publiziert: 22.07.2012 18:42 Uhr
aktualisiert: 22.07.2012 18:58 Uhr
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Finden Sie den Fehler! Saubere Handschrift macht Lesen nicht zur „Kernerarbeit“

Leute, die noch mit der Hand direkt auf Papier gefällig schreiben, sind gezählt. Die Masse tippt in Elektronik. Dabei habe ich eine Schwäche für Texte von Menschen, die ihre Feder noch zu führen wissen.

Nein, Schönschreib-Noten will ich nicht wieder einführen. Ich stelle nur fest, dass erlesene Handschriften nicht nur das Lesen erleichtern, sondern auch ein angenehmer Anblick sind. Sie zeigen zudem Respekt für den Adressaten. Zugegeben, digitales Speichern in Dateien ist danach arg umständlich und das Klicken auf „Antwort“ wird erst gar nicht angeboten. Macht nichts: Ein Text, picobello mit Hand geschrieben, der auch sprachlich passt, ist eine runde Sache. Dass im Gegensatz dazu Gedrucktes nicht unbedingt gewährleistet, dass sich seine Botschaft eindeutig erschließt, zeigt mancher Beitrag – mitunter leider auch in dieser Zeitung.

Über deren unklare Botschaften sinniert ein Leser, der mir handschriftlich diesen Satz ans Herz gelegt hat: „Bei dem Familienfest, das mit dem Gottesdienst den Pfarrer XXXX gehalten hat, erwartet die zahlreichen kleinen und großen Besucher ein unterhaltsames Programm.“ – Ja, lesen Sie ruhig noch einmal, damit Sie wie der aufmerksame Schönschreiber erkennen, dass sich ein Familienfest des Gottesdienstes bedient, um den Pfarrer zu halten. – Und: Finden Sie den Fehler.

Unterdessen tippe ich weiter aus der Handschrift ab: „Sehr geehrter Herr Sahlender, das Schicksal hat mir eine schwere Bürde auferlegt: Geschriebene oder gedruckte Fehler springen mich regelrecht an, ich kann mich nicht einmal dagegen wehren. Ich verstehe deshalb bis heute nicht, dass ich mein ganzes Berufsleben in einer Bank verbracht habe. Kurzum: Es gehörte schon zum Frühstücksritual bei uns, dass ich die gröbsten Schreib-, Druck- und Formulierungsfehler markiert und stumm meiner Frau gereicht habe.“

Mir hat er mit Anmerkungen eine Auswahl aus dieser Frühstückssammlung postalisch durchgereicht, darunter die „Kernerarbeit“, die allzu oft geleistet wird. Sie erinnert ihn an die angenehmste „Kernerarbeit“, das Trinken edler Tropfen dieser Rebsorte. Bei seinen Nachforschungen stößt er endlich auf den „Kärrnerbraten“ als deftige Mahlzeit, die früher nach schwerer Kärrner-Arbeit (wie das Ziehen von Karren) die Energie zurückbrachte. – Alles klar?

„Falls ich Sie mit meinem Geschreibsel nerven sollte, rufen Sie mich einfach an.“ Ich nehme dieses handschriftliche Angebot nicht an, angesichts meiner Vorliebe für originelle Fehlermeldungen, die nicht unleserlich hingeworfen sind. Der Ordnung halber füge ich hinzu, dass ich nichts gegen E-Mail-Schreiber habe.

    
    

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»Alle 13 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

antonsah (378 Kommentare) am 24.07.2012 12:55

Ich muss schmunzeln...

... jetzt hat mir gerade ein Leser einen langen, durchaus interessanten Text in ziemlich schwer leserlicher Krackelschrift geschickt ... Habe mich durchgekämpft.
Anton Sahlender, Leseranwalt
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appeldorn (717 Kommentare) am 23.07.2012 08:40

Die Diktatur der Normierung

In Deutschland unterliegt alles der Norm. Diese Diktatur der Normierung führt zu einem Ästhezismus der Gleichmacherei. Anstatt die Menschen in ihrer Einzigartigkeit und ihrem persönlichen Stil zu akzeptieren, werden sie in Normierungsschubläden gepresst, welche den Einzelnen an den Standard anpassen. Dieser Anpassungsdruck löscht alles Individuelle aus. Es ist wie bei der großen Agrarkultivierung, die "Kornraden der Rechtschreibung", werden durch den Selektionsdruck einfach verschwinden.
Das erinnert alles an die große Kulturrevolution von Mao-Tsetung: Sozialisation statt Individuation.
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antonsah (378 Kommentare) am 23.07.2012 12:55

@appeldorn

... ich kann ihre Meinung verstehen. Gleich machen mag auch ich nicht. Ich meine aber, eine schöne Handschrift ist auch Ausdruck von Individualität, besonders wenn die damit gepflegte Sprache passt. Ich bitte zudem um Verständnis dafür, dass es einer Redaktion wichtig ist, lesbare und verständliche Text zu bekommen. Das ist leider nicht immer so. Deshalb habe ich mir erlaubt, ein erfreuliches Beispiel darzustellen.
Anton Sahlender, Leseranwalt
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appeldorn (717 Kommentare) am 23.07.2012 15:30

Kalligraphie lehrt uns gar nichts

Die Fertigkeit, schön zu schreiben, allgemein als Kalligraphie bezeichnet, sagt leider gar nicht viel über die Person aus. Schön zu schreiben ist eine Eigenschaft, welche ein jeder großer Anstreicher erlernen kann. Leider nimmt diese Gabe im Alter durch hinzukommende Nervenleiden wie Parkinson ab. Die Schrift ist wie die Stimme sehr individuell, sagt aber nichts über den Charakter aus. Ein großer Krimineller kann eine wunderschöne Handschrift haben. Eher ist die Schrift vom Temperament mitbestimmt.
Ein Menschenfeind kann schön schreiben, während ein Menschenfreund nicht immer eine Gabe zur Schönschrift haben muss. Schön zu schrieben ist eine Fertigkeit, welche an die Reinlichkeitsdressur erinnert.
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antonsah (378 Kommentare) am 23.07.2012 16:34

@appeldorn

... um Himmelswillen, wo drängen Sie mich hin. Ich schließe vom Schriftbild nicht auf den Charakter! Ich will aber den Inhalt lesen und verstehen können. Und der Inhalt, das erlaube ich mir zu festzustellen, lässt gelegentlich schon Rückschlüsse zu, wenn auch nicht unbedingt auf den Charakter. Und ich freue mich über jeden Anstreicher, der sich auch aufs gute Formulieren versteht, denn das gelingt mitunter mal Professoren nicht.
Anton Sahlender, Leseranwalt
(3)
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