publiziert: 30.06.2008 14:20 Uhr
aktualisiert: 30.06.2008 15:29 Uhr
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Testament eines Genies

Mahlers „Lied von der Erde“ in Bad Kissingen

1907 ist kein gutes Jahr für Gustav Mahler: Die älteste Tochter stirbt, er scheitert als Wiener Hofoperndirektor, die Diagnose einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung kommt hinzu. Wen wundert es, dass den sensiblen Künstler düstere Texte magisch anziehen. „Die chinesische Flöte“ entzündet seine musikalische Fantasie, es entsteht das „Lied von der Erde“, bitteres Testament des neurotischen Genies, gefasst in eine achtteilige Folge von sinfonischen Ausmaßen, in die zwei Sänger wie solistische Orchesterinstrumente die Expressivität auf die Höhe zu steigern haben.

In der Münchener Gala des Kissinger Sommers entschied man sich für die Fassung Tenor/Bariton. Mit dem für kurze Zeit auch am Mainfranken Theater Würzburg engagiert gewesenen Christian Gerharer hatte man ein außergewöhnlich Sänger gefunden. Auf einsamer Höhe der Gestaltungs- und Stimmkunst spannte er den Bogen zwischen spiritueller Verdichtung und Ausbrüchen verzweifelter Klage. Ganz andere Töne hat der Tenor anzustimmen. Hier bettet Mahler seinen Lebensüberdruss in den prallen Spott und Hohn von Trinkliedern. Dazu braucht es einen standfesten Sänger, den vor keiner Höhe schwindelt und der einem Mega-Orchester Paroli bieten kann. In Kissingen hieß er Michael Schade – ein Hüne von Statur, ausgestattet mit stählerner Stimme, die aber auch die Leichtigkeit des Kavaliertons registrieren konnte.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hatte einen jungen Pultstar gewählt, den Engländer Daniel Harding. Er beeindruckte mit einer Mischung aus souveräner Kompetenz, jungenhaftem Charme und wachsamer Leidenschaft. Ihm zur Seite stand ein Orchester, das zauberte, feinsinnig auf die Partitur, den Dirigenten und die Sänger reagierte und die komplexe Mahlersche Handschrift mit größter Überlegenheit entwickelte.

Online-Tipp

Alles zum Kissinger Sommer: www.mainpost.de

Von Gert Feser
    
    

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