aktualisiert: 01.10.2009 14:47 Uhr
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Deutsche Einheiten
20 Jahre MauerfallZwei Ausstellungen in Schweinfurt setzen sich aus höchst unterschiedlichen Blickwinkeln mit der deutschen Einheit auseinander.
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Je näher man hinschaut, desto mehr zerfällt das Motiv in seine Einzelzeile. Thomas Baumgärtel und Harald Klemm: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben (Albert Einstein)“.FOTOs Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt, Museum Otto Schäfer -
Rudolf Kreutner ist ein akribischer Mann. Kreutner ist Historiker in Diensten der Stadt Schweinfurt und als Rückert-Experte ein intimer Kenner der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Für das Museum Otto Schäfer hat er nun die Ausstellung „Einigkeit vor Recht und Freiheit?“ gestaltet, die die deutsche Einigung im Spiegel der Literatur zwischen 1813 und 1871 beleuchtet. Und dabei wenig Schmeichelhaftes zutage gefördert: In fiebrig-aggressiver Sehnsucht nach nationaler Einheit hat die gesamte – protestantische – Intelligenz einen ideologischen und dichterischen Fundus geschaffen, aus dem sich später die Nationalsozialisten reichlich bedienten.
Die Ausstellung zeigt Originalausgaben und handschriftliche Dokumente, etwa das Gedicht, mit dem Friedrich Rückert – einer der eher Gemäßigten – Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserwürde antrug. Aber sie erschließt sich vor allem aus der Lektüre des Katalogs. Kreutner sieht den Keim des deutschen Nationalismus in zweifacher Hinsicht bei Luther: Einerseits hat die Bibelübersetzung Deutsch als Nationalsprache etabliert, andererseits hat die Versachlichung des Glaubens ein mystisches Vakuum geschaffen, das – verbunden mit der Euphorie der Befreiungskriege – die Entstehung eines „Blut-und-Wunden-Patriotismus“ befördert, der die deutsche Nation über alle anderen Völker – besonders die Franzosen – stellt und das Staatswesen in die Nähe des Reiches Gottes rückt.
Die lyrischen Zeugnisse sind skurril. Da wird viel zum blutigen Kampf aufgerufen. 1814 etwa schreibt Theodor Körner „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ – Worte, die Goebbels in seiner Sportpalastrede verwenden wird. Es geht nicht um Demokratie oder Aufklärung, sondern um Erlösung, Erhebung und Hass auf alles Andersartige.
So unerbittlich Kreutners historische Entlarvung im Museum Otto Schäfer, so offen die Ausstellung „20 Jahre Deutsche Einheit“ in der Kunsthalle, die Arbeiten von gut 35 Künstlern vereint. Kuratorin Andrea Brandl spannt den Bogen zurück bis Kriegsende und macht mit meist großformatigen Arbeiten eine Fülle von Angeboten: Sie kombiniert die großen Namen wie Otto Dix, Jörg Immendorff, A.R. Penck oder Markus Lüppertz mit Arbeiten unbekannterer Künstler, wobei ihr nicht zuletzt der Blick in die Region wichtig ist.
Sie hängt Ost neben West, Alt neben Jung und schafft so eine Fülle von Ansatzpunkten, Kunst-Geschichte zu diskutieren. Denn die Ausstellung wird den Betrachter unweigerlich auf seine Vorurteile zurückwerfen. So dominierte in der DDR mitnichten gefällige Einheitskost, auch wenn die Stasi unangepasste Künstler wie die Mitglieder der Künstlergruppe Clara Mosch nach Kräften drangsalierte. Natürlich spielt die Auseinandersetzung mit der Teilung als solcher eine Rolle, doch die Künstler – beiderseits der Mauer – finden dafür eine Fülle eigenständiger Ausdrucksformen.
In gewisser Weise steht die riesige Arbeit von Thomas Baumgärtel und Harald Klemm für den Effekt der ganzen Ausstellung (Abbildung oben): Je näher man hinschaut, desto mehr zerfällt das Motiv in seine Einzelzeile. Die poppig bunte Darstellung des Brandenburger Tors mit dem Titel „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben (Albert Einstein)“ erweist sich als kunstvoll arrangiertes Sammelsurium unterschiedlichster Symbole, von der Friedenstaube über die obligatorische Banane bis hin zum Trabbi. Eine Menge Aha-Effekte also, man hüte sich aber, voreilige Schlüsse zu ziehen.
Im Blickpunkt
Ausstellungen in Schweinfurt • „Einigkeit vor Recht und Freiheit? Die deutsche Einigung im Spiegel der Literatur zwischen 1813 und 1871. Museum Otto Schäfer, bis 29. November. Di–Sa 14–17 Uhr, So 10–17 Uhr.
• „20 Jahre Deutsche Einheit“ Kunsthalle, Di–So 10–17 Uhr, Do 10–21 Uhr.
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