkonzentriert mit – der Spaß ist beiden Parteien anzumerken.

Doch es geht noch beeindruckender: Die zweite Hälfte gehört Marie-Elisabeth Hecker und dem Dvorák-Cellokonzert. Offenbar hat die 1987 geborene Solistin das Orchester schon in den Proben beeindruckt, die Einleitung, besonders das Horn-Solo mit dem zweiten Thema, jedenfalls kommt mit ungeahnt liebevoller Innigkeit. Und in der Tat: Marie-Elisabeth Hecker erinnert in ihrer Präsenz, ihrer Leidenschaft und nicht zuletzt ihrem ungeheuren Können an die große Jacqueline du Pré. Sie bestätigt, was sie vor einigen Wochen mit Beethoven im Theater Schweinfurt gezeigt hatte: Jeder ihrer Töne ist aufregend, die Kantilenen sind von überirdischer Schönheit, die virtuosen Passagen beglückend brillant.

Marie-Elisabeth Hecker spielt das Dvorák-Cellokonzert genau so, wie es gespielt werden muss: selbstvergessen romantisch und herausfordernd verwegen. Dieses Miteinander von Sensibilität und Draufgängertum macht aus dem Bravourstück ein zutiefst anrührendes Drama um Liebe, Verlust, Hoffnung und Trauer. Dass sie trotz des frenetischen Jubels auf eine Zugabe verzichtet, zeigt, welch reife Musikerin Marie-Elisabeth Hecker bereits ist.

Von unserem Redaktionsmitglied Mathias Wiedemanns
    
    

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