aktualisiert: 01.02.2012 22:59 Uhr
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Leitartikel: Das Ende des Bionade-Märchens
Aufstieg und Ende eines Familienunternehmens
Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Ein Wirtschaftsmärchen aus der Provinz, eine Familiensaga aus Ostheim vor der Rhön, eine echte „Story“. Am Höhepunkt des Erfolgs, also im Jahr 2007, da lag Deutschland Bionade zu Füßen. Die Biobrause hatte mit einer lässigen Mixtur aus ökologischem Gewissen, regionaler Nachhaltigkeit und unverkrampfter, weil ungeplanter Coolness, die Sympathien nicht nur der Bio- und Kneipenszene erobert.
Es war die Zeit als Bionade-Chef Peter Kowalsky in Talkshows vom Wunder aus Ostheim berichtete. Als Zeitungen und Magazine sich im Titeln der Schlagzeilen übertrafen: „Miraculix von der Rhön“, „Zaubertrank aus der Rhön“, „Erfolgslimo der anderen Art“ – die Journaille war von Bionade schlicht begeistert.
Denn ähnlich wie bei der „Landlust“, die mit ihrem Mix aus Flora, Fauna und Feel-Good-Themen ein Zeitschriftensegment neu erfand, kam die Innovation nicht aus den Labors der Branchenriesen. Ein Underdog aus der Provinz zeigte es den Konzernen. Peter Kowalsky konnte die Angebote des Brausegiganten Coca-Cola stets aufs Neue ablehnen. Bionade war hipp – und mit ihr Ostheim und die Rhön.
Doch das unglaubliche Wachstum dieser Jahre – von 2006 auf 2007 verdreifachte sich der Absatz auf rund 200 Millionen Flaschen – war zunehmend auch eine schwere Last für die Familie. Wie sollte es weitergehen? Schon 2007 standen die Lkw in langen Reihen in Ostheim, stapelten sich die blauen Bionade-Kisten auf den Wiesen rund ums Werk. Wäre Bionade weiter so gewachsen, würden in diesem Jahr 16 Milliarden Flaschen produziert und vertrieben werden – weit mehr als die Weltmarke Red Bull Dosen ihres Pappgetränks verkauft.
Es war klar, dass sich was ändern musste. Also erhöhte man den Preis um 30 Prozent und machte Bionade zur „Premium-Marke“. Doch die Berater um Peter Kowalsky hatten ihre Rechnung ohne den Gast gemacht: Szenetrinker und Biofans waren sauer, sahen sich verraten; der Absatz ging in den Keller. Aus Gewinnen wurden satte Verluste.
Ein Jahr später war es so weit, es ging nicht mehr ohne starken Partner. Den glaubte man im Bierkonzern Radeberger, eine Tochter von Dr. Oetker, gefunden zu haben. Doch die Chemie stimmte nicht. Hier regionale Verwurzeltheit, dort globale Produktions- und Vertriebsstrukturen. Hier eine familiäre 12-Uhr-Runde beim Mittagessen, dort Managementmeetings mit Power-Point-Präsentationen.
Als Sigrid Peter-Leipold, die Mutter von Peter und Produktionschef Stephan Kowalsky, im November den Unternehmensbeirat verließ, war dies ein letztes Zeichen. Wochenlang wurde über ein Genossenschaftsmodell spekuliert, mit ihm sollte Bionade wieder zurück zu den Wurzeln gebracht werden. Doch es war wohl zu spät. Dass die Kowalskys nun die Reißleine zogen, ist menschlich verständlich.
Es wäre aber falsch, von einem Scheitern zu sprechen. Was der Familienclan Leipold/Kowalsky in all den Jahren geleistet hat, verdient Respekt. Man hat aus einer fast bankrotten Kleinbrauerei eine Topmarke erschaffen. Man hat sich für die Rhön als Umweltregion engagiert. Man hat nur irgendwann ein paar entscheidende Fehler gemacht.
Wie es mit Bionade weitergeht, liegt nun in den Händen von Radeberger. Auch das Schicksal des Standorts Ostheim. So oder so, das Patent für Bionade läuft 2016 aus, der Markenschutz ein Jahr später.
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