aktualisiert: 27.01.2012 19:39 Uhr
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Gastbeitrag: Laptops in die Schulen – und dann?
Würzburger Mathematiker fordert didaktische Konzepte für den Einsatz neuer Geräte
Jedes Kind soll einen eigenen Laptop haben, Schüler sollten möglichst früh an Computer herangeführt werden, und in der Lehrerausbildung sollte die Medienkompetenz eine wichtige Rolle spielen.“ Das fordert der Vorsitzende der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“, der Karlsruher CDU-Abgeordnete Axel E. Fischer, in einem Interview dieser Zeitung (23. Januar). Diesen Forderungen werden viele Leserinnen und Leser mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen. Einerseits sind heute Internet, Computer und Laptop zentrale Medien und Werkzeuge in unserer beruflichen und privaten Welt, und natürlich muss die Schule auf diese sich ständig verändernde Welt adäquat vorbereiten. Andererseits werden viele aber auch fragen, ob eine zu starke Technologisierung der Schule nicht vom eigentlichen Lernen ablenkt und dadurch heute vorhandene Probleme und Schwierigkeiten der Schulen sogar noch verstärkt werden.
Die Antwort auf die Frage nach der Notwendigkeit beziehungsweise dem richtigen Maß von digitalen Technologien in der Schule ist vielschichtig und kann nur im Zusammenhang mit einer Diskussion der Bedingungen beantwortet werden, unter denen die Neuerungen eingesetzt werden. Was wissen wir heute über den Einsatz digitaler Technologien in der Schule und welche Empfehlungen können diejenigen geben, die sich seit Langem intensiv und forschungsmäßig mit dieser Thematik beschäftigen?
Unverzichtbare Grundlage für den Einsatz digitaler Technologien in der Schule ist ein grundständiges Wissen und Können in dem Bereich, in dem Computer und Internet eingesetzt werden. Nur wer sich in einem Wissensgebiet – sei es Deutsch oder Mathematik – auskennt, wer selbst Fragen zu diesem Gebiet stellen und gegebene Antworten verstehen, interpretieren und in das Wissensgebiet einordnen kann, ist in der Lage, Technologien zielgerichtet zur Beantwortung dieser Fragen einzusetzen. Die Aneignung eines derartigen Wissens erfordert eine längere Beschäftigung mit dem Wissensgebiet und setzt eigenständiges Lernen und Üben voraus. Dabei wird die Entwicklung dieses Wissens – jedenfalls in weiten Teilen – in klassischer und herkömmlicher Weise erfolgen, durch Bücherlesen, Schreiben, Überlegen und Nachdenken. Neue Technologien können diesen Wissensaneignungsprozess unterstützen, aber nicht ersetzen.
Weiterhin ist es wichtig zu erkennen, dass die im Zusammenhang mit der Computernutzung häufig beschworene Medienkompetenz viel mehr als das Wissen über den richtigen Knopfdruck bei einem technischen Gerät ist. Sie geht weit über das Wissen hinaus, das zur technischen Bedienung einer Software oder eines Computerprogramms notwendig ist. Die Fähigkeit, einen Computer bedienen zu können, ist sicherlich notwendig, sie wird aber zukünftig angesichts der Fortentwicklung der Bedienerfreundlichkeit der Software immer einfacher zu erwerben sein. Viel wichtiger und viel schwieriger ist es dagegen, Wissen über den adäquaten Einsatz von Technologien zu erwerben, sich Wissen darüber anzueignen, welche Software für welche Problemstellung in welchem Wissensgebiet geeignet ist und wo die Grenzen des Einsatzes von Software und Computern liegen.
Computer frühzeitig nutzen
Deshalb ist eine frühzeitige Computernutzung etwa bereits in der Grundschule, wie von der Enquete-Kommission gefordert, nur dann konstruktiv und sinnvoll, wenn sie dosiert und in Wechselbeziehung zur Wissensentwicklung in der realen Welt erfolgt, wenn sie mit der Entwicklung motorischer Geschicklichkeit (Be-greifen kommt von greifen) sowie der Ausbildung von Merk- und Kritikfähigkeit oder Konzentrations- und Vorstellungsvermögen einhergeht.
Welche Konsequenzen ergeben sich aber daraus für die zukünftige Entwicklung in der Schule? Ein eigenes Schulfach „Medienkompetenz“ ist die falsche Empfehlung. Digitale Technologien und Medienerziehung müssen in alle Schulfächer integriert werden, damit der Einsatz digitaler Technologien stets in Beziehung zu den Inhalten eines Wissensgebietes erfolgt. Sinnvoller Medieneinsatz ist kein Selbstzweck, sondern setzt immer ein Einsatzgebiet voraus. Dabei muss der Medieneinsatz stets mit der Frage nach dem Mehrwert gegenüber traditionellen Methoden einhergehen. Nur wenn sich ein besseres oder zumindest anderes Verstehen von Inhalten erwarten lässt, ist der Einsatz von Medien gerechtfertigt. Deshalb bedarf es auch der fortwährenden Überprüfung, ob die angestrebten Ziele des Technologieeinsatzes auch erreicht werden.
Die elektronische Veränderung hat in den heutigen Schulen längst begonnen. Viele Klassenzimmer sind – Tendenz steigend – mit Beamer und Interactive Whiteboards ausgerüstet. Bereits heute hat (fast) jeder Schüler Zugang zu Computer und Internet, viele besitzen Laptops oder Smartphones (die viele Eigenschaften von Laptops besitzen). Die Voraussetzungen für einen technologieunterstützten Unterricht sind somit vielfach schon gegeben. Aber ohne pädagogische und didaktische Konzepte für den Einsatz der neuen Geräte wird sich allein durch deren Vorhandensein kein besserer Lernerfolg zeigen.
Angestrebte und wünschenswerte Veränderungen in den Klassenzimmern werden sich deshalb nur ergeben, wenn zum einen die Lehrerausbildung auf die zukünftige Situation vorbereitet. Heute besitzt zwar (fast) jeder Student einen Laptop, die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten, digitale Technologien in Veranstaltungen zu integrieren, werden jedoch noch zu wenig genutzt. Zum anderen muss allen an Schulen tätigen Lehrerinnen und Lehrern eine permanente Fortbildung ermöglicht werden.
Der Wandel auf dem Technologiesektor ist rasant. Ein sinnvoller Einsatz digitaler Technologien in der Schule ist deshalb ein fortwährender Prozess, der stets neu im Hinblick auf technische Möglichkeiten einerseits und erreichbare Lernfortschritte andererseits zu diskutieren ist. Dabei bleibt zu bedenken, dass der Einsatz digitaler Technologien nur dann erfolgreich sein kann, wenn er in eine konstruktive durchdachte Lernumgebung eingebettet ist und der Bezug zum traditionellen – technologiefreien – Unterricht hergestellt wird. Altes mit Neuem zu verbinden ist eine Richtlinie, die auch im digitalen Schulzeitalter unverändert gültig ist.
Prof. Dr. Hans-Georg Weigand
Der Mathematiker (59) habilitierte sich 1992 an der Fakultät für Mathematik und Informatik der Universität Würzburg mit dem Thema „Didaktische Betrachtungen zum Folgenbegriff“. Nach Stationen an den Universitäten Eichstätt, Oldenburg und Gießen ist Weigand seit dem 1. April 2000 Professor für Didaktik der Mathematik am Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik der Universität Würzburg. Weigand wurde 2007 zum Vorsitzenden der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik gewählt. FOTO: privat
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